Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- Seite 607 (sequence 11)
- Language
- German
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607 Hotel der Stadt erkennen ließ. Oede die Straße, das Zimmer, das Herz! Da klopft es, und mit dem ersten Hilfesuchenden verschwindet die Beklemmung. Das Pflichtbewußlsein und die endlich mit Hintenansetzung der eigenen Interessen geübte Pflicht erheben ihn über alle Misere, diese unsagbare Misere des hinterpommerschen Ortes, in den: die Sinne noch mehr als die Häuser a la rustica gebildet sind. So hat er es getragen fast 40 Jahre und ist Land und Leuten zum Segen geworden, wie es die Stadt im Ehrenbürgerbrief und in wiederholten Dankadressen, der Staat in einer Geld-Anerkennung und Titel nach einer furchtbaren Cholera-Epidemie ausgesprochen hat. - Er war ganz und gar praktischer Arzt geworden. „He hat immer Glück", sagte Kr Volksmund und wußte nicht, daß er zu allen Zeiten, im Sommer mit der Lerche, int Winter um fünf Uhr sich erhob, am Pulte saß und forschend den Tag heranwachte! Diese stillen Stunden waren sein Glück, sein Ersatz für die Ruhelosigkeit des Tages. Ter Landarzt hat keine Sprech- und keine Erholungsstunde. Kommt er von wegeloser Nachtfahrt heim, in der er, o wie oft! mit Kutscher und Pferden im Schnee, im Graben gelegen, wo er am Ziel beim armen Büdner auf der Holzbank am kalten Ofen geruht, memi er seine Pflicht als Aecoucheur Glicht sofort ausüben oder die kaum noch athmende Wöchnerin nicht verlassen konnte — dann erwarteten ihn zu Hanse nur Anstrengungen. Er ist eben Spezialist für alle Krankheiten! Das finden die wartenden Bauernnur natürlich, während die aufbewahrteu Briefe von Gräfe, Traube, Jos. Meyer, Inst not least Langenbeck, das Faktum voller Bewunderilng anerkennen! So hat er* getragen fast 40 Jahr — mit einem tiefen Schmerz in der Seele. Er konnte sich nicht voll der heißgeliebten Forschung zuwenden; es fehlte ihm an Zeit, an Instrumenten, an Kollegen. Ja, diese Vereinsamung bedrückte sein Herz. Politisch brach er ben Bann, indem er furchtlos dem konservativen Adel die Spitze bot und mit den wenigen gleichstrebenden Männern der rocher de bronce aes Liberalismus in dem sterilen pommerschen Boden wurde ----- aber in seiner Wissenschaft kütnpfte er allein. Wie überglücklich, wie neidlos begrüßte er jede kleinste Entdeckung, jeden geahnten Fortschritt. Als in der klinischen Wochenschrift zum ersten Male wissenschaftlich die Typhterie besprochen wurde sagte er: ich behandle seit Langem diese Krankheit, alle Beobachtungen stintmen mit den meinen fast überein, — ich werde werthvolles Material einsenden. Er that es nicht, das Uebermnß von Arbeit hinderte ihn zunt Theil, andererseits war eine Zaghaftigkeit über ifin gekommen, den feder-, imb wortgewandten Kollegen gegegenüber zu treten. Auch das war eine schwere Folge der Vereinsamung. Wie wenig gerechtfertigt seine übertriebene Bescheidenheit war, das lehrten spater seine ärztlichen Berichte, die er als Kreisphysikus der Regierung einreichte. Denn spätzu spät hatte man ihm auch dieses Amt übertragen, nachdem die adeligen frontmen Herren zweitnal des Juden Ernennung hintertriebett hatten, was sie nicht hinderte, dem hochverehrten Arzte nach wie vor ihr Vertrauen zu schenken und — ihn weiter schlecht zu honorireu. — lind wie über die Typhterie, so liegen über andere Jnfektionskrattkheiten schriftliche, wenn auch nur aphoristische Aufzeichmmgen vor. Sein festes Hoffen galt dem endlichen Sieg, gegenüber der mörderischen Tuberkulose. Gebeugt durch die schwersten, brutalsten Schicksalsschläge, wollte er sich in Berlin mit 05- Jahren zur Ruhe setzen, doch nähmen immer noch Freunde, Bekannte und pommerscher Adel ihn als Arzt in Anspruch; Tuberkulose ringsum — bei Freunden, Verwandten. —- Wenn auch sein Körper und Gemüth gebeugt, besucht er die ärztliche Vereütigung am Mittwoch Abend, ist aufmerksamster Hörer und begrüßt dankbar jubelnd die Baeillen-Entdeckung Kochs. Da erkrankt er! Brechen alte, im Schneesturm erworbene Wunden von Brust und Rippenfellentzündungen wieder auf? Hat er den unheilvollen Bacillus an Krankenbetten eingeathmet? — Er sieht klaglos das Blut seinen Wunden entströmen und fällt wie ein Held. Bitterkeit dnrchfluthet das Herz und voll doppelter Trauer leget! wir heute den Kopf auf seine Ruhestätte. „Zu spät", murmelt der verblühte Rosenstrauch, „zu spät" säuselt die Traueresche über unserm Haupte. Da ist's, als hörtet: wir durch ben klaren Aekher tröstend seine Stimme uns zttrufen: ttichk tittt ein Einzelschicksal ziemt es heut zu klaget:, jubelt den: gotterleuchtetet: Manne zu, Preiset den endliche:: Sieg der Wissenschaft! 