Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- Seite 622 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Z Leitartikel: Tie Juden in Rußland. -- Katholiken und Antisemiten. — Wiener Briefe. Von T. IV. — Wissenschaft und Littcratur: Tie Juden in Samarkand. Ben Henry Laudsdell. —- Feuilleton: Ter unbekannte Gast. Von Eduard Kulte. lFortsetzung). — An der preußisch-russischen Grenze. Bon Moriy Sch erbet. — Litterarische Mittheilmrgen: Noch einmal Horaz. Bon Bezirksrabbi-ier Schlesinger. Der memeindevotc. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Essen. Gleiwitz. Luxemburg. Petersburg. Alls Südrntzland. London. — Non Nah und Fern. Miscellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Die Juden in Rußland. Berlin, 16. Dezember. Tie trüben Nachrichten, welche aus dem Osten Europas kommen, drängen zur Zeit alle anderen Ereignisse in den Hintergrund. So ist es also wahr, daß Rußland nicht davor zurückschreckt, mitielaltcrlichen Bedrückungsgesetzen seine Sanktion zu ertheilen, und jene Ableugnungsversuche, welche ein Theil der russischen und russenfrenndlichen Presse bis in die jüngste Zeit hinein machten, sie waren nichts weiter, als das letzte Ausflackern der Scham dein kultivirten Europa gegenüber. Unsere Leser finden die ueueften Nachrichten über das Schicksal, das den russischen Inden bevorsteht, an späterer Stelle isiehe Korresp. Petersburg). Sie zeigen klar, daß Alles, was man von der Verblendung und Unduldsamkeit der russischen Gegner gefürchtet hat. eingetrosten ist. ja, daß die Thatsachen diese Befürchtungen noch übertroffen haben. Es ist ein furchtbares Schauspiel, daß sich vor unseren Augen hier abspielt; und nicht nur uns. die Näherstehenden, sondern jeden Menschenfreund erfüllt Schmerz, Mitleid und Zorn zugleich, wenn er sieht, wie die fanatische Berblendlmg Millionen von Menschen dem Elend preisgiebt. Ein trauriger Trost ist es für die armen Verstoßenen, daß die moralische Berurtheilung dieses schmachvollen Treibens nicht erst der Geschichte Vorbehalten bleibt, sondern daß die Gegenwart schon ihre warnende Stimme erhebt, und es ist ein bedeutsames Zeichen, daß t>em Lande, das es wagt, den Namen der Religion zur Ausübung von Unmenschlichkeit zu mißbrauchen, gerade aus dem Lande ein Halt! entgegengerufen wird, das als das religiöseste Europas gerühmt wird, aus England. Ein erhebendes Bild, jene Versammlung, die am 10. Dezember in Guildhall zu London getagt hat, um laut im Namen der Religion und der Menschlichkeit ihr Veto gegen die russischen Bedrückungen der Inden einzulegen! Wir lassen hier den int* zngegangenen Bericht über dieses Meeting folgen: London, den 12. Dezember. Am Mittwoch Nachmittag fand in Guildhall ein Meeting von Londoner Bürgern statt, dessen Vorsitz der Lord Mayor führte. Das Meeting war auf Grund des Antrags einberufen, welchen der Lord am 12. November empfing, und über den wir seiner Zeit berichteten. Lange vor drei Uhr war die historische (§1:051)011 in allen ihren Theilen gefüllt und selten wohl mit einer teilnehmenderen Zuhörerschaft, als bei dieser Roth und Leid behandelnden Gelegenheit. Die Präsenzliste weist glänzende Namen ans. Unter der Gesellschaft, die sich um den Lord Mayor schaarte, waren n. A. der Herzog und die Herzogin von Westminster, die Herzöge von Argyll und Newcastle, die Bischöfe von London. Gloncester, Nipon 1111b Manchester, der Dechant von Westminster, „General" Booth. die Baronin Bvnrlett-Eontts. die Lords Demnan, Meath, Abergaveuny, Addington. Bramwell, Buke. Elcho und Rowton, Professor Huxley n\ Um drei Uhr erschien der Lord Mayor mir seiner Gemahlin. Derselbe wurde, als er aufstand, mit lauten Beisallsbezeugungen begrüßt, und sagte: Meine Lords, Damen und Herren! Auf Grund eines zahlreich Unterzeichneten Antrags habe ich nicht gezögert. Sie heute in dieser Halle zu versammeln. Jahrhunderte lang waren die Bürger von London :mmer bereit, religiöse und bürgerliche Freiheit zu vertheidigen (Beifall), aber ich wage zu behaupten, daß diese edle Halle niemals zu dringenderen Vorschlägen benutzt wurde, als bei der heutigen Gelegenheit (erneuter Beifall), wo es gilt, unsere Antheilnahme den Juden in Rußland zu bezeigen, die unter einer drückenden Gesetzgebung leiden. Ich hoffe, daß bei dem heutigen Meeting kein Wort fallen wird, das auch nur im geringsten Grade dem Zar von Rußland persönlich feindlich klingt Ujört und hört! Beifall); Seine Majestät der