Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- Seite 605 (sequence 9)
- Language
- German
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005 ihm die Wahrnehmung hätte entgehen sollen, daß die beiden Kinder! wohl für etwas ganz Anderes bestimmt sind, als zum Stubenhocken. j Bald mürbe» die beiden Kinder daher der Oberaufsicht des Lehres gänzlich enthoben, und sie konnten sich ihren Neigungen nun auch mit Leib unb Seele hingeben. Wie weit es Haschele auf dem Hofe und in der Brennerei gebracht, hat inan bereits erfahren; man weiß ja, wie selbst die älteren Brüder nach und mtd) anfingen, sich seinem energischen Regiment unterzuordnen lind seine Versügungen gut zu heißen. Röchele bemächtigte sich vor Allem der Herrschaft in der Küche, und sie schaltete hier mit Perstand und Einsicht. So nnlchs das Mädchen heran, indem es sich hübst erzog. Bei dieser Selbsterziehultg entwickelte das Kind jene Art von Selbstständigkeit, welche bei Merlschen, die auf sich selbst gestellt silld, so häufig angetroffen wird. Rachele stand des Morgeils auf unb legte sich dev Abends nieder, ohne daß ihr im Laufe des ganzen lieben Tages Jemand gesagt hätte, sie solle dies oder jenes machen, sie solle dies oder jenes lassen. Nichts von alledem. Sie that was sie wollte, und machte es just so, wie sie es wollte, und was sie that, tmu* gut, und wie sie es that, das war auch gilt. Dieses eigenartige und eigenwillige Halldeln, Thun und Lassen war denk gllten Kinde keinesfalls schädlich, denn es war kein lügensinn dabei, keine Rechthaberei einem andern Willen gegenüber. Wenn sie etwas that und gerade so that, so setzte sie damit keineswegs eine Laune durch, die ihr im Kopf herumgegangen wäre, sie hätte es eben so gut auch anders machen oder ganz unterlassen können, und Niemand hätte ihr etwas drein geredet, von keiner Seite hätte sie einen Tadel zu befürchten gehabt. Wenn sie etwas that, so that sie es, weil sie es für gut hielt und weil sie es gerade so und nicht anders für gut hielt. Davon, daß sie in Allen: nur sich selbst, nur ihrem eigenen Willen folge, hatte sie gar kein rechtes Bewußtsein, ihr Allfsichselbstgestelltsein war ihr etwas, das sich von selbst versteht ' und worüber sie nie nachgedacht. Daß es auch anders fein könne, als sie es machte, das war ihr gar nie eingefallen. So lvnchs sie? heran in: inneren Frieden mit sich selbst und mit ihrer Umgebung, z Fremde sah sie jahraus jahrein genug; denn was durch« Torf passirte. machte in der „Rande" halt; jeder vergönnte sich hier einen 1 Labetrunk, der Reiche, wie der Arme. Dem Einen wurde er für; Geld und gute Worte, dem Anderen auch ohne Entgelt dargereicht; i denn Rachele besaß ein zum Wohlthun geschaffenes und liebreiches! Gemüth nnb hatte dazu ein einnehmendes gefälliges Wesen. Sie; war schön und bescheiden und erhöhte den Werth der kleinen Gebe : durch die Anmuth und Liebenswürdigkeit, mit der sie sie reichte. So hatte sie sich freundlich und liebreich benommen an jenem takten Winter-Abend, da der gegenwärtige Branntweinbrermer als „Schnorrer" zum ersten Mat hier eintrat und keine andere Bitte hatte als die, das Eha nnka h-Licht hier anzünden zu dürfen. Daß : sie gleich beim ersten Anblick des fremden Mannes in ihm etwas Anderes als einen gewöhnlichen Schnorrer sah, daß sie ihm die „Menorah" aus Sand und Nußschalen mit mehr als gewöhnlicher Gefälligkeit bereitete, daß sie sich dabei in einer Art von Verwirrung betäub, durch welche sie sich in den Finger schnitt, das Alles ist ihr freilich ■ nicht klar und deutlich gelvesen, aber eine innere Herzensfreudigkeit, j wie sie dieselbe bis dahin noch nicht empfunden, hatte sich über sie! ergossen seit bem Augenblick, da sie den: fremden Manne zuerst in's! Auge geblickt. Sie wußte nicht, was sie so sehr erfreute, was ihr j Inneres mit einer so schöllen, rciiteit und heiligen Freude erfüllte, I aber wozu brauchte sie das auchhzu wissen, genug, es war so; vielleicht! schrieb sie ihre freudige Stimmung der Anwesenheit des Vetter! Eichene.zu, den.sie sehr liebte und