Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- Seite 613 (sequence 5)
- Language
- German
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613 muthigen That einer gründlichen, aber maßvollen Revision des überlieferten Ceremonialgesetzes. Jener Weg, ans dem wir uns gegenwärtig befinden, der einer ohne jede religionsgesetzliche Sanktion sich vollziehenden Loslösung und Absorption, ist, wie wir nuszuführen versucht haben, ein gefährlicher und besonders die religiöse Erziehung des Heranwachsenden Geschlechts schädigender. Das Jndenthum ist und bleibt, was es feinem Ursprünge und Wesen nach gewesen, eine Gesetzesreligion. Daher kann die religiöse Erziehung beim Israeliten sich nicht auf die Einprügrnig von Glaubenssätzen, alich nicht ans bloße geschichtliche Belehrung beschränken, sondern mit dieser mutz auch ein gewisses Maß von Religionsübung Hand in Hand gehen, um das Empfundene und das durch Gemüthsüberzeugung für gut gehaltene durch die ans Grund gesetzlicher Berpflichtung geübte That zur lebendigen Wahrheit werden zu lassen. Diese religiöse Erziehung kann auch die Symbole nicht ganz missen; denn das Symbol ist für die kindliche Auffassung des Sittlichen ebenso unentbehrlich, wie das Märchen. In beiden birgt sich eine ethische Wahrheit in einer der Kindheit menschlichen Fuhlens, Begreifens und Wollens faßlichen und verständlichen Form. Diese Symbole müssen aber vor Allem wahr sein, d. h. einheitliche in Lehre und' Leben. .Diese Einheit aber ist es gerade, an welcher es bei der gegenwärtigen Lage der Tinge fehlt. Es dürfte daher einer ernstlichen Erwägung zu unterziehen sein, ob es nicht als ein dringendes Gebot der Zeit zu betrachte» ist, auf Grund einer planmäßig und besonnen zu unternehmenden Sichtung der ceremonial-gesetzlichen Berordnungen, das Wesentliche von dem Unwesentlichen, das Berechtigte von dem Ucbeclebtcn zu scheiden. Es ist vernünftiger und zugleich praktischer, weniger zu fordern, mit von dem Geforderten möglichst viel zu erreichen, als viel zu fordern und sich dadurch der Gefahr auszusetzen, das Leben und Handeln der Menschen immer mehr im schroffen Gegensätze zu diesen Forderungen sich gestalten zu sehen. Die Religion ist eines der tvichtigsten ErziehnitgSmittel des Menschen. Daher muß von ihr, wie von aller und jeder Pädagogik, der Satz gelten, daß der größte Mißgriff darin besteht, Gesetze und Verordnungen zu erlassen oder bestehen zu lassen, deren Befolgung man nicht erwarten darf. Obige Gedanken, die uns im Innern schon oft beschäftigt haben, sind durch die Schrift Egidy's wieder angeregt worden. Das offene Bekenntniß eines mit der Sache seiner Religion es ernst nehmenden Mannes und sein Mahnruf zur Abstellung ticsgetvnrzelter klcbelstünde legt auch den den Wahrheiten ihrer Religion treu ergebenen Israeliten den Gedanken nahe, den Ursachen der im Jndenthmn der Gcgemvart wahrnehntbarcn ungesunden Erscheinungen nachznforschen und auf ein Mittel zur Abhilfe zu sinnen. Wir Israeliten dürfen um so mehr hoffe», daß der dttrch die Zettverhältniffe dringend gebotenen Bentilirnng der Frage, wie das religiöse Bewußtsein zu klären und eine größere Uebereiustinnnnng zwischen Lehre und Leben herbeizuführen sei, eine rege allgemeinere Theilnahme sich zuwenden werde, als wir in der günstigen Lage sind, daß selbst die sehr verschiedenen Richtungen innerhalb unserer Religions- und Stanimesgeuieinschaft nicht durch Widerstreit der Grundwahrheiten, sondern meist nur durch eine Reihe äußerer religiöser Lebensformen von einander geschieden sind. Arbeiten wir daher, wie wir eins sind in dem Festhalten an unseren religiöscit Grundwahrheiten, auch mit vereinter Kraft an der Klärung und Läuterung unserer religiösen Institutionen. U Häusliche