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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-18 · Heft 49 (18.12.1890) · p. Seite 624

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 49 (18.12.1890)
Date
1890-12-18
Page
Seite 624 (sequence 4)
Language
German
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mögen bic Leser versichert fein, baß weder Neigung noch Abneigung demselben die Hetzer in die Hand drückte, und ganz offen spreche ich es hier aus, dag ich weder Philosemit noch Antisemit bin, dem ganzen politischen Parteitreiben, wie es in Wien seit mehreren Jahren sich unerquicklich breit macht, prinzipiell fern stehe und mit dem Rassenhaß und Nationalitätenschwindel, die ich als großes Unglück und arge Verirrung besonderfür Oesterreich betrachte, nichts zu schaffen haben will. Katholik mit Leib und Seele, von frommen katholischen Eltern abstammend, in politischer Richtung konservativ, von Geburt Wiener, in allererster Linie Ocstcrreicher, nicht Deutscher und noch weniger Preußensenchter «erst i» zweiter Linie deutsch sprechender, aber schwarzgelb fühlender Staatsbürger unseres geliebten habsburgischen Kaiserreichs), Publizist vom Fach, habe ich in meiner nunmehr W jährigen Thätigteit als solcher Gelegenheit gehabt, meine reichen praktischen Erfahrungen zu vcrwerthen und in Schriften, Broschüren, Abhandlungen wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen Inhalts, meine begeisterte Liebe und Verehrung für Papst und Kaiser, Kirche und Vaterland zu bethätigen und ich darf es uugescheut bekennen, manchen moralischen Erfolg erzielt." Die Publikation beginnt mit der Kennzeichnung der Shmptome, welche auf eine Reaktion gegen den Antisemitismus schließen lasse», und zitirt hierauf aus einer vor Kurzem gehaltenen Kanzelpredigt des Jesuitciipaters Viktor Kolb die folgenden bemerteiiswerthen Stellen gegen die antisemitische Hetze: „Es ist Sünde und gegen die Lehren Christi, einen Nebcnmenschen zu hassen. Darum ist es auch Unrecht, den Juden zu hasten, weil er ein Jude ist. Christi Gebot heißt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Dieses Gebot gilt für alle Menschen gleich, ob Christ, ob Jude, Selbst dann, wen» ein Mensch in Sünde und Unglauben befangen ist, müßt Ihr ihn lieben als Mitmenschen und dürfet ihn nur beinitleiden ob seiner Fehlerhastigkeit. Die Fehler, die Sünde darf man hassen, nicht aber den Menschen. Oer Jude ist gleich so nach dem Ebcubilde Gottes geschaffen, wie der Christ, wie alle Menschen, Darum müßt Ihr den Juden lieben nach Christi Gebot als Euren Nächsten nnd Mitmenschen, wie alle Anderen." In einem Kapitel „Das Heil kommt von Judäa" wird auf den jüdischen Ursprung des Stifters der Kirche und der Apostel, welche Letzteren sich direkt als Inden bekannten, hingewiescn, es werden die jüdischen Bestandthcile des katholischen Gottesdienstes hervorgehoben nnd dann wird rcsumirt: „Wenn es wirklich gar keine Juden mehr gäbe, wenn sie entgegen der Prophezeiung von ihrer Fortdauer, ausgetrieben nnd ansgcrotter werden würden, das Jndenthnm würde dann fortleben in der heiligen katholischen Kirche, ihrer Liturgie, ihrem Offizium, ihren Gebeten, ihrem Kultus bis an's Ende aller Tage, Die katholischen Priester wären dann zugleich die letzten Abkömmlinge nnd Verkünder des Judenthums, nnd der Antisemitismus müßte, um die letzten Spuren des Judenthums zu vernichten, auch die römisch-katholische Kirche vernichten und vom Erdkreise vertilgen können! Erst mit dem Fall der katholischen Kirche wäre der cndgiltige Fall des Judenthums besiegelt!" Von besonderen! Interesse ist das Kapitel über das Verhalten der katholischen Kirche zu den Judenverfolgungen in älterer nnd neuerer Zeit. Wir entnehnien der Darstellung Folgendes: Geistliche und weltliche Potentaten, welche den Inden stark verschuldet waren, hielten es für erlaubt, sich ihrer lästigen Gläubiger zu entledigen, indem sie Judenplünderungen anzettelten oder doch ungeahndet zuließcn. Geschah derlei schon zu verschiedenen Zeiten in Deutschland, so war die Lage der Juden in Frankreich und England noch viel bedrängter. Wir