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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-18 · Heft 49 (18.12.1890) · p. Seite 628

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 49 (18.12.1890)
Date
1890-12-18
Page
Seite 628 (sequence 8)
Language
German
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628 Rabbi Leb hatte keine Ahnung davon, wer in der Thür stand und ihn belauschte, als er in seiner Betrachtung immer weiter und weiter ging und mit immer lauterer Stimme in die Tiefen und Geheimnisse einzudringen suchte, welche die Natur mit einem undurchdringlichen Schleier verhüllt hat. Wozu ist der Mensch da auf der Welt? rief er — und wozu ist die ganze Welt da? Hat sie einen Zweck und hat der Mensch eine Bestimmung aus Erden, oder ist Alles nichts? Ich sehe keinen Plan, der durch die ganze Schöpfung geht! Nein, nicht Weisheit hat diese so schlecht eingerichtete Welt vorhergesehen und geordnet. Es kann nicht sein! es giebt keinen.Gott! Bei diesen Worten, die Rabbi Leb in höchster Extase ausrief, hatte er das Gefühl, als ob er von äußerer Gewalt gegen die Thür herumgewendet worden wäre und was sah er da? .... In der Thüre stand sein Genosse Rabbi Elieh mit düsterem, str.-ngem Antlitze; er sprach kein Wort, er blickte rnhigMn Genossen an und hielt die rechte Hand mit ansgcstrecktem Zeigefinger hoch in die Höhe gehoben. Und über seinem Haupte flammte es auf in der hereiuge-, brochenen Dunkelheit, wie goldene Schrift, in der Rabbi Leb beutlidg die beiden Worte Adonai Echod seinem Auge entgegenblitzen sah. M Rabbi Elieh verließ die Stube. Nach drei Tagen kam er wieder^ nun meinte er, sei es Zeit, den geliebten FrcrM zu seiner früheren Thätigkeit wieder zurückzuführen: allein er traf denselben nicht mehr an. Alles, was er erkundigen und erfahren konnte, war dies, der Rabbi Leb sei fortgegangen intz Land Israel — nach Jerusalem. Wie tief Rabbi Elieh den Schmerz der Trennung auch empfinden mochte, so freute er sich doch sehr über den Ausgang, den die Sache genommen; denn er sagte: wenn Rabbi Leb in das Land Israel, nach Jeruschulaim geht, so bin ich versichert, er geht nicht als ein „Apikores" (Gottesleugner) dahin. Er hat sich nichr geirrt, nicht als „Apikores", als ein zerknirschter, domüthiger Sünder hat Rabbi Leb seine Pilgerschaft angetreten. Nachdem er sich von der Erde, auf der er die ganze Nacht liegen geblieben war. wieder erhoben hatte, sagte er die „Widde" (das Sündenbekenntniß) und schlug bei jedem Worte, das er sprach, auf seine reuerfüllte Brust. Dann aber nahm er seine» Stecken und ging fort, die thcure Heimath und den geliebten Freund zurücklasscnd; er hatte es auf sich genommen, als ein unbekannter, demüthiger Mensch in die Welt hinanszuziehcn, aus jede Ehre, die ihm das Leben hier noch bieten konnte, zu verzichten, keinerlei Auszeichnung auf Erden anzusprechen und anzunehmen, kurz Allem zu entsagen und in gänzlicher Selbstverleugnung und duldendem Schweigen hinzuziehen, ob cs ihm wohl gelingen möchte, dahin zu kommen, daß er auf dem heiligen Boden, aus dem die Patriarchen gewandelt, sich hinwerfen könne vor Gott, um seiner Buße genug zu thun. Rabbi Leb wunderte nun von Ort zu Ort und lebte von der Mildthätigkeit der Menschen. So war er auf seiner Wanderung an jenem ersten Chanukah- Abend auch hier auf unserer Rande angekommen, und wir haben gesehen, was ihn hier festgehalten. 