Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- Seite 630 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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63u Reisegelder einen Tag aufhalten. Da sitzt er nun und schaut hinaus \ in die dämmernde Frühe. Was mögen wohl seine Gedanken sein?! Sicherlich nicht solche Betrachtungen, wie sie uns sonst beschäftigen, j wenn wir nach längerer Trennung von Weib und Kind zu denselben; zurückkehren, wo die Freude des Wiedersehens unsere Seelen erfüllt und unser Herz von Sehnsucht schwellen läßt. Dies ist auch ein Wiedersehen! Ein anderer Mann, ein zweiter Sohn Russisch-Polens. Kleid und Haltung, Miene und Gebchrden bezeichnen ihn un- : widerleglich als einen solchen; er gehört indcß nicht zn denen, die ins Elend getrieben, dem Untergange verfallen sind. Er trägt beit unvermeidlichen langen Rock, der durch einen um den Leib geschlungenen Riemen zusammengehalten wird, dann die zugespitzte russische Pelzmütze, die zu tragen Rußland den Juden noch großherzig zugesteht. Seine Beinkleider verschwinden in den hohen Lederstiefcln, die er trägt; in der Hand hält er eine Peitsche. Er gehört mit zn denjenigen, die sich als Fuhrwerker nähren, die Menschen und Frachtgüter von Rußland bringen und zurückführen. Sein mit zwei elenden Gäulen bespannter Wagen hält hinter dem; Bahnhof. Er selbst steht hier und wartet auf Passagiere und Frachtj gut, die ihm der KönigSberger Zug zuführen soll. j Man sieht dem Manne keine Wohlgenährtheit an, aber seine j Bewegungen sind fest und schnell, und seine schwieligen, starkknochigen! Hände zeigen, daß er in seinem Fach zn arbeiten versteht.! Er ist fortwährend das Ziel der Oinnibuslakaien und Droschken-! tutscher, die sich vorhin schon über seine Pferde lustig gemacht und! noch jetzt nicht aufhören, ihn damit aufzuziehen. - Doch Leib Flinkowski ist nicht auf den Mund gefallen; erweis; i ihnen Rede zn stehen.! Als sic meinten, daß seine beiden Pferde auf sünf Angen blind seien, antwortete er: „Und doch sehen Sie, das; Ihr Hundsfötter seid." — Als sie ihn ausiorderten, die Beine seiner Pferde mit Spiritus! einzureiben, erwiederte er: „Oho, Ihr denkt gewiß an Eure Kehlen; ja, wenn ^dieselben einmal als Vorspann gebrauchen soll, so werdet Ihr Eure Freude daran haben." Und als sie ihm endlich ein Stück Wurst mit de» Worten hinreichten: „Iß, Leib, iß!" — sagte er abwehrend: „Laßt es nur, ' denn es ist dem Juden verboten, von einem unreinen Beheme etwas j anzunehmen." So wußte sich der Mann Derer zn erwehren, die ihn verhöhnten. ' Dabei ging ihm die Ruhe und Gelassenheit nicht ans. Er klopfte; vergnüglich mit dem Peitschenstiel an die Stieselschäste und summte , die neue Melodie vor sich hin, die er am Sabbath vom Kantor ge-! hört hatte. ' An einem anderen Platze des Perrons. Es ist eine Anzahl noch in den jüngeren Jahren stehender Männer, die im Kreise umher lagern.! Auch bei ihnen findet man leicht die polnischen Juden heraus, und wenn noch irgend ein Zweifel dabei obwaltete, so würde er durch ihre Sprache beseitigt. Sie unterhandeln lebhaft mit einem christlichen, ländlichen ’ Besitzer. Sicherlich eine Schacherei, wird Mancher vielleicht denken. Nichts weniger als das. Ter Besitzer spricht mit ihnen vielmehr von einem ländlichen , Gebäude, dessen Ueberdachnng er von ihnen besorgt wissen will, er : spricht mit den Schindeldeckern von Tauroggen, die in hiesiger Gegend; eine besondere Spezies von Baukünstlern bilden und sich einer