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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-04 · Heft 47 (4.12.1890) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 47 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
Seite 604 (sequence 8)
Language
German
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604 heit über Alles schätzte, wo ich sie erkannt hatte, so! nahm ich mir vor, ihr mit keiner Zeile und mit keinem Worte mehr abtrünnig zu werden; und wie groß oder gering mein Einfluß jemals werden könnte, ihn nie anders als im Dienste desjenigen zu verwenden, was mir Schönheit, Freiheit und Wahrheit hieß." In der That, ein stolzes Bekenntnis;, und man muß nun, wo das Leben, welches Fanny Lewald hieß, bereits seit einem Jahre ausgelebt ist, unumwunden zugestehen, daß sie dieses Versprechen sich und ihrer Nation treu gehalten hat. So ist dieser Vorgang typisch j für ihren menschlichen und litterarischen Charakter und nicht minder für die von ihr vertretene Litteraturgattung geblieben. Hatte die soziale Nothwendigkeit sie eigentlich in die Arena der; Litteratur getrieben, so war es klar, daß die erste Forderung, die sie j auf diesem Schauplatz vertreten würde, die Emancipation der Frauen sein mußte. Das gesteht sie auch sreimüthig ein: „Es ist, um gar keinem Zweifel über meine Forderung Raum zu lassen, es ist die 1 Emanzipation der Fra», die ich für uns begehre; jene Emanzipation, die ich für mich selbst erstrebt und errungen habe, die Emanzipation; zur Arbeit, zu ernster Arbeit. Und es ist der Arbeit außerhalb und j mehr noch innerhalb der Familie überall vollauf für die Frau vor- Händen, wenn man sie nur fähig macht zu begreifen, worin dieselbe besteht, und zu leisten, was sie als ihre Aufgabe erkannte." Nicht um ein Gegengewicht zu finden gegen die Langeweile einer vornehmen Existenz, sondern unter dem Druck des Lebens und in dem Bewußtsein ernster Pflicht wird sie Schriftstellerin, und auch nicht im Fliigelkleide der Unschuld, sondern in der Reife und auf der Höhe ihres! Lebens. So wird sie natürlich zur Wortführerin des Weibes, welches j aus den Fesseln seiner bedrückenden Existenz sich herauswinden will,! und führt das Wort für all' die Unterdrückten ihres Geschlechts. Es wäre aber ein großer Jrrthum, ivenn man ihre Forderung j nach Emanzipation der Frauen etwa mit dem Emanzipationsgeschrei! vergleichen würde, welches die französischen und juugdeutschen Schrift-! steller jener Epoche angestimmt haben. Sie will keine.Emanzipation des Fleisches, sondern des Geistes, keine Befreiung von dein Joche für den Genuß, sondern für die Arbeit. Und darin ist j sie ganz Jüdin in des Wortes edelstem Sinne! Bei ihr ist der Ruf nach Emanzipation kein Gefühlsraffincment, sondern vielmehr die Forderung eines großen Zeitproblems. Unermüdlich ist sie in dieser Forderung von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Auftreten. Ein; merkwürdiges Bekenntniß auch nach dieser Richtung hin enthält ihre Lebensgeschichte, ein Bekenntniß, das man verstehen muß, um ihr Leben und Schaffen aus dem richtigen Gesichtspunkte zu erfassen und zu begreifen: „Alles, was mir begegnete, was ich that und thnn mußte, war immer halb Nothwendigkeit, halb Freiheit, oder, >ven»! man so sagen kann, Freiheit in der Nothwendigkeit. Die Ereignisse,! die Personen traten ohne mein Zuthun an mich heran; nur das Erj fassen war freie Wahl aus innerer Nothwendigkeit. Das Erleiden; drängte mich zum Handeln, mein Thun wurde mir dabei zum Leide,! und ganz