Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- Seite 616 (sequence 8)
- Language
- German
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616 flebev, sich den Folianten des Johannes Wolfins vom Bücherbrette herunterreichen, um den Bersammetten das wahre Urbild ans der Ltadtkirche zu Wittenberg zu zeigen. Zweck und Entstehung des Spottbildes sind aber, obzwar seit Luther lind Fobrieius so oft davon die Rede gewesen ist, schwerlich richtig angegeben worden. Bon bcin wenigstens, was dem Fabrieius so gläubig nachgeschrieben worden, wird sich kaum Etwas halten lassen. Es bedurfte aus den Kirchen keiner Abschreckungsmittel, um die Juden davon znrückzuhalten. Auch steht die Sau schwerlich, mit jener alten in Verwandtschaft oder Zusammenhang, die Kaiser Hadrian aus das Bethlehemthor zu Jerusalem in Marmor setzen ließ. Denn diese wird, wie schon Baronius erkannt hat, wohl mir das Feldzeichen der Legio X Fretensis') gewesen sein, die in Jerusalem stationirt war und um seine Eroberung sich so viel bemüht hatte. Tie Sau ans den Kirchen war keine gelehrte Reminiszenz an die von Jerusalem oder ein Anslebsel einer literarischen Notiz, sondern ein aus dem Bestiarius und dem Bilderkreise kirchlicher Kunst hervorgewachseues Produkt. Für die Symbolik des Mittelalters war das Schwein das Judenthum 0°. Stte 1, 488). Tie in ihrer Hartnäckigkeit verharrende Synagoge sollte also in den die Milch des Schweines saugenden großen und kleinen Juden verhöhnt werden. Darum wandte sich diese Skulptur gewöhnlich der Judengasse zu, oder war an derjenigen Seite der Kirche angebracht, gegen die vor der Vertreibung der Juden ihre (Passe gerichtet war, so in Wittenberg und Regensburg (Tchudt IV, 2 |>. 94), so auf dem auswärtigen Pfeiler der Nikolaikirche zu Zerbst (iJ>. JV, 251). Turch eine seltsame Ironie der Geschichte war aber dem kränkenden Spotte, der gegen die Juden damit von christlicher Seite beabsichtigt war, die Spitze dadurch bereits abgebrochen, daß die Litteratur der Synagoge unter dem hebräischen Namen des Schweines ihre römischen Bedrücker-) begriff. Marmorne und steinerne Spottbilder, wie ihre Peiniger auf ihren Kirchen zu ihrer Verhöhnung und Temüthiguug anbrachten, standen ihnen nicht zn Gebote, aber auch die Sprache, nicht die Kunst allein, hat ihre Symbole. Für den Juden, der vorüberging und beschimpft werden sollte, bedeutete die Skulptur aus den Kirchen höchstens die Geißelung des abtrünnigen Juden, der an die Brüste Roma's sich hängt, die für sein Volk nicht die Wölfin, sondern die Sau symbolisirte. Aber was hat mit dem Spott der Kirche gegen die Synagoge der geheiligte Name Gottes zu tl)mi 8 Wohl begreift es sich, daß der Neid und Ingrimm selbst diesen eingebildeten Besitz den Juden mißgönnte und in geheimer abergläubischer Furcht vor den Wundern, welche mit diesem Namen angeblich verübt werden konnten, das verhöhnte, was Grauen einflößte. Aber welcher innere Zusammenhang thut sich zwischen dieser Bezeichnung und dem Bilde der Sau auf, die in Wittenberg ihn als Ueberschrift trägt ' Luther hat durch dieses Räthsel sich schon angeregt gefühlt, seinen Scharfsinn daran zu üben. In seinem Büchlein vom Schemhamphorasch, das noch Sigismund Hosmanu, Prediger zu Zelle, 17(4 seinem Buche: Das schwer zu bekehrende Juden-Hertz anzuhängen für gut fand, meint er denn nach der Beschreibung des Wittenberger Spottbildes, daß nach seiner Ansicht „ein gelehrter ehrlicher Mann hat angeben und abreißen <d. h. entwerfen) lassen", der böse Geist lasse die Juden sagen: Schein Hamphuras, er aber meine: Scham haperes. Diese abgeschmackte und rohe Erklärung richtet sich dadurch schon selber, daß sie dasjenige unerklärt läßt, was sie erklären will. Tenn trotz dieser schmutzigen Ver- 'l S. de Sauley Revue archeulogiquc X S. XX, 256. 