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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-11 · Heft 48 (11.12.1890) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 48 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 617 (sequence 9)
Language
German
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617 getreu und resignirt auf das Glück der Liebe. Auch der zweite Roman, „Jenny" (184^), behandelt ein religiöses Thema, nämlich die Frage der Mischehen, die damals an der Tagesordnung war. In diesen Roman hat die Dichterill, obzwar sie selbst dagegen sehr lebhaft protestirte, doch ohne Frage einen Theil ihrer eigenen Lebenserfahrilngen hineinverwebt. Wie Fanny Lewald selbst, so liebt auch die Jüdin Jenny einen jungen Theologen und wird von ihm wiedergeliebt; Fanny wie Jenny wurden durch diese Liebe verleitet, zum Christenthum überzutreten; Beide bereuen ihren Schritt, bald nachdem sie ihn gethan haben, und erklären ihren Geliebten, das; sie nie aus voller Ueberzeugnng Christinnen werden können. Natürlich ziehen sich diese hierauf zurück. Hier trennen sich aber die Wege; denn Jenny heirathet einen Grafen, während Fanny noch lange unvermählt blieb. Ter Roman selbst ist ein glänzendes Zeit- und Knlturgemälde voll dralnatischen Lebens, voll sittlichen Gehalts und von einer vortrefflichen Darstellung. Auch der dritte Roman, „Eine Lebensfrage" (.1845), behandelt die Frage der Che und der Scheidung; er ist vorwiegend polemischer Natur und führt uns auf eine Eigenthümlichkeit dieser Schriftstellerin, die vielleicht keine einzige ihrer modernen Genossinnen theilt, nämlich auf ihre scharfe Beobachtung der Zeitverhältnisse und ihr merklvürdiges Verständnis; für Politische Tagesfragen. Sie hat darin etwas von Karl Gußkow, mit dein sie ja auch das eigentliche Poetische Unvermögen theilt. Ten Frauen ist das Gebiet der hohen Politik ja sonst wohl verschlossen. Ihre Logik ist doch auch eine andere als die der Männer, die für die Politik vorzugsweise berufen sind; sie entbehrt meist der Folgerichtigkeit und Strenge des Denkens, sie bedient sich viel eher der Beispiele und Vergleiche. Fanny Lewald war die erste deutsche Frau, die über Politik verständig zu reden wusste; bei ihren Zeitgenossinnen musste man in der That mehr die Unbefangenheit, um nicht zu sagen: die Freiheit bewundern, mit der sie sich über die höchsten sozialen und politischen Tagesfragen auszusprechen wagten. Mit Recht hat ein Gegner der Franenschriftstellerei die Bermnthung ausgesprochen, das; all' ihren politischen, sozialen und religiösen Sympathien meist individuelle Beziehungen zu Grunde liegen. Cs fehlte ihnen die Reife des Urtheils, weil sie nicht selbst unmittelbar in dieser Politik thätig sein konnten. Ganz anders Fanny Lewald. Sie hat, wie gesagt, einen scharfen Sinn für objektive Verhältnisse und ein warmes Empfinden für das Leben der Nation, für ihre religiösen und sozialen Institutionen, einen politischen Instinkt, der in der Schule des ostpreußischen Liberalismus groß geworden und durch den Umgang mit gebildeten Männern befestigt worden war. So ist es kein Wunder, wenn ihr die sentimentale Unwahrheit und Unsittlichkeit der Gräfin Hahn-Hahn auf's Tiefste zuwider war. Ihr Roman „Diogena" (1847) ist die gliicktichste Verspottung aller Schwächen im Gemüth, im Charakter und in der Schreibart der schriftstellernden Gräfin; aber er zeigt auch zugleich, wohin jener Egoismus des Herzens führt, jenes gesuchte Geistreichthum, jener schönselige Phrasenrausch, dem die „unverstandenen Frauen" damals mit Vorliebe huldigten. Der Grundzug in dem schriftstellerischen Charakter von Fanny Lewald ist dagegen Gesundheit; sie hat ein starkes Naturell, einen ruhig wägenden Verstand, sie ist ja eil! Kind aus der Stadt der reinen Vernunft und hat sich nie die Klarheit des Blickes durch fremde Eleulente trüben lassen. Allerdings überwiegt bei ihr die Reflexion, und es fehlt ihr die schöpferische Ursprünglichkeit und der Schwung der Phantasie. Aber als ein Gegengewicht gegen die Excefse der Phantasie war ihre Erscheinung geradezu eine Nothwendigkeit in der deutschen Litteratur. Der Vergleich, den ein