Erziehung. Bon I. Weis. II. (yineit eigenthüinlichen (Gegensatz hat die moderne Bildung geschaffen, nämlich juni religiösen üeben oder zur Religion an sich. Bildung und Religion scheinen überhaupt unvereinbar. Es gilt als ein Hinabsteigen von der Bildung, wenn man trotz ihrer sich mit religiösen Dingen beschäftigt, und es giebt viele, welche überhaupt die Religion, d. h. die religiöse Belehrung als etwas Veraltetes, als Aberglauben ansehen. Es giebt viele, sonst vielleicht möglich vortreffliche Menschen, welche es nicht begreifen können, wie Jemand heutzntage im Zeitalter der Dampfmaschinen, des Telegraphen, des Telephon und der übrigen technischen Meisterwerke noch an so etwas glauben könne. Aber selbst diejenigen, welche nicht so weit gehen, meinen, daß es unsere Zeit nicht entspreche, an veralteten Gebräuchen festzuhaltcn, und dasi es nicht angehe, den Kindern, welche ohnehin mit der Erlernung der von der Schule geforderter! Gegenstände geplagt seien, auch noch diese Last auszulegen. Ter Gegensatz erstreckt sich noch viel weiter, aber eben deshalb wollen!vir uns auf das Gesagte beschränken, weil es uns zu weit führen würde, alle Misiverstündnisie, welche insbesondere seit der erwachenden Aufklärung im vorigen Jahrhundert über religiöse Dinge herrschen und geherrscht haben, aufzuzählm, geschweige denn zu widerlegen. Noch eine andere Bemerkung drängt sich uns ans. giebt viele unter uns Inden, welche ganz vortreffliche Männer sind, welche jedoch die Vorstellung haben, dasi die Erfüllung der religiösen Gebräuche geeignet sei, die Juden lvegen ihrer Absonderung dein Hasse der übrigen Konfessionen anszusetzen. Für uns steht die Frage so: welcher Einfluß ist der Religion auf die häusliche Erziehung zu gestattend In dieser Beziehung genügt es, auf die Geschichte hinzuweisen, welche zeigt, dasi die edelsten Männer aller Zeiten au ihrer Religion unerschütterlich festgehalten haben, welche aber auch zeigt, dasi die Völker in ihrer schwersten Bedrängnisi bei der Religion Zuflucht gesucht haben. Insbesondere aber die aus religiöser Begeisterung entspringenden Thaten jüdischer Helden, welche die Geschichte überliefert, bilden noch jetzt einen Gegenstand der Anfeuerung, welcher Tausende zum muthigen Kampfe in der Schlacht und zur heldenhaften Vertheidigung des Vaterlandes aneifert. Nun ist es klar, dasi die bloße Ueberlieferung religiöser Lehren, wie sie etwa in der Schule geübt wird, nimmermehr hinreichend ist, eine solche Begeisterung zu erwecken, welche die Bereitwilligkeit Hervorrust, Blut und Leben für die höchsten Güter zu opfern. Ties kann nnrgeschehen durch die Durchdringung des Geistes durch das religiöse Leben in den Familien. Tie Bibel erklärt, wie ein Jeder weiß, das Familienleben als den obersten Zweck alles Menschenlebens, als die Voraussetzung wahrer Humanität. Tie Gesinnung, welche daraus hervorgeht, ist die Pietät. Die Pietät ist ein mächtiger Faktor im Kulturleben aller Nationen; sie lehrt uns das Alte nicht wegwerfen, auch wenn es uns eben nicht das Bessere scheint, blos mit Rücksicht auf unsere Vorfahren. In gleicher Weise lehrt sie uns auch, die religiöse Ueberzeugung, den Zusammenhang mit der früheren Menschheit nicht muthwillig hinter uns abzubrechen, sondern an ihr, welche die Kette für die Kultnrentwickelung der Menschheit bildet, festzuhalten. In der That ist durch kein anderes Mittel bei irgend einer Nation jene sittliche Kraft hervorgerufen, als durch die Religion. Tie sozialen Gestaltungen unserer Zeit rufen Erscheinungen hervor, welche in ihren Gegensätzen grell dastehen und doch auf dieselbe Wahrheit Hinweisen. Die höchsten Lebensgüter auf der einen Seite können nicht hindern, den plötzlichen Sturz in den Abgrund, und auf der anderen