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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-04 · Heft 47 (4.12.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 47 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 leitete deutscher Gesang ein: ein Terzett und ein Chor mit Loli, beide ' Kompositionen aus der „Schöpfung" von Haydn, einstudirt und geleitet von Herrn Musik-Direktor Pluge, dem Dirigenten des Synagogenchores. Die Festpredigk des Rabbiners war gleich gehaltvoll, wie schön geformt, sie ermahnte nach einer an Beherzigenswerthem reichen Cinleitung die Gemeinde, stets eingedenk zu sein der 4 schönen Gebote: Liebe Deinen Gott, liebe Deinen Nächsten, liebe den Fremden uub liebe Wahrheit und Frieden! Daran knüpfte Redner eine Reihe von Betrachtungen, welche nicht nur die Glaubensgenossen, sondern alle Konfessionen berührten, jedoch immer wieder in Beziehung gebracht wurden zu der eigentlichen Feier, der Weihe des Gotteshauses, von dem alle Liebe, alle Wahrheit, alles Licht, aller Frieden ausstrahlen solle. Deutscher Gesang des Synagogenchores folgte, worauf der Rabbiner das Gebet für König und Vaterland und alsdann das eigentliche Weihegebet sprach. Unter den Klängen des Harmoniums und des Chores verließen die Festtheilnehmer das Gotteshaus, das stets für unsere israelitischen Mitbürger eine Stätte der Erbauung sein möge. Eine Fortsetzung der Festlichkeiten bildete eine zahlreich besuchte Reunion in den schön dekorirten oberen Räumen des „Tivoli". Ein Konzert der Siebzigerkapelle wechselte mit Reden und Toasten ab. Gr. Essen, 29. November. Zeichen der 3 eit? In Berlin ist der Hofprediger ans sein Ansuchen ohne Weiteres von Allerhöchster Seite entlassen worden. Aber „großes Beispiel weckt Nacheiferung". Denn in unserm Nachbarort Witten, in lvelchem gestern die Wahl von drei Stadträthen stattfand, wurden von btefeit Ansscheidenden zwei einstimmig wiedergewühlt, der dritte jedoch, der de .... Antisemitenhauplmanu Dr. König, welcher 5 Jahre Stadtverordneter und t» Jahre Stadtrath war, erhielt nicht mehr die Majorität. Für i()ii wurde Fabrikdirektor Seelhof gewählt. $>it undankbares Witten! Oesterreich - Ungarn. >v. Wien, 30. November. Die Ergänzungswahleu in den Vorstand ( wurden gestern vollzogen und wie ich es vorhergesagt (vergl. Vir. 42, dieser Zeitung) wurden die Herren Max Fleischer, Architekt, Dr. Joses Grr'mfeld, Dozent an der Universität, Dr. Gustav Kohn, Hofuub Gerichtsadvokat, und die Geweinderäthe Gustav Simon uub Dr. Alfred Stern wiedergewählt und an Stelle der Herren Arminio Cohn und Philipp Thorsch, welche ans eine Wiederwahl verzichtet hatten, wurden die Herren Moriz Leinkauf, K. K. Komerzialrath, und Dr. Adam Politzer, Professor der Ohrenheilkunde an der Universität, gewühlt. Die Wahl vollzog sich dieses Mal in aller Ruhe und selbst in der Wahlversammlung ging es, abgesehen von zwei kleinen Zwischenfällen, ganz ruhig zu. Es hat eben kein Wahlkampf stattgefunden. Die Wieder-; gewählten sind tüchtige wackere Männer, die sich bereits erprobt haben.! Bei der Wahlversammlung wurde ihnen sogar per Akklamation die! übliche Kandidatenrede erlassen, und den Neugewählten geht ein vortrefflicher Ruf voraus. Herr Leinkauf ist ein praktischer Manu, der sich des besten Ansehens erfreut, und Professor Politzer ist einer der beschäftigtsten Konsiliarärzte bei Ohrenkrankheiten, der zusannnen mit Tröltsch die Zeitschrift für Ohrenheilkunde herausgiebt. Gestatten Sie mir nun einige Bemerkungen zu den Wiener Briefen in Nr. 44 dieser Zeitung. Eingangs wird hervorgehoben, daß die Präsidenten Kuranda und Borkenau die Schutzwälle bildeten, welche Unberufenen nicht gestatteten, vorzudringen. Nachdem diese Herren abgetreten waren, wurde der Vorstand zum offenen Gehöfte. Hier wird indirekt gegen den Nachfolger der genannten Herren, nämlich gegen den jetzigen Präses der Gemeinde. Herrn Kaiserlichen Rath Arminio Cohn, der aber auf sein Ehrenamt resignirt, die Anklage erhoben, daß er die Schutzwälle nicht bewacht und sie zusammensinken ließ. Wir haben es nicht nöthig, Herrn Arminio Cohn zu vertheidigeu. Wie kommt es jedoch, daß daun der Verfasser der „Briefe" den Rücktritt des Herrn Cohn bedauert. Wenn ein General ohne Armee von seinem Posten zurücktritt, so ist das, sollte ich glauben, nicht zu beklagen. Was Herrn Thorsch betrifft, so ist derselbe schon vor Monaten zurückgetreten, und zwar nicht etwa, weil er „angewidert von dem Treiben des Vereins war", sondern in Folge einer Predigt des Herrn Dr. Jellinek. Ich verrathe hier kein Geheimniß, da alle Welt, die sich für diese Dinge interessirt, davon weiß. Daß weitere Vorstandsmitglieder eine Wiederwahl abgelehnt haben, ist nach den obigen Mittheilungen vollständig aus der Lust gegriffen und wurde durch die Thatsachen widerlegt. Der Verfasser der „Briefe" klagt auch über die Macht des „Geldsackes", Nun