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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-11 · Heft 48 (11.12.1890) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 48 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 619 (sequence 11)
Language
German
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619 der ganzen Schöpfung grad' so nothwendig, wie Du oder ich, und wenn diese Wasserkatz' nicht war', dann fönnt* auch die ganze; Schöpfung gar nicht mehr so sein, wie sie ist, sondern sie musst' eine ganz andere Gestalt haben. So hat er mich gelehrt! Was will er damit sagend Wenn ich ihn richtig verstanden Hab' ist die Auskunft, daß die ganze Welt, so, wie sie ist, sein muß, daß sie gar nicht besser eingerichtet sein könnt'! Und ist das wahr? könnt' die Welt nicht besser eingerichtet sein? kann ich in meinem Kopf nicht eine besser eingerichtete Welt denken? Zu welchem Zweck sind die Leiden unb Krankheiten auf der Welt? Wär' die Welt ohne diese Hebel und Krankheiten nicht besser . eingerichtet? Man wird sagen, sie dienen dazu, den Brenschen, wenn er übermüthig geworden ist, zu erinnern an seine Menschlichkeit llnd Hinfälligkeit und ihn zurückzuführen zu Gott und ihn zu bessern. Kann sein, daß diese Ursache sich bei manchen Menschen anwenden lässt; wird sie sich aber bei allen Menschen anwenden lassen? was soll dann eine gefährliche Krankheit bei einem kleinen : Kinde, welches noch nicht denkt, welches von dem Allem noch nichts! versteht, soll das auch gebessert und zu Gott zurückgeführt werden? was hat mein klein Schwester!, welches keine gesunde Stund' gehabt hat, von der Geburt angefangen bis zu dem Augenblick, wo sie gestorben ist, was hat sie gesündigt, was hat sie verschuldet, daß sie auf der Erd' hat so vielausstehn, daß sie so viel hat ertragen müssen? Hätt' sie auch sollen in ihrem Uebermuth erinnert werden an die Einfältigkeit des Menschen? Hat es jemals eine demüthigere Seel' gegeben, als sie war? Das tarnt also doch der einzige Grund nicht sein, der nicht durchweg passt nnd sich nicht auf alle Fälle anwenden i läßt! Zll welchem Zwecke also sind die Krankheiten auf dieser Welt, wenn diese Welt die beste ist mtb wenn es eine bessere nicht gebeil kann? Tie Wasserkatz' — sagt Rabbi Elieh — ist nothwendig, sie ist nothwendig im Plan der Schöpfung, wie die Kap' und wie die Spinn: Ich fang aber auch an, gar llicht mehr einzusehen, wozil denn die Katz' und die Spinn' nothwendig fiitb? Damit die Kap' die Maus' unb die Spinn' die Fliegen vertilgt? Ist das ein Grund? ' Sollen denn also feine Mäus' und keine Fliegen! sein? Wozu hat ' Gott sie erschaffen? Wozu sind denn dann die Mäus' und die! Fliegen auf der Welt? Wär' es Gott, der allmächtig ist, nicht möglich gewesen, eine Welt ohne Mäus' und Fliegen herznstellen, wenn diese Geschöpfe ein Uebel für die Menschen sind? Wozu braucht er erst ein Uebel in die Welt zu setzen und muß dann darallf bedacht sein, ein Mittel zu schaffen, um das Uebel auszurotten; hätt' er das Uebel gleich nicht gemacht, so hättI er das Mittel nicht ge-- braucht. Hätt' er keine Mäus' und keine Fliegen erschaffen, so hätt' er keine Katzen und keine Spinnen gebraucht. Das kommt doch ganz genau heraus auf das Sprichwort: Iß keine Kugel, trink kein' Branntwein! Er sagt aber, der Mensch hat kein Recht, die ganze Schöpfung auf sich zu beziehen. Was heißt das? Auf wen denn soll der Mensch die Schöpfung beziehen, als wie auf sich? Ich seh' nicht ein, warum der Mensch, wenn er einmal der Meinung sein soll, daß diese Welt nicht besser eingerichtet sein könnte, nicht bei einer jeden Sache, die er betrachtet, auch die Frage stellen soll, ob sie ihm zum Nutzen oder Nachtheil gereicht. Indessen ich will lernen, wie er lernt, ich will annehmen, der Mensch hat die Schöpfung nicht auf sich zu beziehen, sondern jedes Geschöpf ist ebenso gut seiner selbst willen da, wie der Mensch. Sieht es bei dieser Betrachtung aber besser aus? Wozu sind die Fliegen da? Sind sie da, um von der Spinn' gefressen zu werden? Was hat die