Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- Seite 615 (sequence 7)
- Language
- German
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noch verantwortlich gemacht, dessen Opfer sie geworden sind.. Ihre Verdammnis; wird eine neue Anklage, jede Wunde eine Waffe gegen sie. , Pierre de l'Ancre hat die unsaubere Geschichte von der Sau zu Wittenberg (Revue des etudes juives XIX., 239) mit Haut und Haaren abgeschrieben, so wie er auch die Angaben über die Kirchen, in denen das geschmackvolle Bild sich ferner findet, aus derselben Quelle plagiirt hat. Doch dürfte er nicht die erste, sondern eine Mittelquelle benutzt haben. Denn die Sau von Wittenberg hat in der Litteratur Glück gemacht, seitdem Laurentius Fabricius I aus Danzig, der als Professor der hebräischen Sprache im 74. Lebensjahre am 28. April 1629 zu Wittenberg verstorben ist, im Jahre 1596 seinem Buche „De Schemhaniphorasch usu et abusir* die Beschreibung dieses Spottdenkmals einverleibt hat. Bereits 1600 hat Johann WolfZ, Di-, juris aus Bergzabern in Zweybrücken, geboren 1537 und 1600 verstorben, des Fabricius Schilderung und ganzes Raisonnement als Erklärung der schauerlichen Illustration, die er von der Sauskulptur giebt, in den zweiten Band seines 1600 in zwei mächtigen Folianten erschienenen Buches Lectioimm memorabilium et reeonditarnm toinus I—II. p. 1032 bis 1033 ausgenommen. Die Illustration, über der die Inschrift prangt: RABINI, SCHEMHAMPIIOR AS, stimmt md)t ganz Fabricius Schilderung. Während nach dieser zwei Juden-Knüblein mit abgewandtem Gesicht und Einer mit bem Blick auf den Beschauer an der Sau saugen und ein Ferkel hinzulüuft, um dasselbe zu thun, sieht man auf der Abbildung unter der Soll nur zwei Juden, die durch die Ringe auf ihrem Rücken als solche gekennzeichnet sind, und den dritten an dem Ferkel genau dasselbe wieder- Juden hinzustellen (ed. Offenbach 1691 p. 549)/ Erhebt sich nicht über das Niveau unflätiger Schimpfereien'). Tie Schilderung des Fabricius gelangte so sehr zu fast kanonischem Ansehen, daß selbst die- Saubilder anderer Städte mit seinen Worten beschrieben wurden, ähnlich, wie mittelalterliche Chronisten Belagerungen ihrer Tage mit den Ausdrücken des Josephus schildern. Wenigstens wird die steinerne Sau über der Uhr auf dem Rathhause zu Salzburg von dein 1080 im Alter von 75 Jahren : verstorbenen Juristen und Salzburgischen Rath Hermann Hermes in seinen! Fasciculus juris publiei mit den Worten gezeichnet, die Fabricius der von Wittenberg gewidmet, wie auch ihre Pendants und; deren Fundort genau nach ihm aufgezühlt werden. Die Kopie ist : so treu, daß das bei Schudt (Jüdische Merkwürdigkeiten IV., 250)! mitgetheilte Citat aus Hermes nach Fabricius von seinen entstellen- : den Druckfehlern gereinigt werden kann. -); Aber ob auch litterarisch die Sau von Wittenberg -zu so be-! sonderem Ruhme gelangt ist,' so braucht sie darum doch nicht das! Prototyp der auch in anderen Städten unzutreffenden Skulptur zu! sein. Zu den angeführten Beispielen fügt Schudt a. a. O. IV., 2! p. 94 noch das vom Dom zu Regensburg hinzu. Ctte:!) hat in seinen! Handbuch der kirchlichen Knnstarchäologie \\ 494— 95 die Beispiele au* Deutschland wohl annähernd vollständig gesammelt. , Erster den von Fabricius und Schudt genannten Orten, unter denen s nur Salzburg zu streichen ist, da dort das Bild nicht mehr vor-! Händen sein soll, erscheint die Sau noch zu Wimpfen in Thüringen an einen! Chorstrebepfeiler der Kirche, aiffder Anuakapelle zu Helligenstadt, im Münster zu Basel, zu Heilbrunn in der Klosterkirche an einem Konsul im südlichen Seitenschiff, in der Apotheke zu Kehlheim, holen, was der durch.den Judenhut und den Ring am Kleide kennt-? liche Rabbiner an der großen Sau vornimmt, so daß dieser scheuß-! liche Vorgang auf demselben Bilde im Großen und