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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-18 · Heft 49 (18.12.1890) · p. Seite 626

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 49 (18.12.1890)
Date
1890-12-18
Page
Seite 626 (sequence 6)
Language
German
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626 heiten, mögen sie religiöser oder politischer Natur gewesen sein, wendeten sich ihre Blicke nach Wien. Hier holte sie Rath, Beistand, Vorbild. Nunmehr ist es aber so weit gekommen, daß in Allem j und Jedem, was hier verfügt werden soll, der Ausblick nach ausj ivärts genommen wird. Jede Gemeinde sekundärer oder auch ter-! tiärer Stellung ist bedeutend genug, daß die Weisen am hiesigen! Vorstandstisch die Einrichtungen dieser Gemeinden als Musterbilder; gegenüber den hiesigen hinstellen. Ueberhaupt gestaltet sich die ans; diese Weise sich kundgebende Nachahmung zu einem Prokrustesbett,; in welches die Gemeindeinstitutionen, ob für unsere Verhältnisse und ' Bedürfnisse passend oder nicht, gezwängt werden sollen. Daß hierdurch die Gemeinde von ihrer präperondirenden Stellung, der autoritativen Höhe ihres Ansehens depossedirt wird, ficht diese Herrenwenig an.! Das Urtheil darüber kann nur lauten: mag auch jeder von diesen Herren in seiner Berufssphäre wacker und tüchtig sein — für! die Leitung der hiesigen Gemeindeaugelegenheiten sind nur wenige von ihnen qualifizirt. Betrübend ist es. daß die Gemeindemitglieder dieser nicht genug zu beklagenden Erscheinung mit verschränkten Armen gegenüber stehen. Es zeigte sich dies bei der, jüngsten Sonntag, den 23. November, stattgefundenen Vorstandswahl. Nicht 10 Proz. der Wühler nahmen . daran Theil, und selbst diese minime Zheilnahme ist nur auf die! monatelange Agitation seitens der bereits geschilderten Vereine und! einzelner Funktionäre der Gemeinde zurückzuführen. Möge aus der Nacht dieser Verhältnisse der Tag freundlicherer i Zustände hervorgehen. Die gegenwärtig nothwendig gewordene Neuj wähl eines Vorstandsprüsidenten nwtivirk diese Sehnsucht nur zu sehr.; „Wer soll Präsident werden?" ist die Frage, welche sich auf die ' Lippen eines jeden Gemeindemilgliedes drängt und in Kreisen, in I welchen man das Wohl und Wehe der Gemeinde ernst nimmt, tiefe! Besorgniß hervorruft. Tie Ambition allein kann doch für die Wahl! nicht maßgebend sein. Oder soll es dahin kommen, daß die Gilde! der Kritikaster in aphoristischer Kürze ihr Urtheil über die Zustände in unserer großen Gemeinde in der Apostrophe fälle: „Was kann an unserer K'hilla sein, wenn mein Vetter Roschhakohol ist!" Vielleicht könnte eine Remedur durch das Medium der Publi-! zistik geschaffen werden. j Ein Zeitungsorgan, das vornehm in Ton und Darstellung, objektiv in Inhalt und Behandlung den Interessen des Judenthums überhaupt und insbesondere denen unserer Gemeinde sich widmet, würde als geistige Lymphe sich bewähren, welche zweifelsohne in nicht allzu langer Zeit die Gesundung unserer tranken Gemeindezustände herbeizufüyren im Stauüe wäre. Nörgeleien und Verhetzungen haben genug des Uebels über uns herausbeschworen: wäre nur die Erkenntniß hierfür allseitig vorhanden!? Sie Juden in Samarkand. Von Henry Landsdell.') Wenige Stunden mich unserer Ankunft in Samarkand machten wir bereits die Bekanntschaft eines Juden, welcher als offizieller i russischer Tolmctscher fnngirtc und uns vom General Korolkow jeden- : falls zur Begleitung nntgegeben worden wäre, wenn die Juden nicht! gerade ihr Laubhüttenscst gefeiert hätten, während dessen Dauer sie i ■j Ter berühmte englische Reisende Henry Landsdell hat in seinem : letzten Werke „Russisch-Central-Asien" den asiatischen Juden lebhaftes > Interesse gewidmet. Wir bringen hier zwei Kapitel in der deutschen > kkebersetzung, die uniere Leser besonders interessiren werden. Die Red. keine Dienste verrichten dürfen. Er erklärte-uns