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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-04 · Heft 47 (4.12.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 47 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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forliit, A. Dezember 18i>0. 54 Saljrgang. «. 17 GeMeiNdedStk. Weikage zur „AQ'gemeinen Zeitung des IuöenLHurnsäO Korrespondenzen und Machrichten. Deutschland. S Berlin, .1. Dezember. Die gestrige Sitzung der Repräsentantenversammlung hatte sich eines zahlreichen Auditoriums zu erfreuen. Ursache war, daß aus der Tagesordnung die von dem „Eentralverein zur Vorbereitung der Repräsenkaukeuwahten" eingereichten Petitionen betreffs Erbauung neuer Synagogen und Einrichtung neuer Religionsschulen standen. Der Petikionsausschnß hatte sich mit diesen Tragen bereits beschäftigt und den Antrag gestellt: Tie Repräsentanten- Versanunlung wolle den Gemeindevorstand veranlassen, dafür Sorge zu tragen, daß für den gedachten Zweck geeignete Terrains angekauft werden, um nach Fertigstellung der Synagoge in der Lindenstraße mit dem Bail zweier einfacher Synagogen Vorgehen zu können. Mit diesen Synagogen sollten dann die neuen Religionsschulen verbunden sein. Nach lebhafter Debatte wurden auf Vorschlag beo Herrn Iustizraths Makower die Anträge mit zehn gegen sieben Stimmen abgelehnt. Maßgebend für das Votum der Majorität war der buxcC) Herrn Makower geführte Nachweis, daß für eine Vermehrung der Synagogen noch kein Bedürfnis; vorhanden sei. Tie hierbei angeführten Zahlen verdienen in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Tie Zahl der Synagvgenplätze in den Gemeindesynagogen (einichl. Lindenstraße» beträgt 7000, in den -zu den hohen Festtagen gemietheten Lokalen Mh'i, in Anstalten und Schulen 2081), in den für gottesdienstliche Zwecke an den hohen Feiertagen von privater Seite eingerichteten Sälen 07st), in Lokalen der Religionsvereine 108<s, zusammen 18.747 Plätze, das ist bei einer Seelenzahl voon 70 000 Inden in Berlin auf je vier Seelen ein Synagvgenplatz, während bei den Christen in Berlin erst ans je 2K' 2 Seelen ein Kirchenplatz kommt. Ans der sonstigen Tagesordnung der Sitzung ist hervorzuheben die Bewilligung von Thenerungsznlagen au einzelne Beamte, sowie die Einführung der wiederbezw. neugewählten Vorstandsmitglieder. X Berlin, 00. November. Ter Rabbiner der B'ne Brith-Gemeinde, Herr Tr. Krön er, hat am gestrigen Sabbath sein 20 jdi)r aes Amtsjn bilänm zugleich mit der silbernen Hochzeit gefeiert. Zn Ehren des Jubilar, welchem seitens der Gemeinde ein prächtiger Silberpoial überreicht wurde, war die Synagoge festlich geschmückt uub ein Festgottesdienst veranstaltet. Herr Tr. Teukschländer, ein Freund und Amlsgenosse des Jubilars, hat in äußerst würdiger uub beredter Weise die Verdienste des Jubilar gefeiert und auf das glückliche Verhältnis; hingewiesen, welches zwischen der Gemeinde und dem Herrn; Seelsorger herrscht. * Berlin, 00. November. Eine sehr scharfe Lektion wird den an tis emitischen Hetzern, die sich n. A. auch die Geil v s s en s ch aft s re i w i l l i ge r Krankenpfleger im K r i e g e als Tummelplatz ausgesucht haben, von deren Vorsteher Wichern, dem Leiter des Rauhen Hanfes ertheilt. Dieser veröffentlicht im „Reichsboten" gegen; einen von diesem Blatte beifällig begrüßten Artikel des Organs des Vereins deutscher Studenten eine Erklärung, die um so bemerlenswerther ich als Wichern an Kirchlichkeit und Strengglüubigkeit den Stöcker und Genossen nichts nachgiebt. Das antisemitische Studentenbtatt halte in der beliebten hvchmüthigen und gehässigen Tonart die Ausschließung der Inden von der Mitarbeit an der Krankenpfleger-Genossenschaft gefordert. Darauf erwiedert Herr Wichern : „Nachdem die Genossenschaft einerseits darauf verzichtet hatte, die Ausnahme der Mitglieder von ihrem ausdrücklich ausgesprochenen und bethätigteu evangelischen Ehristenthum abhängig zu machen, und sich damit begnügt hatte, iui Allgemeinen eine zu jeglichen Opfern bereite und insofern sich als christlich erweisende Gesinnung voransznsetzen, nachdem sie andererseits eine immer wachsende Verbreitung gerade in akademischen Kreisen gefunden und von den Universitätskliniken uub ihren Dozenten auch einzelnen israelitischen; die opferwilligsten Dienste darüber entgegen genommen hatte, erschien es immer mehr als »mberechkigt und zugleich das ganze Wert schwer schädigend, solche Israeliten