im Kleinen dar-! gestellt ist. Wolf schreibt alle Angaben des Fabricius aus, daß man! nämlich auch an Gasthäusern, von denen man Juden fern halten j wolle, wie zu Berlin und anderswo, ein Schwein mate oder ausj haue, und daß solche Monumente, wie in der Kirche zu Wittenberg,! in der alten anhaltinischen Stadt Zerbst, in Magdeburg und zu! Salzburg, damals zu Bayern gehörig, zu schauen seien.! Dem Bischof von Bolturara im Neapolitanischen, dem zu Asti geborenen Simon Majolus, gefiel des Fabricius Beschreibung und! ihr Gegenstand so ausnehmend, daß er sie seinem mächtigen Folianten, den 1615 zuerst zu Mainz erschienenen Dierum Canicularium iomi I VII. in fast unverkürzter Ausdehnung einverleibte. Bald am Ein-! gange des ersten Colloqiums seines hier enthaltenen giftgeschwollenen Traktates: De perfidia Judaeorum erscheint die erbauliche Geschichte von der Sau zu Wittenberg und ihren Schwestern. Nur Ein Haar fand der fromme Bischof in dieser Erzählung, den Namen Luthers. Diesen läßt er denn auch sorgsam aus '), ohne darum von seinen Worten auch nur Eines zu kiirzen. Was Majolus aus Eigenem hinzuthat, um das Schwein als zutreffendes Bild und Syrnbol der; ') Aus den biographischen Lexicis ist Fabricius, seitdem ihm Jöcher in seinem Gelehrtenlexikon eine Notiz gewidmet, verschwunden. Selbst in der Allgemeinen Deutschen Biographie hat man ihn ungerechter Weise übergangen. -) Nicht Hieronymus, wie Schudt II.. 261 ihn nennt. 9 Bei Wolfius heißt es: Sed quis est primus inuentor liuius picturoe? Non certe Diuus Lutherus, qui haue saxeam scrofani. cum Wittebergam veniret Wittebergoe inuenit, et de liac in suis Polemicis scriptis aduersus Judaeos ita scriptum reliquit. Bei Majolus: Seil quis est prim ns inventor liujus picturoe, non certe heri prim um emersil; naru de illa ante annos plus minus (>0 sic scriptum invenio.; mit der Inschrift: Airno Dom. 1519 jar wurden die iuden zu Regensburg ausgeschafft - und im Tom zu Freising mit der Aufschrift: So wahr die Maus die Kah nit frißt, Wird der Jud kein wahrer Christ. Otto bemerkt, daß das Bild sich sehr weit verbreitet hatte und besonders am ''Ausgange des Mittelalters sehr beliebt war. An der Abbildung der freilich bereits stark geschädigten Skulptur aus dein Tome zu Magdeburg bet Otte Fig. 257 ib. erkennt man übrigens noch, daß sie dieselbe Darstellung wie die von Wittenberg zeigte. Es war aber nicht genug, daß inan das Spottbild an den Kirchen anbrachte, man suchte es sogar heimlich in Synagogen einzuschlnuggeln. Wenigstens erzählte ein christlicher Maler dein Johann Christian Wagenseil') bei einen! Mahle, daß er, als er einst den Auftrag erhalten hatte, eine Synagoge mit den üblichen Wandmalereien auszuschmücken, in die heilige Lade, in der die Gesetzesrollen aufbewahrt werden, einen jüdischen Schem Hamphorasch hineingemalt habe, u. zw. in Oelfarben, auf die er eine dünne Schicht leicht abbröckelnder Wasserfarbe auftrug, mit die Sau, die er bildlich darunter angebracht, rasch zum Vorschein kommen zu lassen. das Gespräch auf das Wittenberger Urbild kam, das eben s' Zuschrift: Rabini Schem Hamphorasch trägt, das aber der sWaU nur konfus zu schildern vermochte, 'da ließ Wagenseil von seinem ^lehrten Gastl) Selbst Grapius, Spicilegium hist. Talmudis L, 22 findet das Gleichuiß von der Sau nicht uneben: non incommoda i. ' <*< nparatio. lieber das Gedicht Johann Fischarts aus dem Jahre lo.o, das von dem Wunder der Geburt zweier Ferkel durch eine Jüdin handelt, s. Jaussen, Geschichte des deutschen Volkes V!, 243 l'. -) So muß es statt nam illis dependenlibus heißen: mammillis dopendoniibus. statt: b-rtius vorn aversa lacie — tertius vorn horum aperla tacie. :;) Seither im 83. Lebensjahre am 12. August 1890 zu Aterseburg verstorben. 9 I>e infundilMili sui occasione. cousilio, et institiito 1093 p. 71.