schätzte und von dem sie nickt minder geschäht und geliebt wurde. Unb als am folgenden Tage der fremde Mann das Abfertiggeld nicht annehnien und von der „Rande" sich rricht mehr entfernen, solldern als Dienender da bleiben wollte, wie war ihr da so wunderlich zu Mnthe, und wie staunte sie über das rüthselhafte und mystische Wesell dieses Mannes, beit ihr Varn für einen beschränkten, gedankenlosen Herlnnstreicher, für nicht viel mehr als ein Vieh hielt. Wie zärtlich war ihre Bitte, den armen Menschen doch nicht hinanszustoßen. es mit ihm zu versuchen, unb wie dankbar fühlte sie ihr Herz gestimmt gegen den Vetter Joichene, der seine Bitte mit der ibrigen vereinigt hatte. Sle war glücklich, den Vater überwunden zu haben, den Wunsch des Fremden erfüllt zu sehen. Warum? Das wußte sie selbst nicht, aber es war so, ein außerordentliches Wohtwolleli empfand sie für den fremden Mann. Und als dieser Fremde nun unter der Anleitung ihres jüngsten Bruders geilieille lind niedrige Dienste verrichtete, wie betrachtete sie voll: obereil Stockwerk aus das stille unb demüsisiae Thun des Mannes mit Freude, aber auch mit Schmerz; mit Freude, daß er seiner Aufgabe genüge uub daß er den Erwartungen, die sie in ihn gesetzt, euispreche, aber and) mit Sebmerp daß er zu solch' lliederer, gemeiner Dienstleistllng angehalteil sei. Warum Das wußte sie ilicht. Tie fühlte aber das, was sie wußte und worüber sie keinerlei Rechenschaft abzlllegeil vermochte. Mit meid)' inniger Befriedigung sah sie den fremben Mann von Stufe zu Stufe emporsteigen, welche Gellugthnung empfanb sie bei der Fahrt nach bem nahe gelegenen Städtchen, da Leb die Rosse leitete, lvie hob sich ihr Herz und wie ward es angeschwellt durch Stolz, als später durch Leb's Geistesgegenwart ein so großes Unglück abgewendet lvnrde. Fast hatte sie Freude über das Unglück empfnnbeit, blos darum, weil es ihrem Schützling Gelegenheit gegeben, sich in so außerordentlicher Weise auszuzeichllen. Wie dankbar war sie gegen den Bruder, der ihre Winke verstallden, und der auch seillerseits ihren Schützling in Schutz genommen unb ihn allmählich so hoch hinauf gebracht hatte. Wie dailkbar war sie gegen die Brüder, welche das eigenrnächtige Thun Hascheies den: erzürnten Vater gegenüber rechtfertigteil, mtb wie dankbar gegen Pawel, welcher bei Gelegenheit der Geschichte voll dem ehrgeizigen Fischerweib ihrem Vater ben Unterschied zwischen diesem Weib und Leb so grülidlich anseillandergesetzt. Warum all' das l Das Alles wußte sie selbst nicht, sie hat auch noch nie darüber itad)= gedacht. Was sollte sie beitn daran wundern, daß sie Mitleid fühlte lllit einem armen Menschen und daß sie Freude empfanb darüber, diesen Menschen seinem Ullgtück nnb dem mühseligen Wanderleben elltrissell, eine Heimath ihm gegebell zu haben. Mit diesem schöllen Unbewußtsein ihres Genlüthszustalldes sollte es nun aber ein Ende haben. Ihr Gefühl sollte ans dem Schlummer gerüttelt werdell, es sollte erwacheli ans bein Traume, und siehe da, es erwachte, durch ben Heirathsantrag. Mit diesen Momente ist in dem Gefühlsleben dieses Mädchens eine wichtige Veränderung eingetreten; sie war bisher in ibrem Gefühlsleben unbehelligt; jetzt sollte sie einem Mann ihre Hand reichen, und sie tonnte es nicht, durchaus nicht, das fühlte sie, das wußte sie jetzt. Sie hatte gegen beit Mann, der ihr eingetragen wurde, allerlei einzuwenden, aber was sie auch gegen ihn vorgebracht, so klug war sie doch, sich einzugestehen, daß ihre Eillwendnngen viel zu unmei^ntlidi siltd, um einen so hartnäckigen Widerstand, wie sie ihn den entgegensetzte, zu begründen und zu erklären. Nicht diese .mm war es, den sie ausschlug und gegen beit sie einen imübemL mchen Widerwillen empfand, sonderll jeder andere Mmm würde von ihr ebeliso allsgeschlagen worden sein, sie hätte gegen jeden anderen denselben Widerwilleil eiupfunbeit, das sagte ihr das Her', unb dies sagte ihr nur hierrnit zugleich auch, daß es llicht mehr frei sei mtb wählen könne, sondern daß es gewählt habe. Sic ertappte sich förmlich ans