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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-11 · Heft 48 (11.12.1890) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 48 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 614 (sequence 6)
Language
German
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Leite ist die Annnlh gar oft der Weg zum Verbrechen. Diese beiden lassen erkennen, daß tu beiden Aalten der Seele das innere (Gleichgewicht fehlt, nämlich der feste Anker des Gvktcsvertrvnens, welcher allein den Schwankungen des GemlitheS Halt und Starke verleiht. (Sin Philosoph hat hervorgehoben, das; die jüdische Religion eigentlich keine Religion sei, weil sie einen eigentlichen Religionsglauben nicht besitze. In der Dhat macht die jüdische Religion irgend welchen Glauben nicht zur Voraussetzung. Sie verlangt keinen Klauben; nicht glauben sollen wir an Gott, sondern wissen, das; ein Gott sei. Und die Verbreitung dieses Wissens von Gott, das ist so recht die Ausgabe der häuslichen Erziehung durch die Religion. Denn das Wissen von Gott wird erlangt durch die Kenntnis; seiner Werke, durch die Kenntniß von demjenigen, was wir ihm zuschreiben. Wenn wir in Gefahren uns an Gott wenden, so rnüssen wir auch die Rettung Gott zuschreibcn, und der Hilfe, die er uns geleistet, jederzeit gedenken. Die Religion ist eine Erziehung zur Dankbarkeit; die Nichtdankbaren erkennen für Alles den Zufall. Aber die Erinnerung an den mächtigen Beistand Gottes in der Vergangenheit verleiht uns die Stärkung der sittlichen Kraft für die Gegenwart und macht uns hossnungsfroh für die Zukunft. Eine solche Be-! deutung hat die Feier der religiösen Feste in der Familie. Wenn der Hausvater die „Chauukalichter" anzündet, so soll er erinnern an die Standhaftigkeit, welche die Heldenschaar des Mathatias, des Sohnes Johannes, des Hohenpriesters, des Hasmonäers und seiner! Söhne vor mehr als 2000 Jahren bewiesen, und er soll seinerseits; Mitwirken, das; ihr Andenken bei seinen Nachkonuneu nicht verlösche.! Ileberhaupt herrschen über die Bedeutung der Religionsgebrällehe die größten Mißverständnisse. Man hält sie einfach für Aberglaube. Allein es hat gar nichts mit dem Glauben 31t thun, wenn wir die „Ehanukalichter" anzünden, sondern dies ist nichts weiter, als eine Bekundung unserer Dankbarkeit. Dankbarkeit ist die Ursache fast aller religiösen Feste unb Gebräuche und selbst des Gebetes, und darum eignet sich die Religion so sehr als Erziehungsmittel, weil sie dieses edelste Gefühl erweckt. Ten Eltern aber liegt es ob, j ihren Kindern das Beispiel der Dankbarkeit zu geben, indem | sie ihnen in der Hochhaltung der religiösen Gedenktage voran-! gehen. Es ist ein Jrrthum, zu glauben, daß durch die Erfüllung 1 der religiösen Vorschriften, als Speisegesetze und dergleichen, eine Sicherung für künftige Bevorzugung erreicht werde. Tie Bedeutung aller dieser Vorschriften besteht blos darin, sie als Mittel anzuwenden, mn durch sie an Gott zu erinnern. Demgemäß besteht auch insbesondere die Aufgabe der häuslichen Erziehung im Judenthum darin, über den Jrrthum, welcher durch eifrige Beobachtung von Eeremonien einer falschen Frömmigkeit nachstrebt, aufzuklären unb an die wahre Bedeutung jener Eeromonien zu erinnern. Wenn auf diese Weise der innere Werth der Religion, auch abgesehen von den in ihr enthaltenen oder durch sie offenbarten sittlichen Vorschriften, zu Tage kommt, dann wird die Möglichkeit vorhanden sem zur Erweckung jener religiösen Gesinnung, welche nicht mit der Bildung im Widerspruche steht, sondern durch sie verstärkt wird unb mit ihr vereint die erhabenste und wirksamste Triebfeder der Menscherl bildet. Darum muß als das Ziel der häuslichen Erziehungempfohlen werden rucht so sehr die fanatische Anhaltung zur Beobachtung der Religionsvorschriften mit Unterdrückung jeder Ueberzeugung, als vielmehr die Erweckung der