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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-11 · Heft 48 (11.12.1890) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 48 (11.12.1890)
Date
1890-12-11
Page
Seite 611 (sequence 3)
Language
German
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611 fältigung mtb iU^tmntiuni bei* populären, ohne jedes Rüstwerk gelehrter Arbeit in die Welt geschickten Schrift bekundet mit deutlichsten, daß wir es hier nicht mit der Wirkung einer langsam von Kopf zu Kopf steigenden und das Urtheil der wissenschaftlichen Kritik ängstlich abwartenden Gelehrtenarbeit zu thun haben, sondern mit einer unj mittelbar das Bewußtsein weiterer Kreise stark erfassenden Kundj gebung, die, wie ihr Inhalt warm empfunden und ohne Scheu zum! Ausdruck gebracht ist, ebenso lauten Widerhall finden muß in allen gleichgestimmten Gemüthern, denen es um die Erhaltung und Neubelebung des in weiten Kreisen zu erstarren und abzusterben drohenden religiösen Fuhlens und Lebens Ernst ist. Das Grundmotiv dieser kleinen Schrift und der wie ein rother Faden sie durchziehende Hauptgedanke ist der richtigen Beobachtung und der ernsten Erwägung entsprungen, daß das religiöse Fühlen und Denken in der Gegenwart tief geschädigt wird durch die an dasselbe gestellte Zumuthung, sich Glaubenssätzen und Glaubensformeln rückhaltlos hinzugeben, die, ein Produkt geschichtlicher Entwickelung, den Inhalt religiöser Ueberzeugung vergangener Zeiten und Geschlechter darstellen, der Gegenwart aber und ihrer auf modernen Grundlagen ruhenden Weltanschauung längst entfremdet sind. Das Bewußtsein, diesen Zumuthungen und Boraussetzungen der Kirche nicht entsprechen zu können, das Gefühl von vielen Tausenden von Menschen, sich mit den überlieferten Dogmen und Lehren der Kirche in einem krassen Widerspruch und unüberbrückbaren Zwiespalt zu befinden, ist, nach Egidy's richtiger Meinung, als die Hauptursache des in der evangelischen Christenheit der Gegenwart immer starker um sich greifenden Jndifferentismus, der immer größer werdenden Erkaltung des religiösen Interesses anznsehen. Egidv, nach der Wärme und Begeisterung zu urtheilen, mit der dieser Schmerzensschrei seinem Herzen entfuhr, ein tief religiös angelegter, von der bleibenden Wahrheit der nrchristlichen Lehren überzeugter Mann, beklagt diese Erscheinung um so tiefer, als er befürchtet, daß durch ein fortgesetztes Beharren der Kirche bei den überlieferten Dogmen und Glaubenssätzen das Volksbewußtsein zugleich mit dem als unhaltbar erkannten dogmatischen Theile der Neligion auch deren Kern, den ethischen Inhalt derselben, und den mit ihm eng zusammenhängenden wahren Gottesglauben verlieren könnte. Daher sein ernster Mahnruf zur 'Scheidung des werthlos und unfruchtbar Gewordenen von dem Bleibenden und ewigen Werth Behaltenden, daher seine unerschrockene unb opfermüthige Aufforderung zur Klärung und Läuterung des religiösen Bewußtseins. Auf die denkenden und aufgeklärten Bekenner nud Anhänger des Iudenthums mußte diese Kundgebung von christlicher Seite, zumal sie von einer für die religiöse Idee und den monotheistischen Gedanken so warm begeisterten Individualität ausgegangen ist. einen durchaus sympathischen Eindruck machen. Nicht als ob dieselben für die Frage einer etwaigen Neugestaltung der kirchlichen Lehren des Ehristenthums nach irgend einer Richtung hin Partei zu ergreifen geneigt wären. Dazu ist kein außerhalb der christlich religiösen Gemeinschaft Stehender berufen oder auch nur berechtigt. Was das Gemüth jedes aufgeklärten und den bleibenden Wahrheiten des Judenthums treu anhängenden Israeliten an dieser Kundgebung angenehm berühren mußte, ist der durch sie mitten aus dem Botte ergangene Hinweis daraus, daß der Kern und das Wesen der Religion in den von derselben verkündeten, von einem geläuterten Gottesglauben getragenen und auf ihn sich stützenden ethischen Lehren liege, daß alles Andere aber, was im Laufe der geschichtlichen Entwickelung sich an diesen sittlichen Kern angesetzt, sich um ihn geschlungen