deshalb, er könne nicht mit uns nach dem Grabmale Tamerlans fahren, doch verbot sein Gewissen ihm nicht, sich zu Fuß dorthin zu begeben. Unterwegs erzählte er uns, daß die Juden in Asien die Gesetze viel strenger beobachteten, als in Europa. Während wir die Hochschulen besichtigten, verließ er uns, jedoch trafen wir ihn später im Judenviertel im Hause eines Religionsgenossen Raphael Moses Kalendarow wieder; letzterer war anscheinend ein sehr wohlhabender Mann, da er wahrscheinlich die Synagoge, die denselben Namen trug wie er, auf seine Kosten hat bauen lassen. Im Hofe oder Garten war ein baumwollenes Zelt aufgeschlagen, wo während des Festes die Mahlzeiten eingenommen wurden und Laubschmuck in Gestalt eines großen Kandelabers angebracht war, an welchem Aepsel, Quitten und Safran-Blüthen hingen, während auf der mit Teppichen belegten Erde Schüsseln mit gedörrten Erbsen, Pistazien, Weintrauben, Pfirsichen und Aepseln, sowie Fleisch- und Möhren-Pasteten, geröstete Aprikosen- und Pflauinenkerne standen. Zahlreiche Leute kamen herein und hockten, aber nicht mit übergeschlagenen Beinen, an den vier Wänden des Zeltes nieder. Ich knüpfte sofort eine Unterhaltung mit ihnen an, um mich über ihre Lage und die ihrer Religionsgenossen in Buchara zu erkundigen. Bezüglich der Letzteren wurde uns hier bestätigt, was wir schon in Kotau gehört hatten, daß die Juden sich nicht dem Bedürfniß entsprechend Synagogen bauen, ohne Erlaubnis; des Emirs einem Muselmann kein Hans abkaufen, in der Stadt Buchara nicht auf einem Pferde reiten, keine andere Kopfbedeckung als eine schwarze baumwollene Mütze im Werthe von wenigen Pfennigen und keinen anderen Giirtel, als einen Strick tragen dürfen. Wir erfuhren ferner, daß, wenn ein Muselmann einen Inden schlägt, letzterer den Blick zur Erde senken und sich dcmüthig unterwerfen muß. Veruneinigen sich zwei Juden, so muß der Streit nach mohammedanischem Gesetze geschlichtet werden, doch sind die Juden in Buchara so eingeschüchtert, daß sie sich nicht an die Russen um Hilfe zu wenden wagen. Ich bot ihnen an, mich für sie beim Emir zu verwenden, allein sie I ehntcn dies ab, weil sie fürchteten, daß ihre Lage dadurch noch schlimmer werden würde. Nachdem ich das Zelt verlassen, forderte der Wirth mich auf, sein im Ball begriffenes neues Hans zu besichtigen, das nach seiner Ansicht wohl großartig sein mochte, in welchem mir jedoch nur die vielfarbigen Verzierungen nach sartischer Mode an den Wänden aufsielen. Dann bestiegen wir das platte Dach, wo Aprikosen getrocknet wurden. Voll oben konnte ich in einen benachbarte» Hof hinabblicken, wo ich eine unverschleierte junge Jüdin sah; das würde in Europa nichts Ungewöhnliches gewesen sein, hier aber ergriff das Mädchen, als es mich entdeckte, sofort die Flucht, wie wenn es unschicklich gewesen wäre, sich unverschleiert vor einem Fremden sehen zu lassen. Möglicherweise wäre es geblieben, wenn mein Wirth allein gewesen wäre, denn die Jüdinnen in Centralasien verschleiern sich auf der Straße nur, um vor Beleidigungen geschützt zu sein. Nachdem wir auf den Wunsch unseres Dolmetschers Moses auch erst sein Zelt angesehen hatten, wo wir n. a. eine Pflanze bemerkten, deren Samen angeblich das Schielen heilt, begaben wir uns nach der Synagoge, deren Bau den Inden erst nach der Besetzung Samarkands durch die Russen gestattet worden ist und wo eine große Versammlung erschienen war, weil die besten Chorsänger der Gegend an diesem Abend singen sollten. Gleich darauf erschienen zwei Sänger, der erste ein zarter, bescheidener Mann, welcher über die ihm geschenkte Beachtung erröthcte, während der zweite ein um so größeres Selbstbewnßtsein zur Schau trug und die Aufmerksamkeit geradezu herausforderte. Nachdem sie uns vorgestellt waren, nahm das sogenannte Singen, das Seltsamste, was ich in dieser Beziehung

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