unbedingten Achtung vorder Religion durch die Aufklärung über den wahren Sinn ihrer Gebräuche. Der feste Felsen der Erziehung bildet noch immer die Ehrfurcht der Kinder gegen die Eltern, aber diese Ehrfurcht kann rricht erreicht werden, wenn nicht diese Jenen ein unwandelbares Vorbild unb Beispiel in der Gottesverehrung abgeben. Term dieses ist ebenso wenig durch Religionsunterricht, zu ersetzen, als durch irgend einen anderen Urrterricht oder Hebung. Fordert also die großartige Entwickelung der geistigen Kultur 311 erhöhter Pflege der Gesittung durch Erziehung heraus, so verlangt letztere ihrerseits wieder als das sicherste Mittel zur Veredelung des Herzens und zur Bildung eines festen Eharakters die Entwickelung der religiösen Gesinnung, in welcher die Quelle des wahren Heldenmuthes liegt. O Die Äau von Wittenberg. ilkm Professor Tr. David Kaufmann. I» jciitem I l >22 zu Pari» erschienene», Ludwig XIII. gewidmeten Bucha über alle Gebiete des Zauberwescns Hut der französische Staatsrath Pierre de l'Auere auch die Jude» mit einem besonderen Traktate, dem VIII., bedacht. Die Auffälligkeit, die es für uns hat, die Jude» in dieser Gesellschaft zu sehen, bestand für das nur auf dem Papier der Geschichtsbücher mit dem Jahre 1.492 zu Ende gehende Mittelalter nicht. Es ist eine Frucht der vergleichenden Litteraturgeschichte oder eigentlich der Erforschung des folk-lore. wenn wir allgemach immer schärfer erkenne», wie Zauberer »nd Jude für die Phantasie vergangener Jahrhunderte znsammenfallen »nd manche unerklärliche Züge, die diesem angedichtet werden, einfach nur von jenem hergcnonnncn und entlehnt sind. Po» diesem Gesichtspunkte aus gewinnt die jndenscindliche Litteratur überwundener Zeiten sogar eine aktuelle Bedeutung. Ans den Anklagen und Lügen, die wie eine ewige Krankheit sich forterben imb von Geschlecht zu Geschlecht wiedergckünt ivcrdcn, setzt sich ein großartiges Pertheidignngsniatcrial zusammen, ein sieghafter Wahrheitsbeweis, durch den auch dem blödesten Auge klar werden muß, wie der Begriff Jude, der in den Köpfen spukt »nd die Herzen verhärtet, ein Gespenst ist, angenlos und ohne Blut, vom Haß gezeugt nub von der Lüge geboren, von Papier genährt, grvßgesängt mit dem Saft des Gallapfels und später mit Druckerschwärze. Die Wissenschaft wird diesem Rnthenbündel von Lügen nicht anders beikonimcn, als dadurch, daß jede einzeln geknickt und vernichtet wird. Die Weltgeschichte wird dann erst wahrhaft zum Weltgericht. wenn sie dem Ursprung der Borurtheile nachgeht und mit der Fankel der Kritik in die Eulennester der Vergangenheit hineinlcuchtet. Es ist eine dornenvolle Arbeit, die hier zu thun ist, aber sie muß geleistet werden, wenn der Geist der Wahrheit und der Gerechtigkeit siegen soll über die Kobolde der Lüge und der Ver folgungssncht. Uw an einer Probe gleichsam das Wachsthnin und die Per breitnugSart der über Juden lind Jndenthum in Umlauf gesetzten Behauptungen »nd Fabeln aufzuzcigen, will ich hier die Geschichb von der San zu Wittenberg, dein fast klassisch gewordenen Spott symbol der Synagoge, beleuchten, die Pierre de l'Ancre mit breiten: Behagen seinen Lesern in dein Kapitel ausgetischt hat, wo er von den Blasphemieen der Juden gegen die Kirche zu rede» hatte. All diese Lügenbrnt hat das gemeinsame Kennzeichen, daß sie durch bi Ohre» empfangen ist. Der Franzose verbreitet in Frankreich nicht, was er in Deutschland gesehen und erfahren, sondern was er ans der Litteratur entnommen hat; hier herrscht das Plagium, die gr dankenlose Nachschreibcrci. Mit Haut und Haaren wird Alles fori gepflanzt, was jemals wider Inden ansgeheckt wurde; wie der ewnn Jude wird jede Lüge, die wider sie ersonnen wurde, unvergänglich und allgegenwärtig. . Sie haben vom Spott »och de» Schaden; ihre Verhöhnung s wird als Ab- und Avthwehr gedeutet, sie werden für den Nnglimpi

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