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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-18 · Heft 49 (18.12.1890) · p. Seite 625

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 49 (18.12.1890)
Date
1890-12-18
Page
Seite 625 (sequence 5)
Language
German
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625 zuhetzen, wodurch es geschieht, daß Letztere häufig nicht blos ihres Hab und Gutes, sondern sogar des Lebens in ungerechter Weise beraubt werden. Die Juden selbst behaupten nun, daß das, was ihnen angedichtet wird, nicht nur nicht wahr, sondern durchaus grundlos sei, da es genau ebenso sehr durch das ihrige, wie durch das unsrige Gesetz verboten ist, und haben daher durch einen eigens zu diesem Zweck an uns abgeschickten Boten die Sanftmuth christlicher Liebe beweglich angerufen und uns demüthig anflehen lassen, daß wir geruhen möchten, unsere Liebe, da die Juden nicht mehr so vielen Verfolgungen widerstehen können, über sic auszudehnen und die Privilegien, welche durch die römische» Päpste, unsere Vorgänger und auch durch uns, unter welchem Dortausdruck auch immer, ihnen bewilligt worden, und namentlich diejenigen, welche der Papst Martin V. seligen Andenkens, unser Vorgänger, ihnen bewilligt hat, zu bestätigen und zu bekräftigen und auch sonst hierin mit einem geeigneten Heilmittel aus apostolischer Gütigkeit Abhilfe zu treffen.... Ebenso sehr fordern wir unsere theuersten Söhne in Christo auf, die erlauchten Könige Ungarns und Böhmens, wie auch Polens, ferner die geliebten Söhne, die edlen Fürsteir und Barone und welch andere weltlichen Herren da sind, und die übrigen Christi Getreuen jener Gegenden und ermahnen sie angelegentlichst, daß sie bei ihren Beamten, Dienern und Völkern mit ihrer Autorität eintreten, daß die Juden keine Verfolgungen ungerechter Weise erleiden sollen, damit sie von christlicher Gütigkeit angelockt, und ihre Seelen für Gott zu gewinnen, größere Hoffnung gefaßt werden kann. Gegeben zu Rom, beim heiligen Petrus unter dem Fischerring am 12. Mai 15+0, im sechsten Jahre unseres Pontifikates." Nach einer eingehenden Schilderung der gesellschaftlichen Thütigkeit der Juden auf humanitärem Gebiete und nachdem den Juden selbst für manche politische und soziale Fehler eine Strafpredigt gehalten wird, kommt die Publikation zu folgendem Schlüsse: „Jeder einsichtsvolle und vernünftige Politiker kann keinen Augenblick hierüber im Unklaren sein, daß die antisemitische Agitation nicht zur Versagung der jüdischen Mitbürger aus den europäischen Staaten, nicht zur Schmälerung oder Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte führen kann, denn diese beruhen aus beschworenen Verfassungen, Grundrechten und Staatsgrundgesetzen, auf Kaiser- und Fürstenwort. — Erschütterungen. Umsturz und Bruch dieser festen Fundamente der Staaten wird keine, noch so starke Bewegung zu erreichen im Stande sein! Wir leben in paritätischen Reichen, in Rechtsstaaten, in konstitutionellen Monarchien, welche Staatsstreiche und Revolutionen von oben ivie von unten, oder Ansnähms- und Proskriptionsgesetze ausschließen. Wo inan solche zu Ungunsten einer bestimmten Konfession oder Gesellschaft gemacht bat. wie im Deutschen Reiche durch den Kulturkampf. da hal es sich bitter gerächt, da haben wir die traurigsten Folgen erlebt. Das wissen die Antisemitenführer so gut wie wir, und wenn sie ihrem Anhänge Vorreden, daß durch ihre Agitation die gesellschaftliche Ordnung von Grund ans verändert, eilt neues Eigenthumsrecht geschaffen werden soll, so belügen sie das Volk und sind entweder Dummköpfe oder verkappte Sozialdemokraten. Nein und abermals nein! Durch diese antisemitische Bewegung wird weiter gar nichts erreicht werden, als die