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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-11 · Heft 48 (11.12.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 48 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Pastor Stöckers Stelle der seiner Zeit seines maßlosen Rnssenhasses wegen aus Rußland entfernte Pastor Talton ernannt werden. Nur das fehlte noch, um den Hintergrund des unbegreiflichen Widerwillens des Kaisers Wilhelm gegen den Antisemitismus zu beleuchten oder zu skizziren. Oder soll etwa der Antisemitismus am preußischen Hofe jetzt durch klerikale Russenfeindschaft bei Hofe ersetzt werden, welche sich erfrecht, diejenigen dem deutschen Hofe naher zu bringen, die in den Grenzen Rußlands nicht geduldet werden tonnten O Unglaublich! * Petersburg, 8. Dezember. Die Nachrichten aus Rußland laufen fortgesetzt trübe. Tie geringeren Anzeichen einer humaneren Stimmung werden durch zahlreiche Symptome der entgegengesetzten Art wett gemacht. So berichtet die „Fr. Zig." In dem Maße, als die Arbeiteil der beim Ministerium des Innern tagenden „Jndenkvmmission" ihrem Ende nahen, nimmt die Zeitungspolemik über die Jüdenfrage eineil immer leidenschaftlicheren Eharatter all. Besonders maßlos ist in ihren Ausfällen gegen die Inden die „Nowoje Wremja", welche sogar die Regiernnz anffordert, so eine Art Plebiszit zu veranstalten und die Bevölkerung zu befragen, ob sie gestatten wolle, daß sich die Juden in ihrer Mitte aufiebctn imb ineiischliche Rechte genießen. Das antisemitische Hetzblatt spricht die Ueberzengnng ans. daß sich die gesammte Bevölkeruiig Rußlands gegen dieses Ansinnen einmüthig aussprechen und verlangen werde, daß die Rechte der Juden noch mehr beschränkt werden sollen. Gegen diese Behauptung treten nun die „Nowosti" tu einem langen geharnischten Artikel aus und zum Beweise dessen, daß die russische Bevölkerung weit toleranter und humaner gesinnt sei, als ihre Preßorgaue, führt das Blatt eine sehr interessante Petition an, welche die hervorragendsten Vertreter der Kaufmannschaft und der Industrie Moskaus im Jahre 1882 an den Finanzminister gerichtet hattet!, als Graf Jgnatjew seine Bedrückungs- Maßregeln gegen die Inden plante bezw. ansführte. Ta mau den Juden den Aufenthalt in Moskau lwie überhaupt in allen Städten außerhalb des Judenrayons) sehr erschwerte, ja oft geradezu unmögl ch machte, so wandten sich die bedeutendsten Vertreter der Moskauischen Kanfmannschaft an den Minister und legten ihm dar, daß diese Zwangsmaßregeln die Interessen des russischen Handels überhaupt und der Moskanischen Industrie insbesondere sehr schädigen würden, und sie ersuchten denselben, seinen Einfluß anzuwenden, um diesem verderblichen Treiben ein Ziel zu setzen. Dieses Dokument ist zu umfangreich, als daß ich es selbst im Auszuge mittheilen könnte. Dasselbe weist auf den großen Nutzen hin, welchen die Juden dem Handel und der Industrie Rußlands bringen, und protestirt sehr energisch gegen die beschränkenden Regierungsmaßregeln. Ferner werden in der Denkschrift das barbarische Verfahren bei den Jndenkrawallen von 1881 und die wahnsinnigen Hetzereien auf das Entschiedenste verurtheilt. Durch diese Ausschreitungen seien nicht nur die Juden, sondern auch die Christen betroffen worden und das Eigenthnmsprinzip höchst bedenklich erschüttert. Daher verlangen die Petenten Gleichstellung der Inden. Selbstverständlich ist dieses Gesuch nicht berücksichtigt worden, und daß sich die Lage der Juden seitdem stets verschlimmert hat, ist bekannt. Belgien. * Brüssel, ll. Dezember. Gestern, als der neue Rektor, Professor Dr. Philippson, sein Kolleg begonnen hatte, drang eine große Anzahl von Studenten in den Vortragssaal ein und begann zu Pfeifen und zu toben. Nach mehrfachen Versuchen, die Ruhe Herzustetten, sah Professor Philippson sich gettökhigt, den Saal zu verlassen. Er theilte den Vorfall sofort dem Universitäts-Vorstände mit und gab, unter Hinweis darauf, daß er durch ein längeres Verweilen im Amte dem Vorstande nicht Schwierigkeiten bereiten lvotte, seine Entlassung als Rektor und Professor. Tie erste ist heute vom Vorstande äuge nommen worden, der zugleich Herrn Philippson bat, sein Amt als Professor der hiesigen Hochschule, das er zwölf Jahre laug mit Ehren innegehabt hat, ferner zu behalten. Philippson hat leider auch diese Bitte abgelehnt. Die Schreier und Lärmer, die den Skandal in Szene gesetzt haben, bei welchen a u ch antisemitische S t i nt m e n vernehmbar wurdet!, haben nun erreicht, was sie wollten, die Entfernung des neu erwählten Rektors. Sie haben aber and) noch etwas mehr erreicht, was nicht in ihren Wünschen lag: sie haben die Hochschule