Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- Seite 631 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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631 bin ich!" aus sie zustürzt. — „Und Euer Gepäck?" Die Genannte deutete auf ein Coupe vierter Klasse. Leib springt in dasselbe und kommt bald darauf mit der Reisebagage von „Gietel" zurück; schnell befördert er die Sachen auf sein Fuhrwerk, denn mit dieser Verrichtung hat er Gietel zu seiner Passagierin gestempelt. Jetzt hält er weitere Umschau unter den Angekommenen. Er hat heute Glück, denn es gelingt ihm bald darauf, aus der wogenden Menge sich einen zweiten Passagier herauszuangeln, den er mit Reb Moscheh anruft. Der also Benannte zeigt eine stattliche Figur, ist aber sonst kränklichen Aussehens. Er kommt eben aus der Klinik zu Königsberg, die er wegen eines Halsübels aufgesucht hat. Ja, in Königsberg schüttet ganz Rußland sein körperliches Elend aus, und die Kliniken daselbst wissen sicherlich mehr als alle andern Heilanstalten von dieser Seite des sozialen Elends zu erzählen, wie es sich aus den zusammengedrängtcn Massen der russisch-polnischen Juden nach dort ergießt und in hunderterlei körperlichen Gebrechen zu Tage tritt. Man kann den dortigen Aerzten nicht hoch genug den Eifer und die Fürsorge anschlagen, womit sie sich der Unglücklichen annehmen, die in ihrer Heimath auf die Heilung eines schweren Uebels kaum zu rechnen haben, am allerwenigsten, wenn sie mittellos sind. Bald darauf rollt der Zug ab. Er führt mit sich den obenbezeichneten zurückkehrenden Auswanderer und die Schindeldecker; diese zur freudigen Thätigkeit und Jenen in eine Heimath, die ihm nichts zu bieten hat, als Armuth und Elend. Es vergeht eine Stunde. Inzwischen ist es völlig Tag geworden. Man erwartet den Zug von der Grenzstation Eydtkuhnen. Da braust er endlich heran. Er hält und entledigt sich eines Theils der Reisenden. Sie bestehen wieder in ihrer größeren Menge aus polnischen Juden. Von denen, die in den Coupes verblieben, besonders dort in der vierten Klasse, markirt sich ebenfalls ein großer Prozentsatz als jüdische Angehörige des Zarenreiches, da die Eigenthümlichkeit ihres Wesens immer und überall zu Tage tritt. Abgehärmte, blasse und leidende Gesichter bekunden uns in ihnen nur zu deutlich die Klienten der Königsberger Kliniken; allein unser Blick trifft aus manch gesundheitstrotzendes Gesicht und manches sroh und heiter in das Leben hinausschauende Auge. Männer, Frauen und Kinder schauen sich mit frischen, muntern, ja heitern Blicken um, neugierig zu wiffen, wie die Welt in Preußen anssehe. Wir sagen mit heitern Blicken, denn sie haben keine Veranlassung zur Trauer, wenn sie auch das Land ihrer Heimath verlassen haben. Es sind Auswanderer, die nach Amerika ziehen, wo sie bereits ihre Verwandten vorfinden. Andere scheinen jedoch nicht so leichten Gemüths zu sein. Der Abschied von Rußlands gesegneten Gefilden konnte sie freilich wenig verstimmen; aber ein Jeder ließ einen lieben Angehörigen zurück, von dem man sich schwer trennen konnte. Noch Andere mögen durch sonst süßliche Verhältnisse zu dieser Reise gezwungen worden sein. >Denn es sind gar mannigfache Ausdrücke tiefen Ernstes, die wir zur Wahrnehmung erhalten. ~ Hier der am Fenster lehnende bejahrte Mann, dessen fahle Gesichtsfarbe nnd hohle Wangen von keinem Leben der Wohlgenüsse zeugen; dort die Frau, die das Haupt tief und keusch bedeckt, deren Stirn indes; noch frei genug ist, um uus, tief gefaltet wie sie ist, ein sorgenbcladenes Gemüth kund zu geben; dort endlich das hübsche Mädchen mit Perlenaugen, an welchen indes; Thränen wahrzuuehmen sind. Wem sie gelten? wer kann dies wissen? — Kurz, von allen diesen ist anzunehmen, daß sie