Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- Seite 627 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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627 je gehört habe, sofort seinen Anfang. Die erste Stimme setzte so hoch ein, daß der Mann sich mehrere Sekunden abmühte, ehe er überhaupt nur einen Ton Hervorbringen konnte. Dann sang er die Worte sehrlangsam und dehnte die Noten in zahlreichen Schnörkeln aus, wobei er mit Falsettstimme so laut wie möglich kreischte. Die Zweite Stimme bildete die Begleitung; aber beide Sänger schrieen so laut, daß von Musik keine Rede mehr war und wir uns Zu entfernen beschlossen, zumal da die Versammlung sich ohne Rücksicht darauf daß hier Gottesdienst abgehalten wurde, immer enger um uns drängte. Der Rabbi zeigte uns, was sie an interessanten Dingen besaßen, darunter ein Schriftstück in sehr kleinen Buchstaben; auch bot er mir ein Bild, welches, wie ich glaube, aus Jerusalem stanunte und in der Synagoge hing, zum Andenken an. Dann entfernten wir uns aber so schnell wie möglich, nachdem der Rabbi uns noch dringend gebeten hatte, wir möchten ihn doch besuchen. Am folgenden Tage führte General Korolkow uns nach einer Schule, unter deren 77 Schülern sich nicht weniger als 30 Juden befanden, die, wie ihre europäischen Glaubensgenossen, bemerkenswerthe Fähigkeiten zeigten und die russischen und sartischen Mitschüler in ihren Leistungen übertrafen. Ich hätte gern die jüdischen Kinder lesen gehört, allein dem stand eine Gewissensfrage oder vielmehr ihr Religionsgesetz entgegen; sic hatten Fasttag, und wenn sie auch auf Befehl der russischen Behörden Zur Schule gekommen waren, weil ich dieselbe voll besetzt sehen sollte, so durften sie doch nicht lesen, weil dies eine Arbeit gewesen wäre. (?) Zwei Tage später statteten wir dein Rabbi einen Besuch ab, der noch immer das Laubhüttenfest feierte und uns in seinem Zelte empfing. Er machte sich ein Vergnügen daraus, meine Fragen zu beantworten und theilte mir mit, daß in Samarkand 2500 Juden in 400 Haushaltungen lebten. Bezüglich der „verlorenen Stämme" erzählte er mir eine wohlbekannte jüdische Tradition, wonach am Sambation, der nach seiner Meinung in China, nach anderer Angabe in Afrika sein soll, ein Volk lebe, welches die Chinesen Söhne Abrahams nennen, sowie daß die Muselmänner ben Juden in Samarkand gegenüber behaupteten. sie hätten Glaubensgenossen von ihnen in China getrosten. Die Juden hätten letztere jedoch nicht gesehen, und zwar aus dem seltsamen Grunde, daß der genannte Fluß an sechs Tagen heißes und am siebenten Tage kaltes Wasser habe; an letzterem sei es aber für die Juden gesetzwidrig, denselben zu überschreiten. während die Mohammedaner durch solche Rücksichten nicht gebunden seien und deshalb vielfach die Gelegenheit benutzten, die Juden am jenseitigen Ufer Zu besuchen.') Eme andere Legende bev 0 Es ist interessant, mit dieser mir auch in Kotau erzählten Sage von den in China lebenden Inden den Bericht Finns über die „verwaiste Judenkolonie" in der Stadt Kae-Fung-Fn zu vergleichen, die im Jahre 1870 bereits so gut wie vollständig in der sie umgebenden chinesischen und mohammedanischen Bevölkerung aufgegangen war. An ihrer Synagoge angebrachte Tafeln erzählen von mehreren Wanderzügen dorthin, von denen die ersten zur Zeit der Tschau-Dynanie in den Jahren 1122 und 249 v. Chr. Geb., ein dritter im Jahre 1163 n. Chr. Geb. stattgefunden hat. Im Jahre 1843 wurde ihnen durch Vermittelung des englischen Konsuls tu Ring Po ein Schreiben übersandt; fünf Jahre später traf ein Brief von ihnen ein, welcher von dem Verfall ihrer Religion und Synagoge berichtet. Einige nehmen an, daß die Stammväter der Kolonie über Chorasan und Samarkand voll Persien gekommen seien, weil sich in den Inschriften ihrer