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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-04 · Heft 47 (4.12.1890) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 47 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 interpeüirt, wie er sich zum Antisemitismus stelle. Hierauf antwortete von Helldorf wörtlich: .Ich muß es geradezu für „komisch" halten, mich für einen Antisemiten ausznschreien. Man braucht nur einen Blick in die „Kreuz-Zeitung" und das von Leus herausgegebene Blatt „Das Volt" zu werfen, um zu erkennen, daß ich von den Antisemiteil gehaßt werde, als wäre ich der Leibhaftige Gottseibeiuns. Bemerken muß ich noch, daß die Juden nichts „Dümmeres" tlnut können, als sich mit dem Freisinn zu verbinden. Sie wären entschieden weiter in ihren Bestrebungen, die ihnen von der Verfassung garantirten -liechte zu erlangen, wenn sie zil den staatserhaltenden Parteien sich halten wurden." - Hierbei fiel mir ein, daß der Versuch, die Juden von dem Freisinn zn trennen, vor einigen Jahren von einem nuferer geachtetsten Glaubensgenossen bereits gemacht worden, aber von geringem Erfolg begleitet gewesen ist; wahrscheinlich, weil die Hetzereien des jetzt kalt gestellten Hofpredigers diesem Bestreben entgegenwirkten. Vielleicht würde ein wiederholter Versuch jetzt mehr fruchten. Cb die Inden in unserem Wahlkreise, die auch in öffentlichen Blättern ermahnt werden, sich als „Deutsche" zu fühlen, d. h. in diesem Falle, konservativ zn wühlen. da sie „in friedlicher und geachteter Stellung unter den Bewohnern des hiesigen S\ reifes leben", sich durch diese Antwort werben bewegen lassen, für von Helldvrf einzntreten und ihm das Mandat zn retten, bleibt abzuwarten. Auch der hiesige evangelische Pfarrer ermahnte in einer Ansprache, der deutschen Sache treu zn bleiben, da hier von allen Seiten Toleranz geübt werde und kein Antisemit zu fiudeu sei. Bemerkt sei noch, daß der andere Kandidat Königl. Preuß. Landgerichtsrath, ein geborener Westfale und Staatstntholit ist. * Lissa, 3l>. November. Der Vereiu jü discher Lehrer in der Provinz Posen und Umgegend ist kaum ins Leben getreten unb schon hat er Anfechtnngen zu erleiden. Csu Nr. 264 der „Preußischen Lehrerzeitung" stand eine, offenbar burd) den Redaktionsstist arg gekürzte Nachricht aus Posen unter der Ueberschrift: „Vergebliche Versuche zur Sprengung von Vereinen", in welcher davon die Rede war, daß in Wollstein ein evangelischer Geistlicher unternommen hatte, in dem dortigen interkonfessionellen Lehrerverein eine Spaltung hervorzurufen, daß dieser Versuch aber gleich denen von katholischer und jüdischer Seite vergeblich gewesen sei. Aus den wenigen Zeilen, die einen streng lokalen Charakter 511 kragen schienen, war nicht viel zu erseheil. Anders gestaltete sich die Sache, als schon in Nr. 273 desselben Blattes eine Ergänzung zu beu in Nr. 264 gebrachten Zeilen zu lesen war, daß Berichterstatter genleint habe, es seien Versuche gemacht worden, zur Sprellgnilg des delltscheil Lehrervereins in Bochum und in Posen. (ergänzen wir ]\\ diesen beiden Namen die in Dir. 264 angewenbeteu XHbjeetilm: „katholisch" unb „jüdisch", so haben wir ja klar den Verwnrs: Der in Posen gegründete jüdische Lehrerverein geht mit dem Bochmner Verein (welcher befauutlid) von Windthorst und anderil Eentrumsmäunern ills Leben