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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-18 · Heft 49 (18.12.1890) · p. Seite 629

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 49 (18.12.1890)
Date
1890-12-18
Page
Seite 629 (sequence 9)
Language
German
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629 „Ich werfe’ gewiß in mein' Leben mehr kein' so guten „Schabbes" haben, wie heut," sagte der Schnorrer bei Tische am Freitagabend. „Warum?" fragten sie Alle. „Warum? weil ich hieher in mein' Leben nicht wieder kommen werfe', ich bin heut das letzte Mal hier." „Was sind das für Red'?" fragte einer "der Brüder; der Schnorrer aber sagte: „Ich geh' jetzt nach Jeruschulaim!" „Nach Jeruschulaim!" war der allgemeine Ausruf des Staunens. »Ja," sagte der Schnorrer, „ich geh -nach Jeruschalaim; es ist mir dahin schon ein großer „Choschew" (würdiger Mann) vorausgegangen, und es wird mir dahin auch noch ein großer „Choschew" Nachfolgen." „Was heißt das? was redt Ihr da so dunkel?" „Seht Euch da den Brief an," sagte der Schnorrer, nachdem er denselben aus seiner Brusttasche hervorgeholt hatte, „könnt Ihr „leinen" (lesen), an wen der Brief geschrieben ist?" „Wenn es nicht „Loschen hakodesch" (in der heiligen Sprache) war', könnten wir's schon/' sagte Haschele, „leint Ihr es uns vor!" Der Schnorrer las die Adresse in hebräischer Sprache vor und übersetzte sie der horchenden Familie also: An den göttlichen Mann, den Großen und Erhabenen, berühmt in der Lehre und in der Gottesfurcht, das Wunder seiner Zeit, die Säule des Judenthums, den Rabbi Leb in Jerusalem. (Schluß folgt.) U An der preußisch-russischen Grenze. Von Moritz Scherbe!. Es ist Morgens 9 Uhr. Tiefe Dämmerung lagert noch über dem Bahnhof von Insterburg, welche Stadt wohl an drei Meilen von der deutsch-russischen Grenze entfernt liegt, nichtsdestoweniger aber den Kanal bildet, der den Strom der russischen Auswanderer nach allen Ländern der Welt leitet. Das grelle Licht der von dem starkwehenden Morgenwinde unsicher gemachten Gasflammen beleuchtete die hin und her sich bewegenden Gestalten einzelner Passagiere, die sich bereits auf dem Perron eingefunden, um den von Königsberg kommenden Zug zur Weiterfahrt zu benutzen. Der größte Theil dieser Passagiere besteht, wie der erste Blick schon zeigt, aus jüdischen Angehörigen des großen Zarenreiches. In der That, wenn die russische Regierung die Absicht hätte, ein Gepräge der Gesinnung, die sic gegen diese Kategorie ihrer Bevölkerung hegt, ins Ausland zu schicken, so würde es hervorleuchten aus der Sonderheit in Wesen. Sprache und Kleidung, die wir an ihr wahrnehmen. Wir bekommen mitunter französische, englische und amerikanische Juden zu sehen, nirgends aber wird sich das Nationale in so nachtheiliger, abfälliger Weise markiren, als an dem polnisch-russischen Juden, bei feem Alles, was an ihm haftet, in grellen Farben den Einfluß kennzeichnet, den Rußlands Kultur. Rußlands humanitäre und politische Prinzipien auf ihn ausüben. Die Anschauung, die man in Rußland über Volksbeglückung und Rechtsgleichheit hat, spiegelt sich in nichts so sehr ab, als in dem polnisch-russischen Juden, wie man ihn hier unweit der Grenze zu sehen bekommt. Unser Blick fällt zuerst auf einen Mann, der, nachdem er einen gefüllten Sack aus feem Wartesaal vierter Klasse herausgeschleppt, sich auf denselben niederläßt, mehrere andere kleine Packete um sich plazirt und mit einem Blicke um sich schaut, der zu sagen scheint: dieses ist mein Rayon. Indem wir also dieses Besitzthum bei ihm gewahren, erkennen wir, daß er noch nicht zu den Aermsten gehört. Nicht zu den Aermsten, denn er kann noch