2) S Zuuz: Gesammelte Schriften III, 221 ff. -pjn bagndisch gedeutet. j drehnng eines ehrwürdigen hebräischen Namens wird kein Schwein ' heranSgebracht. Luther bricht auch, wie von Gewissensbissen geplagt, in die Worte aus: „Ach mein Gott! mein lieber Schöpfer und Vater! Tu wirst mir gnädiglich zu gute halten, daß ich sgar ungern) vwi Deiner göttlichen ewigen Majestät so schändlich muß reden wieder Deine verfluchten Feinde, Teufel und Juden. Tu weißt, das; ich's thue aus; Brunst meines Glaubens und zu Ehren Deiner göttlichen Majestät; denn es geht mir durch Leib und Leben." Ich glaube aber, daß mau die Sau von ihrer Inschrift zu Wittenberg zu trennen haben wird. Jene ist ein Produkt des Mittelalters und allgemein verbreitetes Eigenthum der Kirche. Diese aber ist das Werk eines, wie Luther sagt, gelehrten ehrlichen Mannes, der seine Entdeckung vielleicht lange, nachdem das Schwein gemeißelt und in der Wittenberger Kirche zu sehen war, durch einen Steinmetz darüber verewigen ließ. Tie ihn fremd anstarrenden hebräischen; Worte: Schein Hamphorasch scheinen mir nämlich den unseligen Er- , sinder dieses rohen Witzes dadurch auf seine Idee gebracht zu Haben, daß er zum Theil auf dem Wege des Anagramms darin: Schema |-- 2//)/^:]: Schropliain oder Scropliam zu entdecken glaubte, als ob die Worte riefen: „Sieh' hier die Gestalt der Sau." Eine Art von Volksetymologie der schlechtesten Sorte, ein Spiel mit Buchstaben, wie es aber am Ausgange des Mittelalters nicht unerhört ist. wäre hier zur Befestigung durch die Skulptur gelangt. Im Alterthum hat die Bosheit, daß die Juden den Esel anbeten, in dem bekannten und so viel behandelten Spottkruzifir ihren Ausdruck durch die Kunst j erhalten; im Mittelalter entstellt die lächerliche Auslegung, auf die! einen Unwissenden die Bezeichnung des höchsten jüdischen Gottes-! namens gebracht hat, durch eine Blasphemie die Kirche von Wittenberg. 4prtmuj Kewald. Bon CSiiflau Havpdcä. ll. Zur öU'it, nie Fanny Lewald auftvot, tmir der Einfluß, bnt ('>n'onu’ Sund uuf die deutsche Litteratur mt-MiMc, eilt ganz außerordentlicher. Tie schriftstellerndeu Frauen qttäfiett sich damals sehr damit ab, ihren Beruf zuZinden, ihre Bestimmung zn suchen. Dabei kamen die seltsamsten Tinge an den Tag; ja ein Schriftsteller rieth damals sogar den Frauen, Männer zu werden, und den Männern, sich eine weibliche Natur anzueignen, »nd der Philosoph Kuno Fischer kam zu der Ueberzeugung, daß das Weib das Bollkonimenste ans Erden sei. Mit jedem neuen Franeuroman tauchte ein neues Projekt auf; die Werke non (George Sand wurden förmlich nerschlungen und nachgeahmt; es war eben die Zeit der nunerstandenen Weiber. Die Emanzipation de» Fleische» war da» Losungswort. Aber man darf wohl anuehinen, daß die Meisten, die es im Munde führten, sich die > Bedeutung de» Wortes gar nicht einmal ganz klar gemacht hatten. Das Verhältnis; de» Mannes zum Weibe >var das Grundthema aller Romane, für die George Saud Muster und Borbild gewesen. Natürlich widmete diesem Thema auch Fanny Lewald ihren ersten Roman „Eleinentiuc" (1842); aber schon dieses erste Werk zeigt in allen seinen Fehlern auch die Borzüge dieser Schriftstellerin. Es behandelt selbstverständlich die Frage der Ehe. Elementine hält es für un- : würdig, sich einem ungeliebten Manne zn vermähle», aber die Berj hältnisse zwingen sie dazu, einem älteren, bedeutenden Manne die Hand zu reiche». Nachdem sie schon längere Zeit vermählt ist, j kommt ihr früherer Geliebter, der sie treulos verlasse» hatte, zu ihr i zurück; sie aber bleibt, obgleich sie ihn noch immer liebt, ihrer Pflicht