gerufen worden ist, um die katholische deutsche Lehrerwelt abzusollderil lind somit die Einheit der deutschen Lehrer zu sprengen) Haild in Hand nnb verfolgt mit ihm gleiche Ziele. Da hier Schweigen gleichbedeuteild mit Zugeben gewesen wäre, so fiel mir die nicht ganz angenehme nnabweisliche Aufgabe zn, in die Oeffentlichteil zn treten, und der „Preußischen Lehrerzeiiuog" nachstehende Erwiderung zn senden, welche sie auch in ihrer Nr. 278 wörtlich abgedruckt hat. — (Erwiderung.) Der Verfasser des Berichts: „Vergebliche Versuche zur Sprengung voll Vereillen" in Nr. 264 und der Berichtigung in Dir. 273 dieser gesch. Zeitung ist im Jrrthum, wenn er lagt, der ill Posen am 2. Oktober d. I. neu entstandene Verein jüdischer Lehrer in Posen re. — denn diesen meint er doch wohl nur — beabsichtige, ben deutschen Lehrerverein zn sprengen. Möge der geehrte Verfasser nur den bezüglichen Bericht in Dir. 260 der gesch. „Preußischen" lesen, so lvird er finden, daß von einem Ansgeben der Ortsvereine (und folgerichtig auch des deutschen Lehrervereinskeine Rede ist, daß vielmehr die weitere Zugehörigkeit ausdrücklich betont wird, um solchen fälschlichen Auffassungen, wie hier eine vorliegt, zn begegnen. — Der Herr Verfasser enveist aber auch dem jungen Verein viel zu viel Ehre, wenn er dessen kleines Häuflein der mit so großartigen Mitteln in Szene gesetzten Bewegung der Bvchumer ebenbürtig zur Seite stellt. Dort also Unterschätzung, hier Ueberschätzung! — Gern wollen wir annehmen, daß nur das zufällig gleichzeitige Tagen der „Bochumer" und der „Posener" unserm Verein die unerwartete Ehre der Waffenbrüderschaft mit dem ersteren und damit uns eine so ungewöhnliche Beachtung eingetragen hat. Es wäre uns sonst unverständlich, weshalb seit Jahrzehnten schon jüdische Lehrervereine mit idealen sowohl, als auch materiellen Zielen nicht nur in den vier westlichen Provinzen unseres Vaterlandes, sondern auch in unserer Nachbarprovinz Schlesien bestehen, ohne daß bis jetzt unseres Wissens selbst in dem ängstlichsten Gemülh die Sorge um den Fortbestand des deutschen Lehrervereins erwacht wäre. Seien Sie unbesorgt, Herr Kollege, wir bleiben treue Mitglieder unseres großen lebensfrischen und thatkrüstigen deutschen Lehrervereins und rufen diesem aus vollem Herzen zu: Vivat, < i-oseat, tloreai! Der Vorsitzende des Vereins jüdischer Lehrer in Posen re. Herbst. * Tarrberbischofsheim, int November. Es ist leider eine bekannte Thatsache, daß vielen jüdischen Taubstummen die Wohl that eines genügenden Schulunterrichts versagt ist, weil die Eltern dieser bedauernswerthen Kinder sich scheuen, sie einer christlichen Anstalt zur Erziehung zu übergeben. Diese Scheu ist nicht unbegründet. Die jüdischen Schüler christlicher Anstalten sind oft den muthwilligen Neckereien und dem Spotte ihrer Mitschüler ausgesetzt. Besucher von Taubstummen-Anstalten machen daher nicht selten die Wahrnehmung, daß die jüdischen Zöglinge weniger zutraulich sich zeigen, daß sie vielmehr ängstlich und zurückhaltend, wenn nicht gar trotzig und verbittert erscheinen. Wohlwollende Lehrer kämpfen vergeblich gegen diesen Mißstand, von den gleichgiltigen und übelwollenden Herren ganz zn schweigen. Hierzu kommt weiter der Umstand, daß selbst die loyalsten Leiter von Taubstummen - Anstalten in Bezug auf Kost und Lehrplan auf ihre jüdischen