das, was den Inhalt des Sackes bildet, das, was um ihn her liegt, sein nennen; mehr aber nicht. Er ist im Begriff, nach dem geliebten Rußland oder vielmehr! nach der Grenze desselben zurückzukehren, nachdem er im vorigen Jahre aus dem gesegneten Zarenreiche ausgewiesen worden, weil sein Vater als ein deutscher Angehöriger ermittelt und daher auch dessen Kinder kein Recht hatten, russische Luft zu athmen. Das erzählte uns der Mann.! Daß man noch aus Rußland ausgewiesen werde» muß und sich ' nicht von selbst mit Siebenmeilenstiefeln aus demselben fort macht, j ist sicherlich eine Ironie des Schicksals, welche so viel des Traurigen! in sich trägt, daß es kaum mit der Feder wiederzugeben ist. Der Schmerz der Trennung hat seine Berechtigung, wenn man ein Land verlassen muß, dessen Segnungen und Wohlthaten man genießt, aber es müssen traurige Ursachen vorhanden sein, die einem! das Verbleiben in einem Staate noch wünschenswerth machen, wo! man nur Druck, Mißachtung und Zurücksetzung empfängt. Hier ist es die allerschlimmste Mittellosigkeit, welche der Ausi Wanderung unsägliches Elend anhängt. Unser Mann hat sich in Rußland nur kümmerlich genährt, aber er hat seiner Familie Brod gegeben. Die Länge der Zeit hatte ihm die Wege gezeigt, auf welchen er den kärglichen Unterhalt aufzubringen im Staude war, und wenn es auch nur ein kümmerliches Dasein gewesen, das er mit Frau und Kindern > gefristet, so hatte man sich daran gewöhnt und beanspruchte nichts! Besseres. Nun kam aber der Befehl, fortzugehen von dieser lieb gewordenen Stätte der Dürftigkeit. Fortzugehen, — aber wohin? Man ließ dem Mann nicht Zeit, sich darauf zu besinnen. Man warf ihm die wenigen, armseligen Sachen, die er besaß, auf die Straße, von da auf einen Wagen, der sie nach jenseits der Grenze bringen! sollte, hinterher die Familie, Mann, Frau und Kind.; In dein ersten preußischen Dorf ward Halt gemacht. Die! wenigen Habseligkeiten werden vom Wagen geworfen, und der Besitzer i derselben weiß nicht, wo er sie unterbringen, wo er sein Nachtlager! aufschlagen soll. Mitleidige Dorfbewohner nehmen sich seiner an, es wird ihm eine Art Stall eingeräumt, er wird mit Kartoffeln und Brod versorgt. Die Familie ist einstweilen vor dem Verhungern und den Unbilden ' der Witterung bewahrt. Aber auf die Dauer kann sie den Bewohnern des Dorfes nicht zur Last liegen. Da faßt der Mann einen Entschluß. Er hat Verwandte und gute Bekannte in London, er will einstweilen i sich allein nach dort begeben, um für seine Familie ein Heim zu schaffen. Um die Kosten der Reise zu erlangen, wird ein Stück Bett verkauft. Verwandte in dem benachbarten Rußland versprechen, inzwischen für Frau und Kind zu sorgen. Er kam in der Millionenstadt an und sucht seine Verwandten und Freunde auf. Sie freuen sich wohl im ersten Augenblick mit ihm, aber als es galt, ihn zu unterstützen, ihm zu irgend einem Erwerbszweig zu verhelfen, da zeigen sie sich in der allerärgsten Unzuverlässigkeit. Er ist auf sich selbst angewiesen; allein, aller Geldmittel . baar und der englischen Sprache nicht mächtig, quält er sich ein ganzes Jahr und hungert schließlich mit den Tausenden, die in der Riesenstadt dem Elende verfallen sind. Alle Pläne, die er entworfen, sind gescheitert, bis auf den einen: wenn es nicht mehr gehen sollte, nach Deutschland zurückzukehren. Wir finden ihn jetzt hier auf seiner Rückreise vor. Die Koste» , hierzu hat er durch Unterstützungen aufgebracht; er schleppt sich in : dieser Weise von einem Ort zum andern. Er ist bereits gestern früh j in I. angelangt und mußte sich daselbst zur Beschaffung der weiteren

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