Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- Seite 606 (sequence 10)
- Language
- German
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606 diesem Geständnis es war ihr, als hätte sie einen jvurtb gemacht, so unvorbereitet traf es sie selbst, und es ist die Frage, ob ihr diese merkwürdige Entdeckung mehr Freude oder mehr Schmerz verursacht; denn konnte sie es wagen, bas, was sie sich eben erst selbst gestanden, auch ihrem Pater zu gestehen? Durfte sie es wagen, den wahrhaftigen Grund ihrer Weigerung, den sie nun selber kennen gelernt, auch osien zu enthüllend tonnte sie hingehen und öffentlich verkünden, wovon ihr das Herz voll sei? Woher sollte sie den Muth nehmen, dem Baker mit einem Geständnis; entgegen zu treten, welches ihm die Tochter als eine Wahnsinnige hätte erscheinen lassen müssen? Wie sollte sie das Wort auch nur über die Lippen bringen? Konnte sie auf die Unterstützung der Prüder rechnend konnte sie sich überhaupt einbilden, das; auch nur ein einziger Mensch sich ans ihre Seite stellen würde, wenn sie hinginge. sie. die Tochter des reichen und stolzen Randars, und bekennen möchte, sie liebe - Leb Peheme? 5. N)er ist ä cd Leheine? Irr Wilna lebten zwei junge Männer hu schönsten, edelsten Herzensbündnis;. Ihre Freundschaft gründete sich nicht auf bewußtlose Neigung, sondern auf bewusste gegenseitige Hochachtung. Gehoben wurde dieselbe aber noch durch das gleiche Streben nach demselben Ziele, uub dieses Ziel war die Erkenntnis;: die Forschung in der Lehre imb im Gesetze bei Tag und Nacht war das Mittel, jenem Ziele immer näher und näher zu kommen. Waren die beiden Männer durch gleiches Streben nach demselben erhabenen Zwecke eng mit einander verbunden, so zeigten sie doch nichts desto weniger verschiedene, oft entgegengesetzte Eigenschaften des (Charakters und des Geistes. Der Aeltere voll Beiden. Rabbi Elieh, hatte eine weit überragende Berstandesschärse, der Jüngere, Rabbi Leb, war phantasievoll, und wie er in wichtigen Fragen stets die Ueberlegenheit des älteren Genossen anerkannte, so konnte dieser sich an den oft wunderbaren Gebilden erfreuen, welche der erregten und lebhaften Einbildungskraft des jüngern Freundes entstiegen. Rabbi Elieh war in seinem Thun imb Lassen besonnen und zeigte auch hierin den reifem Mann, der keinen Schritt geht, ohne ihn früher überlegt und durchdacht zu haben; dagegen zeigte sich der noch dem Jünglingsalter näher stehende Rabbi Leb von weicher Gemüthsart. von einer fast weiblich zu nennenden Organisation des Gefühlslebens, jebem Eindrücke leicht lnngegeben ohne Reflexion. Ohne Reflexion aber nur im Momente, da es sich um eine Entscheidung, um recht oder links handelte; war dagegen die Sache vorüber, dann trat bei ihm nicht selten ein Drang und eine Sehnsucht ein, über die Sache erst recht zn grübeln und sich in seiner Einbildungskraft in den vollen Strudel des oft unauflösbaren Für und Wider hmeinzustürzen. wahrend Rabbi Elieh mit männlicher Ruhe die Entscheidung einer Sache jedesmal so lange verzögerte, bis er mit sich völlig im Klaren war: war die Sache aber einmal abgethan. dann war er auch innerlich mit ihr fertig und hatte mit derselben weiter nichts zu schaffen. Ans allebem ergab sich, daß Rabbi Elieh dem Ziele, welches sie Beide anstrebten, äußerlich näher stand, als der jüngere Freund, das; er sich ein System von Lehrmeinungen und Maximen aufgebaut, welches bereits festen Grund hatte, nur das; er bestrebt war, dasselbe immer noch mehr mtb mehr ansznbanen, während Rabbi Leb von einer solchen innern Festigkeit und Behäbigkeit eines aufgebauten Lehrsystems noch weit, sehr weit entfernt war. Ihn quälten noch gar viele Fragen und Zweifel, mit welcher; der ältere Frerrrrd in seinem Innern längst fertig geworden zu sein schien. Auch hatte Rabbi Leb eine sehr rrnglückliche