Zöglinge keine Rücksicht nehmen können. Treten solche in Anstalten erzogenen Kinder in das bürgerliche Leben ein, dann ist bei ihnen alles jüdische Denken und Fühlen verloren gegangen, sie selbst sind dem Judenthum und ihren eigenen Eltern, die schwere Opfer für ihre Erziehung gebracht entfremdet. Diese Thatsachen haben dem hiesigen Lehrer D riesen, der seit Jahren in einer staaE lichen Taubstummen - Anstalt unterrichtet und auf dem gesammten Ge biete der Taubstummen-Erziehung erprobte Erfahrungen sich erworben, den Gedanken nahe gelegt, ein Privakinstitnt für jüdische Taubstumme am hiesigen Platze zu errichten. Jüdische wie christliche Behörden haben durch Aufmunterung und Zusage von Förderung zur Verwirklichung dieser Idee beigetragen. Das Institut soll am 1. April k. I. eröffne! und unter Staatsaufsicht gestellt werden. * St. Iol-ann, 22. November. Die Feierlichkeit anläßlich bei Einweihung der neuen Synagoge dahier vollzog sich gestern Nachmittag programmgemäß. Gegen 2',^ Uhr versammelten sich die israelitischen Gemeindemitglieder und ihre Gäste vor dem Portale des im 'Festschmuck prangenden Baues, mit ihnen die eingeladenen Fest gäste, darunter Herr Landrath zur Nedden, die Bürgermeister und Beigeordneten unserer Städte, Mitglieder der Stadtverordneten-Kollegien von St. Johann und Saarbrücken, desgleichen von Malstatt-Burbach die Geistlichkeit der anderen Konfessionen, Vertreter der Militärbehörde, Schulvorstände u. A. in. Vor Eintritt in das Gotteshaus hielt der Vorsitzende des Synagogen-Vorstandes. Herr Bangui er M. Lazard, eine kurze Ansprache, worin er zunächst die Behörden und Festtheil nehmer begrüßte und ihnen für ihr zahlreiches, Interesse an der Feier i bekundendes Erscheinen dankte, weiterhin des Beginnes des Baue^! gedachte und den Architekten, die denselben geleitet, sowie Allen, dir; ihn gefördert unb au ihm mitgehvlfen, seinen Dank aussprach. Zum E Schluß bat er Herrn Architekten Mertz, die Schlüssel zur Eingangsthür , dem Herrn Rabbiner zu übergeben, welchem Wunsche jener mit einiger! Worten der Anerkennung für alle Diejenigen entsprach, welche ihn bei j dem Bau unterstützt. Herr Rabbiner Dr. Frank aus Köln öffnekr j sodann die Thür in das Innere des im Kerzenglanz erstrahlenden j Gotteshauses, das in kurzer Zeit bis aus den letzten Platz gefüllt war.! Den nun folgenden Festgottesdienst leitete ein Präludium auf dem; einstweilen die Stelle der Orgel vertretenden Harmonium ein. Unter : dessen holten der Rabbiner und die beiden Vorbeter die 4 Thoraträger : in dem Vorzimmer ab und stellten sich mit denselben im Halbkreis vor : der heiligen Lade aus. Rach dem Begrüßungsgesang des Synagogen - Ehors und des Vorbeters, Herrn Ober kantor Feibelmann au- Kaiserslautern, eines geschulten, künstlerisch ausgebildeten Sängers, wie wir erfahren, hat derselbe vor einigen Jahren im Ems vor den- , hochseligen Kaiser Wilhelm 1. gesungen — der mit seiner wohlklingenden i kräftigen Stimme und mit schön nüauzirtem Vortrag die betreffenden! Gebete in hebräischer Sprache sang, folgte der Umzug der Thoratrüger unter Gesängen der beiden Ebengenannten und schließlich das Einsetzen der Thorarollen in das Allerheiligste. Ein Dankpsalm des Rabbinern beendete diesen Theil der gottesdienstlichen Handlung. Den nächsten

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