Entflammung des wildesten Judenhasses und eine Aufstachelung der häßlichsten und gefährlichsten Leidenschaften der Menge. Ter Antisemitismus, wie er von den meisten seiner Führer gepredigt wird, ist ein Appell an die Raublust und Zerstörungswuth des für alles Schlechte empfänglichen, großstädtischen Pöbels und eine indirekte Aufforderung, gegen das fünfte, siebente und zehnte Gebot Gottes zu sündigen! Und da sollte ein Christ, ein gläubiger Katholik mithelfen. Mitwirken! Erst wenn die Saat aufgegangen sein, wenn die Bestialität gar herrlich sich geoffenbart haben wird, dann werden viele unserev Christlich-Sozialen, die gar keine Ahnung davon haben, daß sie mit; Feuer, mit Dynamit spielen und den Sozialisten und Anarchisten die Minen legen halfen, gewahr werden — freilich zu spät — wessen! Geschäfte sie besorgt haben. Der Antisemitismus ist einerder! besten Pioniere des Anarchismus und Kommunismus!" U Wiener Briefe. IV. T. Der Präsident der Gemeinde ist die Gemeinde selbst. Eine drastische Fassung erhielt diese Sentenz im alten Ghetto. „Was kann an einer K'hilla sein, wo mein Vetter der Rosch hakohol; ist!" schließt „Kohols Ragson" sein Raisonnement. Positiv und weitergehend drückt dies der Talmud: aus: „Das j Haupt der Generation ist die ganze Generation". So sehr nun auch alles Streben der angeführten Präsidenten! dahin ging, die Traditionen der Gemeinde integer zu erhalten, so trug diese doch immer das Gepräge, das ihr der jeweilige Präsident gab! Er war das Aushängeschild, der Firmaträger. Mit der Herrschaft des Opportunismus änderte sich jedoch dieses i Verhältnis;: der Präsident hörte auf, „selbst" zu sein. Markant trat dieses unter der Präsidentschaft des Herr» Arminio Cohn hervor. Wenn auch kein Mann der Initiative und schöpferischer Ideen, s besitzt er die volle Pietät für die Ueberlieferungen der Gemeinde und ein warmes Interesse für alle Fortschritte und Verbesserungen auf j dem Gebiete gottesdienstlicher, unterrichtlicher und administrativer Einrichtungen. Es konnte ihm aber nur selten gelingen, seinen Intentionen in der Mitte des dermaligen Vorstandskollegiums Geltung zu verschaffe», weil dieses sich ganz und gar dem Opportunismus in : Arme geworfen. Es bilde» nicht mehr das eigene Ermessen, die gewonnene Ueberzeugung, das empfundene Gemeindeinteresic dasBrennusschwert in der Wagschale der Entscheidung; vielmehr wird in Entscheidungsfragen zu viel Rücksicht ans den Wunsch und Willen außerhalb stehender Personen und Vereine genommen. Der Vorstand leitet nicht, er wird geleitet. . Diesem Motive ist es offenbar zuzuschreibeu, daß Herr Arminio Cohn die von ihm schon vor längerer Zeit gegebene und nur über vieles eindringliches Bitten nicht vollzogene Deinission endlich zur Wirklichkeit werden ließ. Wie beklagenswertst diese Situation ist, kann ermessen werden, wenn man sich die großen -Fragen vor Augen hält, welche gegenwärtig der Erledigung harren. Das Gesetz betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden erheischt dringend die Entwerfung eines neuen Gemeindeftatuts: das im Werden begriffene Groß-Wien fordert zur Stellungnahme in der Frage der Amalgamation der an Wien anrainenden israelitischen Kultusgemeinden auf: die immer kühner ihr Haupt erhebende religiöse Reaktion macht nachweislich energische Abwehr nöthig, wenn unsere Gemeinde nicht unter das Niveau der bei ihrer Gründung und seither maßgebend gewesenen Ideen der Aufklärung und . moderner religiöser Anschauung sinken soll. Welch kleines Geschlecht steht aber diesen großen Fragen gegenüber! Von altersher galt vie Wiener Gemeinde als das Mekka der ■ österreichischen Judenschaft. In allen dieselbe betreffenden Angelegen-

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