französischer Schriftsteller zwischen ihr und George Sand zog, mag im Ganzen! richtig sein: bei George Sand verklärt sich die einfachste Erzählung > zum Gedicht; auch das Gewöhnlichste gewinnt unter ihrer Hand Form und Leben; den; gegenüber bevorzugt Fanny Lewald immer den Gedanken, die Reflexion, auch wo sie zu schildern und zu dichten versucht. Die Erzählung lvird bei ihr sehr oft zur Betrachtung, zur Erläuterung, zum Kommentar. Tie Vereinigung beider Eigenthümlichkeiten würde allerdings die vollendete Schriftstellerin abgeben. Einen Uebergang zur zweiten Epoche bildet der historische Roman „Prinz Louis Ferdinand" (1849); allein die Schriftstellerin war diesem Stoff nicht gewachsen, auch ist die Erfindung keine allzu reiche, und das Ganze macht einen unbefriedigenden Eindruck. Einige; spätere Schriften, welche sich fast ausschließlich mit der großen sozialen Suppenfrage der Menschheit beschäftigen, zeigen den Uebergang zur zweiten Epoche viel deutlicher und klarer, so z. B. ihr „Italienisches Bilderbuch" (1847), ihr „Reisetagebuch aus England und Schottland" (1851). Ueberall beschäftigt sie sich natürlich zunächst mit der Sache der Frauen, und hier hat sie Gelegenheit, ihren klaren Verstand, ihre scharfe Beobachtungsgabe, ihre gesunde Logik, aber auch zugleich ihr warmes, tief empfindendes Geinüth zu entfalten. Eine wahrhaft humane Gesinnung zieht durch alle ihre Schriften; wenn ihre Beurtheiler auf ihre ostpreußische Abstaminuug zurückgehen, so darf man wohl auch sagen, daß sie in ihrem humanen Wesen ebenso viel von Herder, wie in ihren! Vernunftbedürfnis; von Kant hatte. Tie zweite Epoche beginnt zugleich mit der großen Wandlung in! Leben der Dichterin. Schon ihr erster größerer Roman, „Wand-; langen" (185:1), ist ein Zeugnis; dafür. Sehr zutreffend hat Gott-! schall diesen Roman „eine Physiognomie des politischen Gewissens"! genannt; sie kiinlpft darin für die volle „soziale und bürgerliche j Rechtsgleichheit des aufstrebenden Mittelstandes", den! sie durch Geburt,! Neigung und Lebenserfahrungen angehört. Es ist ein Roman der Gesinnung, in dem die politischen und religiösen Ueberzeugnngen der verschiedenen Klassen mit scharfer Beobachtungsgabe dargelegt, alle Fehler und Mängel unserer gesellschaftlichen Verhältnisse besprochen und die Hoffnungen und Triumphe der inodernen Ge-! sellschast freimüthig verkündet werden. Auch die Technik und die j Darstelluugsart weist einen bedeutenden Fortschritt auf. Ter Roman! verliert sich allerdings hier und da in eine ermüdende Breite; die j Reflexion überwiegt zuweilen, aber die Schilderungen sind von großer Frische und Wahrhaftigkeit, und die Charaktere sind fast durchweg treu und richtig gezeichnet. Gerade weil sie so klar und verständig ist, übt der poetische Hauch, der gleichwohl über vielen ihrer Schöpfungen liegt, einen um so tieferen Zauber und eine um so stärkere Wirkung aus. Dabei ist ihr Standpunkt ein fester und; sicherer: es ist der Standpunkt des liberalen, freidenkenden Menschen, den! sie auch in ihren nächsten Romanen: „Adele" (1855)., „Die Kammerjungfer" (1850), Ausdruck verliehen hat. Jnuner und > überall ist es die Klärung unserer bürgerlichen Lebensverhältnisse, der sie energisch das Wort redet. Ter gesunde Menschenverstand, der starte Wille gelangt stets zum Siege. Alle Nebel der jungdeutschen Epoche bemüht sie sich, zu zerstreuen, und für die Erziehung unserer Töchter empfiehlt sie vor Allen! Wahrhaftigkeit und Arbeit. Sie haßt jede Sentimentalität, aller Romantik ist sie ■ spinnefeind; aber sie hat in einer Zeit, wo der blasse Jdealisinns! und die schwule Sentimentalität ihre Drgien feierten, zuerst den verstandesklaren Realismus in die deutsche Litteratur gebracht, der : viel später erst das allgemeine Losungswort geworden ist. Das ist j das große Verdienst, welches wir dieser Schriftstellerin heute zuzuerkennen haben, ein Verdienst, welches nicht verringert und nicht geschmälert werden kann durch ihre Fehler und Mängel. Fanm, Lewald hat durch ihren Realisinus und durch ihre nüchterne Darstellungsweise der deutschen Litteratur mehr genäßt, als etwa durch

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