Kaiser von Rußland ist ein guter Gatte und ein zärtlicher Vater, und ich kann mir nur vorstellen, daß solch ein Mann auch nur freundliche Gefühle allen seinen Unterthanen entgegenbringt. Auf Se. Maj. den Kaiser von Rußland find augenblicklich die Hoffnungen der russischen Juden gesetzt. Er kann durch einen einzigen Federstrich jene Gesetze aufheben. die jetzt so hart auf ihnen lasten (hört! hört!), und er kann seinen jüdischen Unterthanen das Leben wiedergeben, denn das jetzige Leben kann man kann: ein solches nennen. Er hat wiederholentlich geäußert, daß das Geschick seiner jüdischen Unterthanen ihm gerade so am Herzen liege, wie dasjenige der orthodoxen Russen. Er kann es nicht zugeben, daß eine neue Art von Sklaven geschaffen wird - und die gegenwärtige Lage der Inden nähert sich derjenigen der Sklaven, ja es muß gesagt werden, ne ist uod) schlechter, denn die Leibeigenen hatten Herren, die für sie verantwortlich waren, aber die russischen Inden hängen von der Gnade der russischen Polizei ab. (Beifall) Alexander II. errang sich unsterblichen Ruhm durch die Abschaffung der Leibeigenschaft; möge Alexander III. seiner: Namen der Nachwelt als Befreier der russischen Juden überliefern (Beifall). Ich weiß. Sie sind begierig, die vieler: ausgezeichneten Redner, die heute Nachmittag zu Ihnen sprechen werden, zu hören; ich will deshalb nur einige Auszüge aus einigen Briefen vorlesen, die ich von hervorragenden Männern erhalten habe, die beute leider am Erscheinen verhindert sind. Der Lord Mayor verlas nunmehr eine Reihe vor: Zuschriften und Telegrammen, unter der:en diejenigen des Erzbischofs von Canterbury, des Kardinals Manning, des Lordbischofs von London, des Herzogs von Argyl besondere Erwähnung verdienen, (lieber den Brief des Kardinals Manning vergl. die Korrespondenz aus London). Nach dem Lord Mayor ergriff der Herzog von Westminster das Wort zu einer längerer: Rede, der wir Folgendes entnehmen. Nachdem der Herzog gedankt, daß ihn: die Ehre ertheilt sei, als Erster zu sprechen, sagte er: „Mein Lord Mayor, meine Damen und Herren! Unser heutiges Meeting hat den Zweck, im Namen der Engländer gegen eine Verfolgung zu protestiren, welche in keinem civilisirten Lande der Welt ihres Gleicher: hat, weder in Europa. Amerika, noch in Asien. Ich bin im Besitze eines Briefes vor: einem indischer: Herrn Ruffirrdir: Ahmed, worin mir derselbe mittheilt, daß ein tiefes Gefühl der Entrüstung durch 'die muhammed anische Bevölkerung von Indien, Persien und China geht, daß sie die Judenverfolgung ir: Rußlaub aufs Strengste vernrtheilen und mit unserem Protest warm sympathisiren. (Beifall.) Ich bitte, die Resolution Vorleser: zu dürfen, die in meine Hände gelegt worden ist: „Nach der Ansicht dieses Meetings f i 11 b die n eu e rlich er: Leider: der Juden in Rußlar: d, als einer ha r t er: Au sn a hm eg esetzgebu n g eut sp rin g e 1:d, tief beklageuswerth, noch dazu geger: das Ende des 19. Jahrhunderts. wo die Religionsfreiheit von allen christlicher: Gen: ein den als n atürliches Menschenrecht anerkannt werden müßte." Ich glaube, das Buch, welches ich in der Hand halte, betitelt: „Die Verfolgung der Juden ::: Rußland", giebt ein getreues Bild der dortiger: Zustände. und zeigt in seiner authentischen und rechtskräftigen Form, daß wir die Berecht:gur:g zu diesem Meeting haben. Kein Jude, unb wäre er auch noch so begabt, darf als Militärarzt dienen; auch darf kein Israelit als Thierarzt fungiren oder irgend ein Amt befieibeii. Zehr: Handelsbeflissene, die 15 Jahre im Geschäft waren, wurden plötzlich entlassen, und da sich ihnen nichts Anderes bot, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, so mußten sie im wahren Sinne des Wortes Bettler werden. (Rufe der Entrüstung.) Eii: Ingenieur, der durch Selbststudium seil: Ziel erreicht hatte, durfte seinen Beruf nicht ergreifen. Ich möchte noch einen Fall erzählen, der die russischen Zustände aufs Grellste beleuchtet. Ein der: höherer: Kreisen ungehöriger Herr, der in russischen Diensten stand, lebt jetzt in London. Er hat eine verheirathete Schwester in St. Petersburg, zu der eine jüngere Schwester reiste, um unter Rubinsteins Leitung sich in der Musik auszubilden. Die Polizei sandte ihr nach achttägigem Aufenthalt eine Ausweisungsordre mit den: strengen Befehl, ihre Schwester nicht mehr zu besuchen. Ich meine, daß das Alles charakterisirt (hört, hört!). In Winitza, in Podolien hat ein Israelit