hat mir vor einigen Wochen ein vielfacher Millionär allen Ernstes bitterlich über die Leiden eines Millionärs geklagt. Ich jedoch war grausam genug, chm zu erklären, daß ich nicht das geringste Mitleid mit den Herrn Millionären habe. Der Herr Verfasser wird ja doch zugeben, daß ein Millionär noch eher in den Vorstand paßt, als Jemand, der nicht unabhängig ist, geschweige denn von einer knkilinarischen Existenz. Von Herrn Prediger Mauheimer, der von der Sache and) etwas verstanden hat, hörte ich übrigens wiederholt die Ansicht anssprechen, daß in den Vorstand der Wiener Gemeinde reiche Leute gehören, so daß man von ihnen materielle Opfer fordern kann. Von Personen, die nicht unabhängig waren, pflegte er zu sagen: „Mit dieseil Leuten kann mall nicht die Wache beziehen." Das Härteste leistet jedoch der Verfasser der „Briefe" in folgendem Satze: „Die übelste 'Nachrede, und mag dieselbe auch noch so gerechtfertigt sein, niacht den Kandidaten llicht wahlunfähig." Wer diesen Satz liest, ohne die hiesigen Verhältnisse zu kennen, der muß glauben, daß Zuchthauslandidaten im Vorstände der Wiener israelitischen Kultusgemeinde sitzen, uub das würde doch wohl der Briefschreiber nicht behaupten wallen. Ter Verfasser spricht viel von Antisemitismus. Nehmen wir mm an, ein Antisemit, etwa Vergani oder Schneider, jpräche eine derartige ebenso niederträchtige Verdächtigung und Verleumdung aus, wie würden wir davor Wuthausschreien, und hier spricht ein Jude, und gewiß ein Jude Vjj] jhz ans Leidenschaft (ich weiß nicht warum und weshalb) eine derartige Verleumdung mib Verdächtigung aus. Es inuß in dieser Beziehung noch Folgendes hervorgehoben werden: Es war im vorigen Jahre zum ersten Male, daß die Wahlbewegung hoch ging, unb der Verein „österreichisch-israelltische Union" eiligrifs. Im vorigen Jahre wurden neu gewühlt die Herren: Salo Cohn, Dr. Jos. Grünfeld, Docenk an der Universität, Moritz Karpeles und Dr. Adolf Stein, Hof- und Gerichtsadvotat, der das wegen Mord angeklagte Ehepaar Ritter vom Tode gerettet hat. Es sind durchweg achtbare Männer, die sich des besten Rufes erfreuen. Sie kann die Verdächtigung nicht treffen. Rußland. * Petersburg, 29. November. Die Nachricht von dem Protest größerer Kapazitäten in Rußland gegen die .Judenhetze bedarf der Berichtigung. In Moskau ist kein van hervorragendell Männern Unterzeichneter förmlicher „Protest" gegen die Judenverfolgungen in Vorbereitung, sondern es thnten sich Bios lauer Gelehrte mib Schriftsteller zusannnen, um ihre Ansichten in der Presse über das skandalöse Hetzen bestimmter Blätter gegen die Juden auszusprechen. Jene Hetzblätter wüthen jetzt darüber uub behaupten, Moskau und das ganze russische Volt sollten der jüdischen Ausbeutung geopfert werden. Das Blatt „Nowosti" erinnert diese Hetzer nun daran, daß bereits im Jahre 1882, zur Zeit der skandalösen Jndeuhetzen mit Mord und Brand, hervorragende Moskauer Firmen beim Finanzminister um Abhilfe vetitionirten, da die Judenhetzen schädlich auf den Moskauer Handel einwirkten. Damals brachte die Moskvwskija Wjedvmvsti den Protest zum Abdruck, nnd Katkoff selbst befürwortete denselben sehr symphathisch. - Andere Blätter halten aber diese Nachricht vollkommen aufrecht. Wie die „Fr. Ztg." berichtet, ist die Spitze dieses Protestes, welcher in dem Journal „Rußkaja Mysl" veröffentlicht werden wird, wenn dies Glicht die Censur verhindern sollte, nicht gegen die Regierung uub deren Repressivmaßregeln gegen die Juden direkt gerichtet, sondern gegen die antisenlitische Richtung und Jndenhetzereieu mehrerer Preßorgane, wie der „Nowoje Wremja", des „Grnshdanin", „Kiewljünin" ii. s. w. Aber man weiß sehr gut, was darunter verstanden loerdeu soll, und das russische Publikum versteht, zwischen den Zeilen zu lesen. An die Spitze dieses geharnischten Protestes gegen den Antisemitismus in Rußland tritt der durch seine Polemik gegen die Oberherrlichkeit und das Dogma von der Unfehlbarkeit der Kirche bekannte Denker und Schriftsteller Ssolowjew, ein Sohn des berühmten Philosophen gleichen Namens. Herrn Ssolowjew gebührt die Anregung zu diesem Proteste, der blos eine Wiederholung einer ähnlichen Manifestation ist, die im Jahre 1858 zu Stande kam und an welcher gegen 150 der hervorragendsten Gelehrten, Schriftsteller, Dichter, Professoren li. s. w. der damaligen Periode sich betheiligten. Seltsam, daß der berühmte Führer der Slawophilen, Iwan Sserjewitsch Atsakow, der damals zuerst den Protest gegen den Antisemitismus Unterzeichnete, später selbst einer der glühendsten Judenfresser wurde. Dian muß abwarten, welchen Eindruck der neue Protest auf die öffentliche Meinung, besonders jedoch auf die beim 'Ministerium des Innern tagende „Judenkommission", welche die Frage über die Rechte der Juden in Rußland definitiv regeln soll, machen wird.

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