Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 S££ Breslau, 10. Dezember. %m Äcitlivoch. beu 19. November, fand im Jbotel zu beu drei Berg eil die erste Generalversammlung des im vorigen ^5 ah re gegründeten V e r b a n d s z u r (5: r z i e h u n g i s r a e - litis et) e r W a i s e n nnter dem Borsitz des Herrn O b e r 1 e h re r Tr. Badt statt. Tie Versammlung war ziemlich zahlreich besucht, darunter auch van einem Telegirteu des Lokal-Komitees zu Ostrawa. "Nach einer Begrüßung der Erschienenen durch beit Vorsitzen den nahm Herr Rabb. Tr. Rosentyal das Wort und besprach die Ziele und Bestrebungen des Vereins. An seinen Vortrag knüpfte der Vorsitzende Ergänzungen und Erläuterungen zu dem veröffentlichten Jahresbericht und wies auf den Segen hin, den trotz d r spärlichen Mittel der Verband bereits geschaffen, erwähnte aber auch mit Bedauern die Thatsacbe, daß eine große Zahl von Bewerbern abgewiesen werden mußte, weil die Mittel nicht ansreicbten. und schließt mit warmem Appell an die Herzen der Hörer, (vine Sammlung, welche spontan ans der Mitte der Anwesenden vorgenommen wurde, ergab einen recht hübschen Ertrag. Blanche erhöhten unter dem Eindruck des Gehörten ihren Jahresbeitrag um das Dreifache, ums der Vorsitzende mit Genugthnnng tonstatirte. Derselbe spricht dann besonders Herrn Rabbiner Tr. Münz in Gl ei nütz und Herrn Rabb. Tr. Pleßner in Ostrowv den Dank des Verbandes für ihr eifriges Wirten aus. Darauf wird ans Antrag des Vorstandes zur - Berathnng über die revidirteu Statuten geschritten. Dieselben werden durch en!>1oc - Annahme genehmigt; desgleichen die Aenderung des bisherigen Namens in den der Thätigkeit des Verbandes entsprechenderen V e r b a n d z n r E r z i e h u n g hilfsbedürftiger s r a e l i t i s eh er K i n d e r ". Tie im Laufe des Jahres verstorbenen Vorstandsmitglieder Herr Will). Jany und Nabb. Tr. Daniel Frünkel, sowie Herr Rabb. Tr. Blannel Joel werden auf Antrag des Vorstandes unter Zustimmung der Versammlung als immerwährende Mitglieder in den Listen des Verbandes verzeichnet werden. In das Eentrallomitee werden außer den bisherigen Mitgliedern desselben die Herren Nabb. Dr. Münz in Gleiwitz, Nabb. Tr. Pleßner-Ostrvwo und Kaufmann Map Böhm-Zabrze, zu Revisoren die Herren Lippmann Bloch, Paul Altmann und Moritz Rieß gewählt. Rach einigen Dankeswvrten für die lebhafte Theilnahme an den Verhandlungen des Abends und erneuter Ermunterung zu frischer Agitation draußen in Stadt und Land schließt der Vorsitzende die Versammlung. Posen, im Dezember. T e r Verein j ü d i s ch e r L e h re r d e r Provinz Posen und Umgegend wird am LT d. M. Hierselbst in Keilers Hotel seine erste Generalversammlung abhalten und um 11 Uhr seine Berathnngen beginnen. Auf die Tagesordnung sind folgende Gegenstände gebracht worden: 1. Begrüßung und geschäftliche Mittheilnngen. 2. Berathnng der Satzungen. 3. Wie verhält sich der Verein zu den bekannten 15 Sätzen der Ethik des Jndenlhnms? l. Was haben nur von der Gesetzvorlage über die Volksschule zu erwartend 5. Bestimmung des Vororts für die nächste Versammlung. Anträge von Mitgliedern. .stach der Beendigung der Berathnngen sollen ein gemeinsames Mittagessen und zwangloser Gedankenaustausch die persönlichen Beziehungen unter den in der Provinz zerstreuten Amtsbrndern fördern helfen. Rur so hofft der Vorstand und hoffen alle Mitglieder des Vereins, dasjenige zu erlangen, wonach das jüdische Lehrerberz verlangt und was ihm die allgemeinen Ortsvereine, die Einzelmitglieder des Tentschen Lehrervereins nicht bieten tonnen. Tenn bei aller Toleranz, die unter den Mitgliedern der interkonfessionellen Lehrervereine, welche fast ohne Ausnahme evangelische, katholische und — loo es deren giebt - - jüdische Amtsgenossen Zählen, wird sich der jüdische Lehrer doch zuweilen vereinsamt finden und sich sehnen, mit einer Anzahl feiner Glaubensgenossen eine Aussprache herbeizuführen. Wenn es also dem Verein jüdischer Lehrer der Provinz Posen gelingt, sämmtliche jüdische Amtsgenossen unserer Provinz zu vereinen, so darf er auf einen solchen Erfolg polz sein. Möge darum jeder sein Theil znm Gelingen des Vorhabens beitragen! # Frankfurt a. M., 10. Dezember. Ter hiesige Israelitische H i l fs v e re i n <Ve r e i n z u r B c sch rä n k nn g des W a u d e r bette! s) versendet soeben seinen achten Jahresbericht. Wenn auch die Mitgliederzahl, .'UL, im Vergleich zur Seelenzahl der hiesigen jüdischen Gemeinde eine relativ geringe ist und der Bericht deshalb kein vollständiges Bild der weitverzweigten echt jüdischen Wohlthätigkeit giebt, wie sie in hiesiger Stadt geübt wird, so war es dem Verein doch möglich, vieles Elend zu mildern, vielen