sich auf keiner Vergnügungstonr befinden. Bald darauf entführt sie der Zug. Wir haben Zeit, uns nach denjenigen umzusehen, die er zurück-; läßt, die auf den Tilsiter Zug warten müssen, der erst in einer Stunde > eintrifft, um dann die Reise über Thorn nach Berlin fortzusetzen. Unter denen, die auf dem Perron herumstehen oder gehen,; nehmen wir einen Mann wahr — natürlich einen polnischen Juden — der sich mit lebhaften Gestikulationen durch die Menge bewegt, i bald den Einen am Arin faßt, bald dem Andern in geschäftiger Eile! nachrennt und endlich einen Dritten durch heftiges Winken an sich! heranruft; kurz, ein Wesen an den Tag legt, als ob er eine Sache! von äußerster Wichtigkeit in die Hand genommen habe. Was will ' der Mann, was hat er vor? Wird der Leser vielleicht »ein Handelsgeschüft dabei vermuthen, eine Anregung zur Betheiligung an irgend! einer Spekulation, den Abschluß einer Waarenlieferung, das Zustandebringen eines Konsortiums, wozu die Angefaßten, Angegriffenen und E Herangewinkten mit berufen werden sollten? Gott behüte; nichts! Profanem und Weltlichem. Der geschäftig hinnnd herrennende Mann will durchaus nichts anderes als — als ein Minjan machen, will sagen, eine erforderliche Anzahl von zehn Männern zusammen bringen, mit, da er heute Jahrzeit hat, das Kadisch-Gebet sagen zu können, j Wer jemals daran gezweifelt hat, daß man auf einem Bahnhof, i wo alle weltlichen Interessen sich kreuzen, noch dazu kommen könne, in dieser Weise seinen religiösen Bedürfnissen Genüge zu leisten, den j wird jener Mann belehren, daß es für den polnischen Juden in! dieser Beziehung keine Unmöglichkeit giebt. Ob im Hause oder in der Synagoge, ob im Coupe auf der; Eisenbahn oder in einem Winkel des Bahnhofes - wir glauben I selbst in den Vorgemüchern des Königs — er wird, wenn die Zcii j zum Beten da ist, allen entgegenstehenden Umständen ungeachtet, trotz : alledem und alledem seine Andacht verrichten und sich mit der ’ größten Ruhe und Unbefangenheit „Schemoneheßrah stellen". Der Alaun auf deni Bahnhof hat endlich die nöthigen „Zehn" i bekommen, und dort in dem ihnen vom Bahnhof-Restaurateur an- I gewiesenen abgelegenen Raum beten sie jetzt so ungenirt und unbe-! heiligt, als ob sic in der Synagoge wären. Mit dem Gefühl höchster Befriedigung auf dem Gesicht treten : sie später in den Wartesaal und verzehren ihr frugales Frühstück,! bestehend in Hering, Brod und Branntwein. , Endlich läuft der Zug von Tilsit ein. Er setzt alle seine Passagiere aus, wovon wiederum der größte Theil polnische Juden sind. Der Zug, der sie nach Berlin bringen soll, ist bereits rangiert und es läutet zum Einsteigen. Da giebt es eine bunte Bewegung von Laufen, Rennen und Fortschlepyen des Gepäcks.! Auch da ganze Familien, die sich auf der Auswanderung befinden. - Selbstverständlich ist ihre Bagage voluminöser und schwerer als! die aller Anderen. Dazu kommt noch, daß sie mit der Fahrt vierter I Klasse — nnd Alle fahren mit ihr — kein Freigepäck haben. In! Kisten, Säcken und Körben haben sie untergebracht, was nur transportabel ist, und dieses Alles bemühen sic sich, in das Coupe hinein-; zubringen. Die Schaffner sind gutmüthig genug, dabei ein Auge zu- ' zudrücken; sie lassen Yassiren, was nur passirbar ist. Als aber jetzt i mit vereinten Kräften eine Kiste herbeigeschleppt wird, die an Länge! und Breite alles Dagewesene übcrtrisst, da protestiren die sich bereits : im Coupe befindlichen Arbeiter gegen die Aufnahme derselben, und der Schaffner sieht sich genöthigt, diesem Einspruch beizutreten. Run war guter Rath theuer. „Erbarmen Sie sich, Herr Schaffner," fleht der Eigenthümer des Kolosses. „Ohne diese Kiste kann ich nicht fahren, sie muß mit uns mit." „Dann gebt sie als Eilgut auf."