8. L. * Litterarische Mittheilungen. Die Kinderbibel von D r. B. Bad t. Eine „Kinderbibel", das wäre wohl, was um noth thäte. „Biblische Geschichten" oder dergleichen Erzählungen habet: wir schot: die Menge, gute :md schlechte, am meisten aber mittelmäßige. Tr. Badt ist tvohl and) der Mann dazu, für unsere Schulen, besonders für solche, in denen die Zeit für bett Religionsunterricht eine beschränkte ist, ein für das Kindesalter angemessenes Kompendium der heiligen Schrift zu verfassen. Verbindet er ja mit mnfassendem Wisset: eine langjährige Praxis ans dem Gebiete des jüdischen Religionsunterrichtes, ist er ja eit: Mann, den mat: als Menschen, Lehrer und Gelehrten gleich hoch schätzen muß. Aber schon das Inhaltsverzeichniß der Badt'schen „Kinderbibel" zeigt, daß er eben nur eine „Biblische Geschichte" bringet: wollte. Auch gut - dachte ich. Auch hier fatiit neben dem vorhandenen Gute:: noch etwas Besseres gebotet: werden, besonders für dett „ersten Unterricht, sowie da, wo für die biblische Geschichte weniger Zeit Vorhände:: ist". Wem: auch, namenl lich bei Schulbücher!:, der Titel eines Buches nicht gleichgiltig ist, da. wie z. B. hier , dadurch falsche Erwartunget: hervorgerufen werden. t:än:lich die: neben den Erzählungen auch Auszüge aus det: didaktischen, prophetischen m:d poetischen Theilen der Bibel, mie sie für das Kindesalter angemessen sind, zu finden so wollen wir darüber hinweggehen hoffend, daß bei einer folgettdet: Auflage der Titel geändert wird. Aber noch manches Andere müßte geändert werden, um das Büchlein, welches de:: einet: großen Vorzug hat, die biblischen Geschichten in gedrängter Kürze darznbieten, sie bis zur makkabäischen Zeit sortzusühren und nicht den Umfang von zehn Bogen zu überschreiten (eit: Vorzug, welcher keineswegs zu unterschätzen ist) also um dieses Büchlein für Schule und Haus brauchbar zu machen. Bei der Auswahl des Inhalts leitete ::ach der Vorrede den Verfasser der Gedanke, den Steinthal in der Rümmer dieser Zeitung vom l. April d. I ausgesprochen: „Wohl sollet: diese Geschichten den Wissensumfang der Jngetld ertveitern, aber ihr höherer Zweck ist m:d bleibt für alle Zeile:: ihr Einfluß auf das Gebiet des Wollens", deshalb sagt Verfasser: „Ich habe manches übergangen. was für das Verständtüß der Kinder mir zu schwierig schien, anderes hinzugefügt oder ausführlicher behandelt, weil es Gelegenheit zu moralischen Erörterungen gab" (soll; wohl heißen g i eb t). Ein besseres Motiv für die Auswahl des Stoffes! kann es wohl nicht geben. Nicht auf die gedächtnißmüßige Einprägung j einer Menge vot: Thaksachen kommt es im biblischen Geschichtsunker- > richt an, sondern auf die ethische und religiöse Verwerthtmg derselben. I Und doch hat Verfasser sich gerade bestrebt, eine Menge vot: Thaksachen in den enget: Rahmet: dieses Büchleins, ich möchte sagen, hinein zt: i pressen. Natürlich leidet darunter die Darstellung. Bei der Ans j wähl des Stoffes hat er sich nicht immer von den in der Vorrede so! schön ausgesührten Gedanken leiten lassen. Für die paar Worte „in! unserm Ebenbilde, nach unserer Aehnlichkeit". die doch „Gelegenheit zu moralische:: Erörterungen geben" und die durch die Zusammenziehung; „uns ähnlich" verblassen, hat Verfasser leinen Platz, dafür aber wird i die Schöpfung des Weibes aus einer Rippe in epischer Breite erzählt.; Und die ausführliche Erzählung der Bibel, die er fast wörtlich anführt.! genügt dem Verfasser nicht, er fügte dem Texte noch den Sah hinzu:! „Und er freute sich sehr mit ihr." Solcher eigenen Zusätze im Text der! Erzählung sollte man sich immer enthalten. i Eben so unerfindlich ist es, weshalb die Geschichte von der Pflanzung i des Weinberges durch Noah und von Hams Vergehen erzählt und zwar sehr ausführlich erzählt wird. Sen: ist nicht nur überflüssig, sondern I auch unpassend und dürfte selbst in einer größere:! biblischen Geschichte