Armen zu Helsen und die Roth öffentlicher und verschämter Armnth vieler jüdischer Familien zu lindern. — Der Verein hat sich mit der Nackchargemeinde Offenbach dahin vereinigt, daß diese demselben von Zeit zu Zeit Beträge übergiebt, welche dann seitens des Vereins an Wanderbettler in kleinen Gaben verabreicht werden. Von den Hinterbliebenen des Dr. John Lehmaitr erhielt der Verein ein Geschenk von 5,00 Mt. —, von dem Testamentsvollstrecker der seligen Frau Recha Schuster ein solches von 1000 Mk. — Es erschienen im abgelanfenen Jahre bei dem Verein 2466 Personen, welche um eine Unterstützung nachsnchten. Es konnte eine solche gewährt werden an 1974 Personen, nämlich 1711 Männer und 263 Frauen. Was die Nationalitäten betrifft, so waren von den Unterstützten 807 Deutsche, 547 Oesterreicher (meist Galizier), 522 Russen, der Nest vertheilte sich ans aller Herren Länder. Die n eisten Unterstützten waren 656 Handwerker und demnächst 608 Händler. Der Verein hatte im verflossenen Jahre eine Einnahme von 8460,52 Mt.; er gewährte an Unterstützungen 8067,68 Mk., nämlich: An Wanderbektler 4683,68 Mk., Beiträge zu Miethen: 1007 Mk. - Übersiedelungen, Auswanderungen und Reisen 1344 Mk. Darlehen 186 Mk. — Armenverein 200 M. — Nähmaschine 10 NU. Einlösung von Pfandscheinen 18 Mk. — Miethbeitrüge für Krönte in Soden 176 Mk. — Sofortige Vertheilungen 675 Mk. Verschiedenes 8 Mk. * Kassel, 7. Dezember. Tie Klagen, welche in jüngster Zeit mehrfach über da§ a n t i se m i k i sch e B e t r a g e n h e s s i s ch e r Schn l m ä n n e r laut geworden fiub, haben an maßgebender Stelle Gehör gefunden. Seitens der Negierttng in Kassel ist eine Verfügun g an die Kreisschul i n spektoren ergangen, in der es u. A. heißt: Es sei der Regierung bekannt geworden, daß vielfach christliche Schulkinder die israelitischen Schulkinder und erwachsene Israeliten öffentlich verhöhnen und verspotten, und daß manche Lehrer in schwerer Versündigung gegen ihr Amt durch unziemende Redensarten ihren Schülern gegenüber diesem Unfug Vorschub leisten. Ein derartiges Gebahren der Lehrer sei im höchsten Grade nnpädagogisch und auf's Schärfste zu mißbilligen. Der Lehrer habe die Pflicht, jeden Fall strengstens zu bestrafen und die Kinder durch geeignete Belehrung zur Dnlditng und Achtung Andersgläubiger zu gewöhnen. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 8. Dezember. Der Ehreitbeleidignngs-Prozeß des Ankisemilenführers Dr. Lueger gegen den Eigenkhümer der „Sonn- und Montagszeitnng", Scharf, ergab im Beweisverfahren, daß Lueger als Liquidator des Rndolfsheimer Vorjchußvereins gute Aktiva im Betrage von 400lloo Gulden an eine Geldfirma um 12000 Gulden verkauft und später als Vertreter eben dieser Firma die vorher verschleuderten Aktiven, worunter zahlreiche Forderungen an kleine Leute, sogar an Straßenkehrer, um zehn Gulden schonungslos eintrieb, wiewohl die Kreditanstalten zur Schonung armer Lenke bedenkende Nachlasse geivührten. Lueger sagte zu seiner Entlastung, er sei „nach seiner Information" vorgegangen, wenn ihm darüber auch „das Herz brach". * Lemberg, 7. Dezember. In der jüngsten Lau dt agssitzn ng interpellirtert Fürst Ezartoryski, Baron Ziemalkowski. Ritter von Jaworsti, Graf Stanislaus Badeni?c. die Negierungsvertreter, weshalb die Baron Hirsch'sche Zwölsmillionenstistnng für humanitäre und Unterrichtszwecke in Galizien, welche eine Landesenquete unter Vorsitz des Landmarschalls für noihwendig erkannt hat, bisher nicht attivirt lourde, und ob die Negierung das Jnslebentreten der Stiftung zu beschleunigen beabsichtige. Rußland. * Petersburg, 4. Dezember. Der Schlag, welcher gegen die preußischen Antisemiten durch die Entlassitug Stöckers geführt worden ist, hat die russischen Hetzbrüder in Aufregung versetzt. Fürst Meschtschersti, der Herausgeber und Ehefredntteur des „Grashdanin", schreibt darüber: „Die Neihe von Ueberraschnngen, ivelche von Wilhelm ll. ansgegangen, ist um eine neue Episode, die mit Pastor Stöcker, bereichert worden. Die Mehrzahl der europäischen Blätter tommentirt den Fall wie wir, d. h. als Veränderung der Frontstellung, von der nationalen preußisch-deutschen, d. h. traditionellen christlichantisemitischen Politik, zur tosmopolitischeit, jüdisch - opportuntstischen Politik. Zur Vervollständigung der merkwürdigen und unbegreiflichen Inkonsequenz, welche in der Entscheidung lag, den Pastor Stöcker, einen ehrenwerthen, jeglicher Sympathie würdigen Mann, für weiß Gott welche Vergehen zu entfernen, kann ein Gerücht, welches sich im Verlause der letzten Wochen in der westlich it Presse mehrfach wiederholte, nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Demzufolge wird an