heiligen Bücher persische Worte finden. Bischof Smith in Victoria schickte darauf Boten all sie und ließ einige ihrer hebräischen Manuskripte ankaufen. Im Jahre 1866 stattete Dr. Martin, ein amerikaliischer presbyterianischer Missionar, den Ueberresten des Volkes einen Besuch ab; seitdem haben Juden und Christen ein reges Interesse an der verlassenen Lage der Kolonie genommen. jedoch weiß ich nicht, ob irgend welche praktische Vorschläge zu ihren Gunsten mit Erfolg zur Ausführung gebracht worden sind. Juden in Samarkand weiß zu melden, daß die Stadt sieben Mal zerstört worden und 24,000 Kohanim-Juden, die einen von dem Beerdigungsplatz der übrigen Israeliten abgesonderten Friedhof hatten, dabei umgekommen seien. Tamerlan habe sieben jüdische Familien von Meschhed mitgebracht, deren Abkömmlinge noch jetzt in Buchara und Samarkand lebten. Meiner Meinung nach sind dies aber durch nichts begründete Sagen, da der Rabbi mir ebenfalls sagte, die Juden lebten erst seit einem Jahrhundert in Samarkand, und hinzu fügte, sie feien von den Stämmen Rüben und Gad und zum Theil vom Stamme Manasse. Er setzte ulls Früchte vor und bat, zunl Mittagsessen zu bleiben, allein da wir vom General erwartet wurden, so mußten wir diese freundliche Einladung dankend ablehnen. 9 -»-**w* Feuilleton. Der unbekannte Gast. Eine Geschichte von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Ich sehe in dem ganzen Welt- und Menschell-Dasein keinen Plan. Wenn mir ein Floh in das Ohr hineinspringt und drinnen herumhupft, so stehe ich eine fürchterliche Pein aus, und ich Hab' zu thun, um ihn zu tobten und wieder herauszubrmgen. Und was kann der Floh dafür, daß er sich in mein Ohr hinein verirrt hat? Wie, welln die ganze Erd', ans der wir leben und auf der so viel Millionen Geschöpfe Herumtreiben, wie. wenn sie selbst ein lebendiges Geschöpf war', ein Geschöpf mit Gefühl und Bewußtsein? Wie wenn ein harmloser Mensch, der auf nichts Böses denkt, auf seiner Wanderung zu einer Höhle kommt und er geht in dieselbe hinein, so kommt der Menschenfloh ebenso unvermilthet hinein in das Ohr von dem Erdenthier, wie der gewöhnliche Floh in mein Ohr hineinkommt. Der Mensch verursacht dann dem Erdenthier darinnen vielleicht ebenso gut einen Kitzel und Reiz, gerade so wie der wirtliche Floh bnvd) seine Sprünge dein Menschen. Das Erdenthier räuspert sich, macht eine Bewegung, und mir einem Ruck oder Stoß ist der arme Menschenfloh in die Höhle verschüttet unb begraben. Was kann mm der Mensch dafür, daß er hineingegangen? Während sich Rabbi Leb solch' phantastischen Betrachtungen hillgab, saß Rabbi Elieh in seiner Studirstube über einem mächtigen Folianten, aus welchem schöpfend er seinen Wissensdurst stillte. Aber trotz seiner Besonnenheit, die ihn rast nie verließ, schien er heute dennoch etwas beunruhigt. Ter Genosse, der Unzertrennliche, der stets mit ihm genleinschaftlich im Gesetze forschte, war heute noch nicht erschienen. Den ganzen Nachmittag hatte Rabbi Elieh ihn erwartet, so oft sich die Thür geöffnet, hatte er gehofft, ihn jetzt eintreten zu sehen, aber jedesmal vergebens; Rabbi Leb kam nicht. Dies erfüllte Rabbi Elieh mit erklärlicher Besorgniß, denn wenn der Genosse, der sollst noch keinen Tag versäumt hatte, bei ihm einzutreten, seitdem sie sich kennen gelernt, nicht kam, wenn er ausblieb, dann mußte die Aufregung, die in ihm durch die erlebte Naturszene hervorgerufen worden, eine gefährliche sein, Rabbi Elieh war nicht der Mann, einen Kranken so gefährlicher Art im Stiche zu lassen. Kommt er nicht zu mir, so gely ich zu ihm - - sagte der fromme Rabbi unb machte sich auf den Weg. Es dämmerte bereits, und der Rabbi schritt mit einem sonst nie gekannten, bangen Vorgefühl durch die düstern Gassen, um zu der Wohnung seines Freundes zu gelangen.