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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-18 · Heft 49 (18.12.1890) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 49 (18.12.1890)
Date
1890-12-18
Page
Seite 623 (sequence 3)
Language
German
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Weinstein eine Schule für jüdische Familien gegründet und erbaut. In besagter Stadt beträgt die jüdische Bevölkerung 10,000 Seelen von 25,000 und jetzt dürfen nur 5 Schüler diese Schulen besuchen! — Wir wissen, daß Kaiser Alexander II. den Juden wohlgesinnt war und daß er bei einer Zusammenkunft mit Sir Moses Montefiore seine Absichten nach der Richtung hin kund gab, für die Emanzipation der Jude.! sorgen zu wollen. Lady Burdett-Coutts, die ich mit Freuden in dieser Versammlung sehe, hat einen Appell an die Frauen Englands vorgeschlagen, ich sage hierzu: Ja, und nicht nur an die Frauen Englands, sondern an die Frauen der ganzen gebildeten Welt. (Hochrufe.) Wir wissen Alle, daß die jüdische Rasse bemerkenswerth durch ihre ist und durch die ehrenvollen Eigenschaften, welche sie auszeichnen, geeignet zur Bekleidung sozialer Stellungen. Sie schätzen die Vortheile einer guten Erziehung hoch; sie sind sparsam, und es würde im Interesse Rußlands liegen, durch diese Rasse die anderen zu heben. (Hört, hört!) Die Hugenotten wurden aus Frankreich vertrieben. Hat Frankreich durch ihre Austreibung gewonnen? Und wird Rußland durch die Verfolgung der Inden gewinnen? Ich sage: nein! (Hört, hört!) Die Bibel erzählt, daß Gott einst Pharaos Herz verhärtete, daß er Israel nicht aus Aegypten riefte11 lassen wollte. Aber da erstand ihnen ein Befreier tu Moses, dem großen Führer; und sind auch jetzt die Wolken dunkel, so wird doch bald die Sonne der Freiheit über Europas und Amerikas civilisirte Länder scheinen (Lauter Beifall). Nachdem der Herzog geendet hatte, sprachen noch der Bischof von Ripon, sowie der Geistliche Hngh Price Hughes in gleichem Sinne. Der Earl von Meath begründete einen Antrag auf Ueberreichung einer Bittschrift an den Zaren. Ihm schlossen sich Sir- Robert Fowler und der Deputirte Sir Josep h Peasan. worauf nach einem Schlußwort des Lord Mayor die oben mitgetheilte Resolution einstimmig angenommen wurde. England hat gesprochen und hat in würdiger und unzweideutiger Sprache seine Meinung kundgegeben. Es wird es nicht bei dieser! Worten bewenden lassen, fonbern den Nersuch machen, diese Kundgebung zur Kenntnis; des Zaren zu bringen. Der E'arl os Meath und der Deputirte Pease haben sich der Aufgabe unterzogen, sich nach Petersburg zu begeben und dem Zaren eine Bittschrift in Gemäßheit des Beschlusses der Guildhall-Bersammlung zu überreichen. Wie wenig Erfolg wir uns auch von diesem Schritt versprechen dürfen, so nothwendig ist es doch, das; England mit seiner edlen That nicht vereinzelt steht, sondern daß die anderen Kulturstaaten, vor Allem Deutschland und Frankreich, ihm Nachfolgen. Nicht um unsertwillen, sondern um ihrer selbst und um der Menschlichkeit willen! Auch in Rußland selbst bleibt das Borgehen der Regierung nicht ohne Widerspruch, wenn auch dieser Widerspruch von den Behörden mit aller Macht niedergedrückt wird. Es ist mitgetheilt worden, daß unter der Führung des Grafen Leo Tolstoi ein Protest gegen die Unterdrückungen erlassen und von 60 russischen Schriftstellern und Künstlern unterzeichnet worden ist. Allein die Oberpreßverwaltung hat jede Veröffentlichung untersagt, und den Zeitungen, welche dein Protest Aufnahme gewähren würden, das fernere Erscheinen verboten. Englische Blätter drucken jetzt den Protest ab, der folgendermaßen lautet: „Die von der russischen Presse nach dem Vorgänge Deutschlands verbreitete und geförderte Bewegung gegen die Juden bedeutet eine unerhörte Verletzung der fundamentalsten Prinzipien der Gerechtigkeit und M e n s ch l i ch k e i t. Wir halten es für nothwendig, das russische Publikum an diese elementaren Prinzipien zu erinnern, deren offene Annahme die einzige Lösung der sogenannten jüdischen Frage ist. Die bloße Existenz einer solchen Frage ist einfach eine Folge dessen, daß man jene Grundsätze vergessen hat, da unwürdige und schädliche Personen unter allen Nationen vorhanden sind, ohne nothwendigerweise die ganze Nation anzustecken oder hineinzuziehen, was, wenn dies der Fall wäre, die moralische Verantwortlichkeit des Einzelnen vernichten