haben schon im ersten Kapitel nachgewiesen, wie die Päpste wiederholt zu Gunsten der Juden ihre Stimme erhoben und die Christen zur Milde und Gerechtigkeit gegen die Juden veri wiesen. Der große Jnnocenz HI. verbot nicht nur die Zwangstause,! sondern auch die Beeinträchtigung des Eigenthums der Juden und die Störung ihrer Feste und Gottesäcker. Dasselbe wiederholten die Päpste Jnnocenz IV. rmd Gregor IX. Als Jnnocenz IV. gefragt wurde, warum er die Juden in Schutz nehme, gab er die bedeutsame Antwort: ,Quia sunt doeumenta veritatis evangelii“ (weil sie die Zeugen für die Wahrheit des Evangeliums sind). Selbst Natali in seinem nichts weniger als kirchenfreundlich ge-! schriebenen Werke über den römischen Ghetto, zählt eine Reihe Päpste auf, welche sich den Jude» in der ewigen Stadt gnädig erwiesen, so! z, B. Gregor IX.. Nikolaus III., Martin V„ Benedikt XIV., j Klemens XIV. und, was vielleicht am ineisten überraschen (?); wird, der strenge Sixtus V. Uns kann das nicht über-! raschen, da wir an Sixtus V. nicht nur einen strengen, sondern j einen der gerechtesten und größten Päpste verehren, welcher mit! seltener Thatkraft alle Ungerechtigkeiten und Gewaltthütigkeiten bei festigte und das Muster eines weltlichen Regenten seiner Zeit war, Alexander Freiherr v. Hübner erzählt uns in feinem ausgezeichneten Werke „Sixtus V." folgende köstliche Episode, wie dieser Papst die Antisemiten seiner Zeit züchtigen ließ. Aus Allem, was Sixtus ullternahni, berichtet Hübner, leuchtet sein gerader Sinn, wenn man so sagen darf, sein derber, gesunder Menschenversiand hervor. Die römische Judenschaft, obgleich in ihrem Ghetto eingesperrt, reich und bedeutend durch ihre ausgedehnten Handelsverbindungen, schmachtete auch unter den Beschränkungen mittelalterlicher Gesetze. Sixtus beutele sie aus, aber er bevorzugte sie, gewährte ihnen große Erleichterungen und schützte sie gegen Mißhandlungen, denen die Söhne Israels ausgesetzt waren, wenn sie sich außerhalb ihres Viertels blicken ließen. Zu wiederholten Malen sah Rom sprachlos vor Erstaunen, wie Christen, welche Juden beschimpft hatten, zur Promenadezeil von einem Ende des Korso zum anderen gepeitscht wurden. Von allen Unterthaneu des Papstes waren sie die anhänglichsten. Als an einem Mittwoch (schon damals Markttag) aus der Piazza Navon« sich das falsche Gerücht von dem Tode ihres Beschützers verbreitete, packten sie ihre WaareN ein und ergriffen eilends die Flucht, Papst Paul III, dieser, der Nachfolger Klemens' VII, aus dem Geschlechte der Farnese, ein geivandter Humanist, der das laug erwartete Konzil von Trient behufs ivirklichcr Reformen in der Kirche einberief, im Jahre 1540 pen Orden der Gesellschaft Jesu bestätigte, dessen Dhätigkeit die Kirche die Zurückeroberung der meisten verlorenen Länder dankt Papst Paul III, erließ im Jahre 1540 jene Bulle zum Schutze der bedrängten Juden in Ungarn, Böhmen und Polen, welche diese mit gutem Recht die goldene Bulle nennen dürfen. Wir lassen hier das Wesentliche daraus folgen : „Papst Paul III. entbietet den süinmtlichen nnd einzelnen Bischöfen der Königreiche Ungarn, Böhmen »nd Polen, soivie den übrigen Personen besagter Königreiche, welche eine kirchliche Würde bekleiden, Gruß und apostolischen Segen! Wir haben fürwahr durch die Klage süinmtlicher in jenen Theilen wohnenden Juden mißfällig vernommen, daß seit etwa einigen Jahren gewisse Herren von Städten, wie einige Körperschaften und gewisse andere Machthaber, welche in denselben Gegenden wohnen, als heißspornigc und >vie man sagt tödtliche Feinde derselben Juden von Haß und Neid, oder was mehr wahrscheinlicher ist, von Habsucht verblendet, damit sie das Hab und Gut selbiger Hebräer mit einem gewissen Anstand sich anzueignen im Stande seien, ihnen fälschlich andichten, daß sie kleine Kinder umbringen, deren Blut trinken und andere verschiedene und mannigfache ungeheuerliche Verbrechen begehen, welche sich gegen den besagten unseren Glauben richten und in solcher Weise bemüht sind, die Gemüther der einfältigen Christen gegen sie auf-,

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