Jugend verlebt, unb die Erinnerung an dieselbe, das Andenken an den Schmerz mtb die Leiden, die er im Vaterhaus«? mit angesehen, verdüsterten ihm härrfig die Stnnderr und weckten Gedanken auf in seinem Gemüth, die ihn erschütterten, ohne daß er Mittel hatte, sich zu beschwichtigen. Dies bewirkte bei ihm im Allgemeinen eine nrelancholische Stimmung, welche von der schönen, ruhigen Seelenheiterkeit und besonnenen Herzensfreudigkeit des Rabbi Elieh bedeutend abstach. Durch all' dies aber waren die beiden Freunde in seltener Weise geeignet, einander zu ergänzen, und bald fühlten sie Beide das Bedürfniß, einander anzugehören in so hohem Grade, daß sie fast unzertrennlich von einander waren; Jeder konnte dem Andern gerade dasjenige geben, was diesem fehlte, und so erzeugte sich durch dieses gegerrseitige Geben und Nehmen jene innige Berbrrrdnng ihrer Seelerr, daß sie von einander sagen konnterr, wie der Patriarch Jacob vorr feinem Lieblingssohne sagte: Meine Seele ist verknüpft mit seiner Seele. (Fortsetzung folgt.) U Der alte Arzt. Die gewaltige Entdeckung unseres Robert Koch ruft in den Herzen lautesten Jubel wach. Allen Leidenden und Verzweifelnden füllt neue, ungestüme Hoffnung die Brust, allen, Glücklichen und nie Hcinigesuchten winkt in dem epocheinachenden Heilmittel die Garantie für die längste Dauer irdischer Glückseligkeit, Mit diesen zwei Kategorien steht eine dritte zwar nicht im Kontrast, doch ist ihr Jubel gedämpft, und nur wehiniithige Freude bringen sie dem Segenspender entgegen. Es ist die große Klasse der Leidtragenden, die heiß geliebte Menschen an dein Würger Tuberkulose dahinsiechen sahen, ehe Koch sein: Werde! gesprochen. Das Bild eines edlen Arztes und Menschenfreundes taucht, vor unscrm umflorten Blick bei diesen Bclrachtungen ans. Ihm sei die nachfolgende Skizze geividinet. Er war in Halle und Berlin auf der Universität von allen Lehrern und Komniilitonen geliebt lvorden, denn sein scharfer Verstand, seine große Liebe zu den Wissenschaften, zumal der heiß umworbenen Hhgiea, wurde noch übertroffen von seinem guten Herzen, dem edlen Sinne, nur dem Wohle der Leidenden leben zu »vollen! Hatte er am Schluß der dreißiger Jahre durch den srenndschaftlichen Verkehr mit Chamisso, Gaudh, Laube, Mundt auch oft den Wnnsch gehegt, ganz den Binsen zn schwören, besonder-:- wenn in der Mittlvochsgesellschast seinen dichterischen Versuchen lauter Beifall gezollt wurde — immer wieder wandte sich sein Herz der geliebten „Medizin" zn, .der Menschheit ganzer Jammer zog ihn ans die entsagungsvolle Laufbahn des kleinstädtischen Arztes! - Umsonst hatte der verehrte Hallenser Professor Krukenberg alle Beredtsamkeit angewendet, die junge, vielversprechende Kraft für die Univcrsitatscarrwre zu bestimmen. Die geringe Aussicht, lvelche dem Juden vor 1848 ans staatliche Anstellung geboten wurde, die Sorge für Mutter und Schwestern bestimmten »nscrn Doktor, sofort Praxis zu suchen. Der Wunsch, nebenher auch reinwisscnschaftlicher Forschung obzuliegen, ließ ihm eine größere Stadt Pommerns — Kolberg — zum Domizil wählen. Sehr bald hatte der junge, stets freudig hilfsbereite Arzt das Vertrauen seiner neuen Mitbürger gewonnen, da — trieb ihn die Bitte der beiden älteren dort ansässigen Kollegen von dannen. Sie beschworen ihn als Familienväter, sie nicht brodlos zu machen und — er griff wieder zum Wanderstabc, denn seine edle Seele war frei von Egoismus. Die Aufforderung der kleinen Kreisstadt D. veranlaßte seine Niederlassung in dem armen, jeden Reizes baren hinterpommerschen Erdenwinkel. Da saß er an einem trüben Herbstmorgen in dein niedrigen ärmlich möblirten Zimmer des Ackerbürgers P. Das kleine windschiefe Giebelhaus lag in der schinaleii, schmutzigen Hauptstraße. Trübgestimmt schaute er in den Nebel, der kanin das gegenüber liegende erste