hat, nur Beiwerk und Schale sei, durch deren Sprengung und Zerstörung, das an der Religion Wesenhafte gänzlich unberührt bleibe. Diese Ansicht deckt sich vollkommen mit dem vor Jahrtausenden von dem großen Lehrer Israels, Rabbi Hillel, verkündeten Satze, in welchem er einen Heiden auf dessen Verlangen, ihm die (Grundwahrheit des Iudenthums in dem kurzen Zeiträume zu verkünden , während dessen er auf einem Fuße würde stehen können, zur Antwort gab: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, dies ist die ganze Lehre: alles Uebrige ist nur äußerliches Beiwerk." Stellt sich nun das auf das Urchristenthnm zurückgreifende religiöse Bewußtsein auf diesen dogmenlosen, rein ethischen Standpunkt und bekundet es damit, daß der scharfe Gegensatz zwischen dem Iudenthum und der aus ihm hervorgegangenen Tochterreligion ein durch die späteren Kirchenlehren und ihre Dogmatik entwickelter sei, daß aber ursprünglich und im Sinne des Religionsstifters das Christenthum seinem mütterlichen Boden, aus dem die Wurzeln seiner sittlichen Lehren zu suchen und zu finden sind, nahe geblieben sei, so kann diese Erklärung das Bewußtsein des Israeliten nur mit Genugthuung und Befriedigung erfüllen. Das Judenthum verlangt nicht nach einer Verschärfung, sondern nach einer Milderung der Gegensätze, es fordert nur die Anerkennung, daß der wesentliche ethische Inhalt der die zivilisirte Menschheit beherrschenden Religionen aus dem Urquell seiner Lehre geflossen sei, daß somit die Ethik der biblischen und prophetischen Bücher für die Gestaltung der religiössittlichen Begriffe der Menschheit eine maßgebende Bedeutung nicht nur gehabt habe, sondern auch behalte. Wenn aber das Iudenthum diesen energischen Hinweis Egidy's auf den ethischen Kern der Religion mit Befriedigung aufnimmt, so erwächst für dasselbe auch die Pflicht, an seinem eigenen Organismus Umschau zu halten, um zu prüfen, ob nicht auch an diesem Auswüchse zu bemerken sind, die seiner Gesundung und Nenbelebung hindernd entgegenstehen, ob nicht auch innerhalb der israelitischen (Gemeinschaft das religiöse Denken, Fühlen und Leben an einem Widerspruche krankt, der sich zwischen dem religiösen Bewußtsein eines großen Theiles des Volkes und einem Theile des geschichtlich überlieferten Religionsinhalts herausgebildet hat und immer schärfer weiter entwickelt. Zwar ist das Iudenthum, Dank dem kräftigen Geiste des Mosaismus und der Propheten, Dank dem markigen Inhalt seiner auf diesem festen Grunde entwickelten talmndischen Sittenlehre, trotz aller mittelalterlichen Versuche, einen dogmatischen Glaubensinhalt als obligaten Bestandtheil in dasselbe einzufügen, von allen Glaubens- und Dogmenstreitigkeiten frei geblieben, so daß ungeachtet der großen Verschiedenheit der religiösen Auffassungen, die unter seinen Bekeunern herrschen, niemals eine Spaltung zu befürchten war und noch weniger in der Gegenwart zu befürchten ist, die durch eine Divergenz der Glaubensmeinungen hervorgerufen werden könnte. Ter in Wahrheit verpflichtende Theil der israelitischen Glaubenslehre ist ein so einfacher und maßvoller, der Spielraum, der bei demselben dem individuellen Denken und der wissenschaftlichen Forschung eingeräumt wird, ein so großer und freier, daß Alle, die sich ein offenes Auge für die Lehren des Judenthums und deren geschichtliche Entwickelung bewahrt haben, zugeben müssen, daß die Gefahr einer dogmatischen Spaltung innerhalb des Judenthums ausgeschlossen sei. In diesem Sinne sind denn die meisten Gutachten ausgefallen, die wiederholt bei Gelegenheit der vom Staate unternommenen gesetzlichen Regelung der Verhältnisse der jüdischen Religionsgemeinschaften von maßgebenden jüdischen Gelehrten und Rabbinen abgegeben worden sind. Tie Frage, ob es innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nach ihrem Glaubensbekenntnis; gesonderte und durch die Verschiedenheit dogmatischen Lehren gespaltene Konfessionen giebt, mußte in voller Uebereinstimmung mit dem Zeugnis'. der Geschichte verneint werden.

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