ge-! wissen Berühmtheit in ihrem Fache zn erfreuen haben.! Mancher, der in dem Juden nur die Handelsseele sucht und deren Widerwillen vor dem Handwerk für grundsätzlich hält, mag darüber seine Verwunderung haben; allein es wird begreiflich, wenn man Folgendes hört: Wenn einem ländlichen Besitzer in hiesiger Gegend noch gestattet wird, seine Scheunen und Ställe mit Schindeln zn decken, so sucht er sich zu diesem Behnfe vor Allem die Schindeldecker von Tauroggen auf, einem russische» Städtchen, das nahe an der preußischen Grenze liegt. Diese Männer sind während des Sonuners so stark beschäftigt, daß sie kaum allen Anforderungen gerecht werden können. Sechs Tage arbeiten sie fleißig und rüstig, aber am Sabbath bringt sie kein Mensch an den Ban. Da besuchen sie die Synagoge des Ortes, der ihrer Arbeitsstelle am nächsten liegt. Ein halbes Minjan an Zahl erscheinen sie da, um ihre Andacht zu verrichten, diese wettergebräunten Gestalten, die während der Wochentage in der verzehrenden Sonnengluth auf den Dächern der Scheunen und Ställe umherkriechen, ihrem Berufe obzuliegen. Ani Sabbath ist es eben auch nur, an dein sie Fleisch zu genießen bekommen, denn draußen im Dorfe müssen sie es entbehren, da behelfen sie sich mit Kartoffeln und Hering. Der Sabbath muß ihnen gewährt bleiben, sonst nehmen sie die Arbeit nicht an; und sie können daraus bestehen, denn „es sind die geschicktesten, fleißigsten und nüchternsten Arbeiter", äußerte sich ein ländlicher Besitzer über sie. Sie sind eben jetzt wieder von einem solchen engagirt. Dort zwei Männer ebenfalls russischer Abstammung, die iich einen ganz anderen Berufszweig erwählt haben. Sie haben sich den Titel „Kammerjäger" nsurpirt, denn sie besitzen kein Diplom über diese Charge, sie haben auch niemals eine Forstakademie besucht. Ihre Kammerjägerei besteht darin, die Ratten und Mäuse aus den Häusern zu vertreiben. Es geschieht dies vermittelst Arsenik, welches käuflich ans der Apotheke erwerben zn können, eine besondere polizeiliche Vergünstigung für Jossel BialSki und Moses Taubenschlag geworden ist, eine Art Privilegium, da dieses Gift sonst an Niemanden verabreicht wird. Sie betreiben das Geschäft jetzt gemeinschaftlich, weil sie herausgesunden, daß bei statthabender Konkurrenz der vordrängende Eifer eine nur allzuschnelle Verödung des Jagdgebietes erzeugen würde. Sie haben ihren Sitz in Königsberg und befinden sich eben auf einer Rattenvertilgungstour durch die Provinz. Der Königsberger Zug ist bereits signalisirt worden. Jetzt das dumpfe Rollen aus der Ferne, der schrille Pfiff der Lokomotive und endlich noch das sogenannte Ablüuten, das zum Einsteigen einladet. Der Zug ist da. Nun beginnt ein buntes, überaus bewegliches Bild sich zu entwickeln. Eine große Menschenmenge drängt, stößt und schiebt sich durcheinander. Der eingelaufene Zug gieht einen großen Theil seiner Insassen frei. Unter denselben erregt vor Allen eine Frau unser Jntereffe, die einen Knaben an der Hand führt, um dessen Augen eine Binde gelegt ist. Die Frau ist mit ihrem Kinde, das in Gefahr ist zu erblinden, beim Professor in Königsberg gewesen. Unsäglicher Kummer, unsäglicher Schmerz lagern sich in den Zügen der unglücklichen Mutter, die von dem Manne der Wiffenschaft nur sehr wenig Hoffnung auf Genesung des geliebten Wesens erhalten hat: sie soll in drei Wochen wieder kommen. Unser oben erwähnte Fuhrmann Leib war der Frau kaum ansichtig geworden, als er sich mit dem Rufe: „Gietel, Gietel, hier