Brüssel bei denen, die studiren wollen, so gründlich diskreditirt, daß eine große Anzahl hiesiger Studenten in Gent und Loewen sich haben einschreibet! lassen. Die Universität thäte sich selbst den größten! Gefallen, wenn sie die Studentenschaft von einigen der Elentente be-; freien würde, die ans Skandalen, wie die vorgefallenen, ihr hatlptsäch-! lichstes Studium machen. Schweden. •9|Gr Stockholm, im Dezember. Einüberaus segensreiche Anstalt; innerhalb unserer Gemeinde verdankt ihr Entstehen unfevtu R a b b i n e r Herrtl Tr. Klein und seiner Ehegattin. In unserer Gemeinde : giebt es nämlich eine große Anzahl eingewanderter polnischer imb! russischer Familien, die trotz d?r großen Wohlthätigkeit, die hier geübt wird, ihre Existenz nur mit allergrößter Anstrengung erringen können. In diesen! schweren Kampfe ums Dasein sind die Eltern selten im Stande, für die leiblichen Bedürfnisse ihrer Kinder hinreichend zu sorgen, und um die armen Kleinen vor dein harten Hunger zu schützen, entwarf Frau Rabbiner Dr. Klein einen edlen Plan, der auch znm gewünschten Ziele führte. Sie errichtete in ihrer Wohnung einen Wohl thätigkeitsbazar. der großen Anklang fand: werthvolle Beiträge flössen reichlich ein. und obgleich nur Aufforderungen an Glaubensgenossen ergangen waren, betheiligten sich auch angesehene Ehristen recht lebhaft. Der Erfolg fiel über alle Erwartung günstig aus, 2400 Krotten war der Ertrag des Bazars. Mit diesen! Fonds wurde sogleich eine koschere Speiseanstalt eröffnet, in der täglich 40 jüdische Kinder ein gutes, nahrhaftes Mittagessen bekommen. Die Kommune zeigte sich so entgegenkommend, daß sie zu diesen! Zwecke ein geräumiges, gut ansgestatketes Lokal nebst Küche gratis zur Verfügung stellte; ans Erkenntlichkeit dafür läßt das Komitee 10 christliche arme Kinder an den Mahlzeiten Theil nehmen. Nächst der gesch. Frau Rabbiner Tr. Klein hat sich auch Frau Wickert hier durch ihre seltene Aufopferung, sonne j ihre energische Aufsicht und Leitung um die Anstalt sehr verdient gemacht. Frau Rabbiner Dr. Klein ist auch die Gründerin des „Ver-; eins z u r Bekleidung armer jüdtscher Kinder\ Fast alle! Frauen unserer Gemeinde sind Mitglieder dieses Vereins, zahlen jährliche Beitrüge, und au jedem Ehanutahfeste wird ein Fest für die : Schuljugend veranstaltet und alsdann Kleidungsstücke, Schnlntensilien 1 und andere Gescheute vertheilt. Eitte beachkeuswerkhe Schöpfung unseres i Rabbiners ist die Einrichtung von K i n d e rg ott e sd i e n st en. In : diesem Winter finden dieselben am Freitag Abend statt und zeigen bis I jetzt eine recht rege Theilnahme. Ter Freitagabend scheint zu diesen! Andachten besonders geeignet zu sein; der voll erleuchtete, herrliche! Tempel, der vorzügliche Ehorgesattg, tneist Gesänge der Breslauer; Synagoge von Herrn Oberkantor Deutsch, versetzen die Besucher in gehobene Stitnmnng, und Herr Dr. Klein versteht es. in populären Vorträgen, dem kindlichen Sinn angepaßt, der Jugend die Liebe znm Judenthnm einznprägen. — Von der Toleranz, von der auch unsere höchsten Behördet! erfüllt sind, möchten wir schließlich noch folgendes Ereigniß erwähnen. Herr Dr. Mever, Philologe hier, bewarb sich vor einiger Zeit um die Stelle eittes Lektors an einer Gothenburger staatlichen Lehranstalt. Er wurde von der Kommission gewählt, doch refüsirte das Domkapitel die Wahl, weil Herr Dr. M. als Israelit nicht auch — wie eilte alte Bestimmung erheischt Mitglied des Domkapitels sein könnte. Dieser Anschauung schloß sich aber die Regierung nicht an, sie sah in der Konfession des Kandidaten keinen Hinderungsgrnnd, verwarf demgemäß das Urtheil des Domkapitels und forderte die Behörden ans, die Bewerbung des Herrn Dr. Meyer noch einmal zu prüfen. — Auch unser Kantor Herr G. Rosenberger ist von der Kriegsunterrichtskotntnission als Lehrer au der König!. Kriegsakademie mit dem Range eines Offiziers angestellt. U Non Kal) und Fern. --- Der Verein ...)<?<!ick«.' ilminv* 'Freu!!de der Taubstum- : men) hat die Ausnahme von zehn neuen Zöglingen in die nenerbante! israelitische Taubstummenanstalt zu Weißeusee beschlossen. Der Ham j burger Rechts a u w alt H err D r. i lt r. W o l ff s ou s e u. ist in die; Kommission zur zweiten Lesung des Entwurfes für das bürgerliche Ge-! setzbuch gewählt worden. — Der h o m i l e t i s ch e Verein a nt iüdi s ch - , theologi s ch eit 6e tu i tta r zu Breslau feierte am 9. Dezember sein 25-; jähriges Stiftungssist. - Von dem bei A. W. Kafemann in Danzig erschienenen ersten Hefte des A ntisem i 1 eu spiegels war die erste! starke Auflage schon vor mehreren Wochen vergriffen. In kurzer Zeit

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