6. Oer Brief. Aus der Rande war es seit jener Zeit, da Kachele den Heirathsantrag zurückgewiesen, den der Vater mit Aufgebot aller väterlichen Strenge und Zärtlichkeit, aller Drohungen und Ueberredungskünste, deren er fähig war, unterstützt hatte, etwas still geworden; nicht daß das gewohnte Leben sich anders gestaltet hätte, als früher; im geschäftlichen Thcile der Haushaltung ging Alles nach wie vor seinen regelmäßigen Gang; aber im häuslichen Verkehr der Familienglieder untereinander war mau seit jener Zeit etwas kleinlaut geworden, man wich einander eher aus, als man sich suchte; man vermied es, von Dingen zu sprechen, die auch nur entkernt auf die unselige Brautwerbung hinführen konnten, man wollte durch kein unüberlegtes Wort den Vater reizen oder die Schwester kränken. So herrschte denn in dem früher lustigen Hause die Schweigsamkeit vor; Jeder ging an sein Geschäft, that was seine Pflicht war, im Uebrigen sprach Niemand ei^ überflüssig Wort, als ob sie Alle von dem Branntweinbrenner das Schweigen erlernt hätten. Nur wenn ein Fremder, ein Gast, ein Schnorrer oder sonst. Jemand anwesend war, dem diese Stille ausgefallen wäre, pflegte "nM anstandshalber das Schweigen auf kurze Zeit zu unterbrechen; doch nWMr- Alle die Vorsicht peinlich, mit der sie bei solchen GesPräf^Mwehen mußten, um aus der geraden Linie nicht herauszutretW^M^weder rechts noch links anzustoßen. Rachele verweilte viel im oberen Stockwerk. War sie sonst gern da, um von hier mit Wohlwollen das bescheidene und demüthigc Thun und Lassen des fremden Maunes zn betrachten, so gewährte ihr gegenwärtig dieser Aufenthaltsort ein .Asyl, wo sie mit Gedanken Imtö Empfindungen allein sein konnte, sie nicht äußern durfte, kuntz nichts war ihr lieber, als dieses ungestörte Schwelgen in ihren Empfindungen. Da überdachte sie. ihr ganzes bisheriges Leben, ihre glückliche Kinderzeit, da erinnerte sie sich an alle Einzelheiten, welche sich namentlich im Laufe des letzten Jahres Tag für Tag ereignet hatten. Sie hatte kein Tagebuch, sie hatte es in ihren; Gedächtniß und wußte fast von jedem Tage irgend etwas, das auf den Geliebten ihrer Seele einen Bezug hatte. Es war seit seiner Ankunft jetzt gerade ein Jahr verflossen; denn wieder wurden die Tage kurz und die Nächte lang, wieder bedeckte Schnee Alles rings umher, wieder rückte das schöne Fest der Tempelweihe heran, an welchem die brennenden Lichtlein Israels Freude leuchtend in die Welt hinauskündeu. Es war Freitag. Rachele stand nun oben beim Fenster im ersten Stockwerk und ließ das Auge über die weite schneebedeckte Fläche hinschweifen, da sah sie von ferne eine Gestalt, die sich auf der Landstraße gegen das Dorf her bewegte. Sie forschte etwas schärfer, und wie die Gestalt näher und näher kam, da konnte sie in derselben ohne Mühe den sagen- und märchenkundigen „Schnorrer" erkennen, der vor längerer Zeit die schöne Geschichte von dem ehrgeizigen Fischerweibe erzählt hatte. Mit einer Freude und einer Lebhaftigkeit, die man lange Zeit an ihr nicht mehr bemerkt hatte, und die ganz aus ihrem Gemiithe entschwunden schien, rannte sie die Treppe hinunter, um den Brüdern diese Botschaft zu verkünden. „Werdet Ihr mir Bückenbrod geben?" fragte sie die Brüder. „Warum, was ist vorgefallen?" fragten diese. „Wißt Ihr, wer ankommt," sagte das Mädchen, „der Schnorrer mit den schönen Geschichten." „Der, was uns damals das „Maißeleh" (Geschichtchen) von dem Fischerweib erzählt hat?" fragte Haschele. „Ja derselbige! er muß bald da sein! ich habe ihn von Weitem gesehen," berichtete die Schwester. „Da Hab' ich ja eine Freude," sagte Haschele, „werden wir wenigstens einmal wieder ein bissel lustig sein." „Ich freu' mich mehr darüber, daß sie so eine Freud' davon hat," sagte der älteste der Brüder, nachdem die Schwester sich wieder entfernt hatte. „Ihr mögt mir glauben, der Vater wird sich über die Sach' das Herz abessen." Der lustige, vielgewanderte, sagen- und märchenkundige Schnorrer war wirklich eingetroffen und ward von Allen sehr freundlich ausgenommen. Er verlebte hier einen guten Sabbath auf der Rande.

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