weiterhin ansznschtießen, die sich zum Eiiitritt in die Genossenschaft melden und vor keiner Dienstleislnng. auch der allergeringsten iiicht, zurüctichrecken. Blau fühlte sich um so weniger dazu berechtigt, als ja auch die Israeliten dem Vaterlande mit der Waffe zu dienen berufen sind, und die Vaterlandsliebe, an die ans allen Stndentenversammlnngen appellirt werden mußte, an eine konfessionelle Schranke nicht gebunden ist." Wichern führt dann die Hetzer an der Hand des Artikels in jenem Slndentenbkatte, den er Punkt für Punkt widerlegt. gründlich ab. So war in dem Artikel behauptet worden: man wähle „die Söhne Israels" ohne Weiteres, ohne, daß man sie kenne. Das Beschämendste sei aber die Thatsache, daß sich Einflüsse geltend gemacht haben, vermöge welcher der Genossenschaft die materielle Grundlage entzogen werden sollte, wenn den Inden nicht der Eintritt gewährt würde: natürlich war das Indenthnm dabei im Spiele." Wichern aber erklärt diese Behauptung für Erfindung, trotz der sittlichen Entrüstung, mit welcher die „Thatsache" konstatirt wird. Die Genossenschaft erhalte ihre materielle Grundlage allein durch das Eentralkomitee der deutschen Vereine vom rothen Kreuz. Von demselben sei unausgesetzt bis zuletzt die Selbständigkeit der Genossenschaft in allen Fragen der Organisation sowohl, wie auch in allen inneren Angelegenheiten nicht nur anerkannt. sondern ausdrücklich, ja in prinzipieller Weife betont worden. Es war in dem Hetzartikel ferner die Erwartung ausgesprochen worden, „daß sich Männer finden werden, welche den Muth haben, die Angelegenheit nochmals zur Sprache zu bringen und die Inden ans der Genossenschaft zu entfernen: sie würden, wenn man ihnen den Eintritt in leitende Stellen verwehre, ebenso gerän chlos verschwinden, wie sie geräuschvoll gekommen." Diese dreiste Ueberhebnng geißelt Wichern mit verdienter Schärfe: „Obiger Satz erhebt die schwere Anklage eines mangelnden moralischen Mnthes und zugleich die eines unüberlegten Handelns, und voar n. a. gegen eine größere Zahl von Lehrern der akademischen Jugend! Wenn and) dem Eifer imb der Begeisterung der Iirgend nrailches zugute gehalten werden muß, so möchten wir doch gegen ein derartiges Auftreten hier einen ganz entschiedeuen Protest einlegen und sind zugleich der Ueberzeugung. daß die weitesten akademischen Kreise, speziell auch die studentischen, von denen ich die Mitglieder des V. D. St. keineswegs ansnehme, solchen Protest gegen den Herrn Artilelschreiber nur billigen werden. Uebrigens von einem geräuschvollen Anstreten oder gar „herrschsnchtigen" Sicheindrängen jüdischer Elemente in leitende Stellen fann nach Lage der Dinge gar leine Rede sein. Dem Vorsteher ist überhaupt nur ein Fall des Beitritts eines Dozenten indischen Glaubens zu einem Komitee bekannt. Danii aber erscheint es tief bedauerlich, wenn Ehristen Personell israelitischen Glaubens von positiver Mitarbeit au einem idealen Werte der Liebe, zu dem statutengemäß christliche Opserfrendigkeit verlangt wird, unter dem Vorwurf znrückweisen. als hätte auch hier lediglich ein niedriges Bl oliv, nämlich das der Herrschsucht, sie zu einem solchen Schritt getrieben." So spricht ein wahrhaft frommer Mann, der sich bei aller Orthodorie doch einen redlichen Sinn und Gerechtigkeit auch gegen Andersgläubige bewahrt hat. T. Flatow iWestpr.', I. Dezember. Ans den politischen Blättern werden die Leier der „A. Z. d. I." erfahren haben, daß in dem Wahlkreise Schlochan- Flakon; ein heißer Kamps entbrannt ist zwischen den Anhängern der beiden Kandidaten von Hel l do r f-B ed r a und Landgerichts-Rath Nentirch - Könitz. Diese Thatsache an und für sich wäre nicht werth. in diesem Blatte besonders erwähnt zu werden, denn derartige Kämpfe sind zu Zeiten der Hauptwahlen an der Tagesordnung. Hier hat dieser Kampf aber besonderes Interesse, nicht nur für die Inden in diesem Wahlkreise, sondern für die ganze Indenheit im Reiche. : Der Kandidat von Helldorf wird von den Konservativen protegirt. »nährend Neukirch von den Freisinnigen in Verbindung mit Deutsch- Katholiken und Polen ausgestellt ist. Die ca. loou bis 2000 jüdischen Wähler in diesem Wahlkreise haben das Zünglein der Waage in der . Hand. Als nun der konservative Kandidat am 20. November hier seine Wahlrede hielt, umrde er von dem Bürgermeister hiesiger Stadt, i ans das an letzteren gerichtete Ansuchen von jüdischer Seite, darüber

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