Flieg' davon, daß die Spinn' Futter hat?. Was hat die Maus davon, wenn sich die Katz' satt frißt? Ich geh' noch weiter! Ich stell' mir die Frage auf, wozu ist der Baiun, der int Wald steht, wozu das Gras, das auf dem Feld wächst? Denn entweder ich betrachte die Schöpfung in Beziehung auf den Menschen, oder nicht. Wenn ich das nicht thu', so hat jeder Strauch und jeder Grashalln grad' so viel Recht in seiner Existenz, wie ich selbst! Weiß der Balun davon, daß er da ist? hat er eine Empfindung, hat er Schmerz, wenn er umgehauen wird? Ist das der Fall, nwzu ist er da? Haben sie keine Schlnerzen, dann sind sie doch wieder nur in Beziehung auf andere Geschöpfe da und nicht ihrer selbst wegen, da sie von nichts wissen! Wozu braucht also das Heu da zu sein, lun das Pferd und die Kuh zu füttern, wozu der Baum, daß ich mir einheizen kann, was hat er davon? Und wrnn ich diese Beziehung auf den Menschen beim Baum zugeb', so kann ich sie bei dein Thier nicht fallen lassen. Denn die Pflanze hat nicht nur eine Beziehung zum Menschen, sondern sie hat sie auch zunl Thier: also ist das Thier mehr wie die Pflanze, dann hat aber auch das Thier wieder eine Beziehung zum Menschen, dann ist er inehr als sie beide. Und wenn ich wieder diese Beziehung der Geschöpfe auf den Menschen will gelten lassen, was seh' ich, was lern' ich daraus? Ich seh' und lern' daraus, daß ich bei jeden! Geschöpf niich fragen muß, ob es mir schaden lann, oder ob es inir zll etwas dient. Wenn es mir schadet, sehe ich es zu vertilgen, lun es unschädlich zu machen: wenn es mir nützt, sehe ich es zu tobten, um es mir nützlich zu machen. Ich verfolge ein wildes Thier und tobte es, wenn ich kann, damit es lnich nicht angreift; ich schlachte aber and) den Ochsen, mit sein Fleisch zu essen. Also lauter Vernichtung, lauter Krieg; wie die Thiere untereinander nur da sind, um sich gegenseitig aufzufressen unb in einem Krieg mit einander leben, so muß der Mensch in einem beständigen Krieg mit der ganzen Schöpfung und mit allen Geschöpfen leben. Krieg nach beiden Seiten hin: wer mir Uebles thut und wer mir Gutes tbut, beide verfolg' ich mit gleicher Grausamkeit und bilde mir dann noch viel auf meine Menschlichkeit unb auf die menschliche Gerechtigkeit ein. Ist das eine beste Welt? Hätte Gott, nicht können alle diese Thiere unerschaffen lassen? so hätten die wilden mich nicht geschreckt, und gegen die zahmen brauchte ich nicht grausam zu sein. Von wannen ich meinen Hunger stillte, wenn ich keinen Ochsen schlachte? das ist keine Frage, denn derselbe Gott, der lvelcher die Welt ohne schädliche Thiere hergestellt hätte, wär' er auch im Stand' gewesen, den Bienschen ohne Hunger einzurichten. Darin liegt ja gerade das größte Leiden der Menschheit, in dem Hunger. Hätte Gott eine beste Welt erschaffen, so hätte müssen der Mensch ohne die leiblichen Bedürfnisse geboren werden, die ihn jetzt in dieser Welt so unglücklich machen, und die ihn oft zu den größten Verbrechen treiben. Zu welchem Zwecke Hunger in einer besten Welt? Wie beneidet Einer den Anderen den Bissen, den er zum Mund führt. Welche Leidenschaften werden durch den Hunger in die Welt gesetzt? Hunger thut weh und will gleich befriedigt sein. Ter Hugrige kann nicht warten, bis bessere Zeiten kommen werden, der Hungrige muß sich seine Nahrung verschaffen, und er kann dies nicht immer auf dem graden Weg, er muß öfters den krummen gehn. Der Hunger erzeugt den Betrüger, den Dieb, den Räuber und den Mörder, mit einem Wort, die Gewalt. Die Gewalt! diese ist es. welche herrscht auf dieser Erde anstatt Recht und Gerechtigkeit. Wo man hinsieht überwindet der Stärkere den Schwächeren. Die Erde ist die gemeinschaftliche Mutter aller Menschen; der Stärkere reißt den Boden an sich, nimmt Besitz davon und sagt: er ist mein! Und der Schwache, will er nicht verhungern, muß ihm dienstbar werden. Die Statur bringt Nahrung hervor für alle Menschen, der Stärkere eignet sich dieselbe mit Gewalt an und entzieht seinem schwächen!

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