Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- Seite 618 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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618 reiche dichterische Phantasie, durch glühende Sinnlichkeit und geistreiche Pumdore. Sie ist aber in ihrer gemäßigten, klaren Statur! gleichweik entfernt von demokratischer Erbitterung, wie von aristo- : trntischer Ueberhebnng. Sie loandelt stets die Bkittelstraße des gesunden Menschenverstandes, und ihr feiner weiblicher Takt läßt sie nie auf Irrwege gelangen. Was Julian Schmidt von ihr rühmte, das scheint mir ein wesentliches Bioment ihrer Eigenart zu sein: sie , hatte eine redliche Empfindung und ein gutes Genüssen. Dadurch j gewinnt Alles, was sie erzählt, wvrüüer sie uns belehrt und unter-! richtet, eine eigenthümliche Färbung. Wie viel Halbwahres und Peraltotes auch dabei fein mag —es zeugt doch Alles von der Integrität! ihres Gefühls. von ehrlicher 'Arbeit an sich selbst, llnd ihre wachsende! -Keife bedingt auch eine stete und gedeihliche Entwickelung. Ja, der Roman „Aon (Geschlecht zu Geschlecht" (zeigt die Schriftstellerin i ans der Höhe ihres Könnens: er ist in allen Kombinationen glücklich durchgeführt. die psychologischen und sozialen Probleme sind gut und; tlar entnnckett, und die Grundtendenz des Werkes wird mit lieberj zengung, mit Sicherheit und einer nicht gewöhnlichen Tarstellungskraft zur Erscheinung gebracht. Diese (Grundtendenz aber ist, wie bei allen früheren Werten, „die Ausgleichung der ständischen Unterschiede durch die stitlwaltende Macht der Kultur". Auf denselben Grundton sind auch ihre späteren Werke gestimmt; vor Allem ihre; Romane „Die Erlöserin" (l<s7o), „Das Mädchen von Hela" (lbW), „Benedict" (1S74), „Benvenuto" (1^7<)). „Helmar" (l^ls), „Stella" (1SK>), „Haus Dagmar" und eine große Anzahl neuerer Werte. Bis zu ihrem Tode hat die fleißige Frau die Feder geführt, stets mit derselben Klarheit uub Wahrhaftigkeit, stets im Dienste; ihres Berufs, den sie für einen sehr hohen und verantwortungsreichen gehalten hat, und in den sie viel von denn Pathos des Predigers auf der Kanzel hineinlegte. Dadurch haben ihre Werke etwas lehrhaftes gewonnen, aber freilich auch an dichterischer Ursprünglichkeit verloren. Die Beweglichkeit und Schärfe ihres Geistes, ihre Zähigkeit und feine Beobachtungsgabe ließ sie an keinem großen Problem, an keiner lvichtigen Frage der Zeit vorübergehen; überall bekundet sie einen reifen und reichen Geist und ein lvarmes Gemüth. Heine * hatte Recht, als er zu Fanny lewald einmal sagte: „Es ist sehr! merkwürdig. Sie haben viel gedacht, Sie denken überhaupt viel, und; Sie haben doch das Herz einer Frau! Das überrascht mich." Das; ist aber auch der einzig richtige Standpunkt für die Beurtheilung der : Schriftstellerin. Perstand und Herz waren bei ihr zu einer schönen : Harmonie gelangt, nicht von selbst und nicht plötzlich, sondern nach ■ heißen Kämpfen, nach trüben Erfahrungen, durch unermüdliche Arbeit! und ehrliches Ringen. So steht die Individualität dieser Schriftstellerin; nun schon fast ein Menschenalter klar und fest Umrissen vor dem Blicke ihrer Zeitgenossen, die in ihr die hervorragendste deutsche Schriftstellerin : auf dem Gebiete des Frauenromans verehren, welche von keiner ihrer : Achchsolgerinnen aus dem jüngeren Geschlecht übertroffen wurde. Für uns freilich, die wir sie persönlich gekannt haben oder ihr j nahe stehen durften, war sie mehr, viel mehr: die geistig klare, hoch-! sinnige Frau, die mit Rath und Lhat Jedem beistand und Jedem s zu helfen versuchte, die liebenswürdige Gesellschafterin, die ihr Haus Jahrzehnte lang zu einem der begehrtesten in der Residenz zu machen verstanden hat, und