würde. Jede offenbare Feindseligke.it oder Handlung gegen die Juden als Ganzes oder blos deshalb, weil sie Juden sind, wären eine Schwäche blinden nationalen Egoismus oder beschränkten Eigennutzes, was Beides nicht , einen Augenblick gerechtfertigt werden kann. Es ist ungerecht, die Juden I verantwortlich Zu machen für Mängel, welche durch eine tausendjährige ' Verfolgung und durch die abnormen Bedingungen, unter denen sie haben! leben müssen, bedingt sind. Wenn sie seit Jahrhunderten gezwungen j gewesen sind, sich mit Geldgeschäften zu befassen, weil sie von allen > anderen Geschäften ausgeschlossen wurden, so kann die unangenehme! Wirkung einer so ausschließlichen Züchtung jüdischer Energie nicht! durch weitere Verfolgungen betriebeil werden, welche nur geeignet i wären, die Uebel zu verewigen. Ein Mitglied der semitischen l Nasse zu sein und die Gesetze Mosis auszuüben, was an sich nichts! Ungerechtes ulid Tadelnslverthes ist, kann doch nicht den geringsteil Grund zu besonderen Forderungen und Beschränkungen lediglich beu! Juden gegenüber abgeben, wodurch sie ungünstiger gestellt werden, als I russische Unterthanen anderer Rasse oder anderen Glaubens. Ta die! russischen Inden die Lasten tragen und die vom Staate auferlegten! Pflichten ill gleicher Weise erfüllen, wie alle anderen Mitglieder derselben! Bevölkerungsklasse, so sollten sie auch dieselben Rechte haben, wie diese.! Die Anerkennung ittib Anwendung dieser elementaren Wahrheiten sind! wichtig und nothwendig sowohl für unser eigenes Wohlergehen als auch i für dasjenige der Inden. Diese tiefgreifende Erregung von Rasieu- und! Glaubenshaß, welche dem Geiste des Christenthums so sehr widerspricht! uub gegen alle Gefühle der Gerechtigkeit und Humanität verstößt, ist i geeignet, die Gesellschaft bis ill beu Grund zu verderben, und sie kann I zu vollständiger moralischer Vereinsamung führen. Die Sache erscheint j um so ernster angesichts des merkbaren Niedergallges hulnanitürer Ideen j und der Abschwächung des Rechtsprinzips in unserer gegenwürtigerl Gej sellschaft. Das bloße Gefühl der Selbsterhaltung verlangt daher eine; entschiedene Vernrtheilnng dieser antisemitischen Bewegung, weil sie nicht > nur als unmoralisch all sich, fonberu auch als höchst gefährltch für die j Zukunft Rußlands angesehen werden muß." Es ist hart für uns, aber leider gerecht, wenn der russische! Menschenfreund in seinem Proteste unser Deutschland als den Ur-! sprungsort jener traurigen Bewegung bezeichnet, wenn er unsere Hetzer I für jenes Elend mit verantwortlich macht, das nun über Ruß-! land hereinbricht. Um so gebieterischer erheischt es aber die Pflicht von allen Deutschen, die ein Herz für Gerechtigkeit und Mensch- I lichkeit haben, mit aller Kraft, die der Humanität gegen die Barbarei, der Sitte gegen die Wildheit, der Bildimg gegen die Verblendung zu Gebote steht, gegen die Vorgänge in Rußland ihre Stimmelt 31t erheben. Sollten die Warnilngsrufe nngehört verhallen, so wird die unerl bittlich Ächtende Geschichte dereinst das Urtheil sprechell. Gegen j ihre ewigen Gesetze hilft auch das Drohwort der Censur nichts. Gott wird richten! O Katholiken und Antisemiten. Berlin, 14. Dezember. Es ist eine historische Thatsache, daß der Judenhaß gerade in! katholischen Ländern in neuerer Zeit nicht hat auskommen oder doch! mindestens keine rechte Verbreitung hat finden können. Selbst die! fanatischsten „Hetz-Kaplüne" konnten daran nur wenig andern. In : unfern Tagen ist auch das leider anders geworden. Da kommt > nun eine Schrift zu rechter Zeit, die von einem bedeutcnden! katholischen Gelehrten herrührt und die den Antisemilismus . gerade vom katholischen Standpunkt aus als eine Sünde verurj theilt. Sie enthält Auseinandersetzungen über die Fragen: Kann 1 der gläubige Katholik Anlisemit sein? Ist Judenhaß wirklich eine schwere Sünde? auf Grund der Geschichte und Praxis der Kirche, päpstlicher Bullen und Erklärungen von Bischöfen, Gottesgclehrtcn j und Ordensleuten älterer und neuerer Zeit.; Es dürfte zunächst intercssiren, Näheres über die Person des ungenannten Verfassers zu erfahren, und wir reproduziren daher Folgendes aus der Vorrede: „Was die Person des Verfassers betrifft — welche allerdings hier niehr nebensächlich ist, da es sich nur um die Sache und die wissenschaftliche Behandlung derselben handelt — so

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