von der man stets nur Praktisches, Gutes und | Klnges hören konnte, die edle Freundin und Beschützerin alles Guten,! Schönen. Wahren. Und so auch wird sie in der Erinnerung fortlebeu.! Die einzelnen Schöpfungen mag immerhin der Zeiten Sturm ver-! wehen, ihre harmonisch abgeschlossene Individualität wird eineu Ehrenj Plast in der deutschen ^itteratur dauernd behaupten. Feuilleton. <#»*-»• Der unbekannte Gast. teilte Geschichte von Eduard Killte. (Fortsetzung.) Giuetz Tages gingen die beiden Männer auf's Feld hinaus und sie kamen zu einem Wasser. Ta begab es sich an dem Wasser, daß eine Fischotter mit einem zappelnden Fisch zwischen den Zähnen ans demselben herauskain. Tie beiden Männer bliebe» stehen. Tie Fischotter bis; dem Fische den Kaps ab, lies; denselben liegen, verschwand sogleich wieder im Wasser, um mit neuer Bellte belade» aus demsclbcn zurück,znkchren. Tic beiden Männer lvnndcrtcn sich; namentlich der Jüngere. Was ist das für ein Geschöpfs" fragte Rabbi Leb. „Das ist eine Wasserkatz'", sagte Rabbi El ich; „es ist die .Latz für die Fisch'." „Warum hat Gott dies Thier erschaffen?" fragte Rabbi Leb. „Warum hat (statt die ftitli erschaffen »nd die Spinn'? fragte dagegen Rabbi Elieh. „Tie Kah' und die Spinn'," gab Rabbi Leb zur Antwort, „das hat einen Sinn. Tie.statz' frisst die Maus und die Spinn' die Fliegen. Tic Katz' und die Spinn', beide nützen dem Menschen und säubern die Welt. Was aber nützt die Wasserkatz dem Menschen, die ihm die Fisch' anffristt, die er selber essen könnt?" „Was Gott gemacht hat," antwortete Rabbi Elieh, „mns; der Mensch nicht ans sich beziehen." „Ans wen denn soll sich die ganze Schöpfung beziehen, als ans den Menschen, ans ihr vorzüglichstes Geschöpf?" „Nun Hills; ich Dir sagen," erwicderte Rabbi Elieh, „daß diese Wasserkatz' im Plan der ganzen Schöpfung gerade so nothwendig ist, wie Tn oder ich; n>id daß, wenn diese Wasserkatz' nicht war, die ganze Schöpfung gar nicht mehr so sein könnt', wie sic ist, sondern eine ganz andere Gestalt haben müsst'." Rabbi Leb schien von der Erklärung, die ihm der ältere Frennd gegeben, nicht befriedigt zli sein. Zwar machte er keine lveitere Eirnvendnng und stellte auch keine iveitere Frage über den Gegeilstand, allein er schwieg uird zog die Stirn in düstre Falten, l»rd Rabbi Elieh wusste dieses Schweigen zu beuten. In solchen Momenten innerer Erregtheit pflegte er den jüngeren Frennd nicht zu stören: gern überlies; er ihn da dem schwelgerischen Hinbrttten über die pveifelhafte Sache und wartete ruhig auf de» Augenblick, in dein es nöthig würde, mit seiner Sonde in die offene Wunde hineinzuarcisen. Hatte er dann die Genugthnnng, daß der Frennd sich ihr nnterivarf, so niachtc er hierüber kein Aufhebens; nichts pon Befferwiffen, von Autorität des Meisters dem Jünger gegenüber kam über seine Lippen, die Sache war nun eben abgethan und existirte für ihn nicht mehr.- Sa ließ er denn auch jetzt den Freund ungestört in seinem tstedankenprozesse, und so schritten die beiden Freunde schweigend neben einander hin ltnb nahmen, in der Stadt wieder angckoniine». rasch Abschied von einander. Rabbi Elieh konnte sowohl an dein Aussehen des Freundes, wie an dessen zitternder Hand merken, daß er sich i» einer ungewöhnliche Aufregung befinde. In der Thal war cs eine mehr als gewöhnliche Aufregung, es ivar eine Berändernng, in der Rabbi Leb sich befand. Nichts stand inehr fest für ihn, er wußte nicht, in welcher Welt er sei. Ter Rabbi Elieh hatte ihm mit dem froinmcn Satze eine harte Nnß zr> knacken gegeben!, »nd er biß sich'iinn daran die Zähne ans. Tie Wasserkatz' - so fing Rabbi Leb, nachdem er zu Hause angekoininen war, an zu grübeln. Diese Wasserkatz' ist im Plan