unmerklich wurde ich durch die natürlichsten Vorgänge; wrhalb des Familienlebens darauf hingeleitct, mir der Kraft bej werden, welche in mir schlummerte, während ebenso uatür- . stnisse mich abhielten, auf ihren Gebrauch zu verfallen, i 'cken und Beobachten, Erleben und Erleiden mir ein : rial zur Verarbeitung und ein bis zu einem ge-! '^iges Wesen erschaffen hatten." Hier haben wir 'd, die Verstandesschärfe, aber auch zugleich; " und objektive Beobachterin ihres eigenen j ^beirs, die niichternc und doch tief; <Schluß folgt.) -»--E Feuilleton. Der unbekannte Gast. Eine Geschichte von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Ter Vater hätte gern die Meinung der Brüder als eine direkt ausgesprochene mit seinem eigenen Willen vereinigt, der Tochter gegenüber zu seinen Gunsten in die Wagschalc geworfen, und war ärgerlich darüber, daß ihn die Söhne bei dieser wichtigen Angelegenheit, wo er so fest auf sic gerechnet, im Stich ließen. Die Schwester hinwiederum fand sich in ihren Hoffnungen, getäuscht, wenn sie eine offene Unterstützung von Seiten ihrer Brüder dem Vater gegenüber erwartet hatte. Bei aller Theilnahme, die sie für ihr Herzleid an den Tag legten und auch wirklich hatten, dahin waren sie doch nicht zu bringen, die Sache der Schwester zu der ihrigen zu machen und sie dem Vater gegenüber als eine gerechte Sache zu vertreten, ein Dienst, der dem Mädchen so naturgemäß erschien, daß sie sich über die Unterlassung desselben nur verwundern konnte. Von allen drei Brüdern erschien ihr der jüngste der räthselhafteste, der unbegreiflichste. Huschele ging nicht mit ernster Miene umher, wie die beiden älteren Brüder, denen die Sache am Herzen lag, sondern er lachte immer in sich hinein, und wenn ihn die Schwester ansah, so schien es ihr, als ob er sie auslachen würde, was sie doch wieder von seiner Gutmüthigkeit nicht glauben konnte. „Sic verstehen mich Alle nicht!" — rief sie da in ihrem Unmuth. Rachele hatte in frühester Kindheit die Mutter verloren. Sie war zu jung, um den schweren Verlust ganz zu begreifen, und doch schon alt genug, um nicht zu merken, daß eine wichtige Veränderung im Hanse vorgegangen sei; zu jung, um sich dem Schincrzc ganz hinzugeben und doch wieder alt genug, um die Lücke nicht zu fühlen, die Leere nicht zu empfinden, welche in ihrem Herzen zurückgeblieben war. Auch sah sic die Traurigkeit des Vaters und der älteren Geschwister und dies machte sie selbst traurig und trübe; sic sah aber auch, wie, nachdem die tobte Mutter weggetragen war, Alles seinen alten Gang fortging und nichts im Geschäftsgänge des Hauses anders wurde; wie die Bauern in die Schänkstube kamen, und wie man ihnen Branntwein einschünkte, heute wie gestern und vorgestern, da die Blatter noch am Leben war, wie der Vater und die älteren Brüder an ihre Arbeit gingen nach wie vor, und so lernte auch sie sich in die Umstände fügen. Sie hatte damals noch einen Lehrer, einen sogenannten „Bocher", der sie und Haschelc in den Elementar-Kenntnissen unterrichtete, so lernte sic denn gemeinschaftlich mit Haschelc nach wie vor täglich ihr Stück aus dem „Lickers" (Gebetbuch) und malte auf einen großen Bogen Papier krause Figuren und Symbole, was der Lehrer „Jüdisch-Schreiben" hieß. Nach und nach wurden die Lektionen, in denen ihr die Weisheit portionenweise mitgetheilt wurde, ihr sowohl als Haschelc langweilig; die beiden Zöglinge schenkten dem Lehrer immer geringere Aufmerksamkeit und suchten allerhand Vorwände, um seinen Belehrungen soviel als möglich sich zu entziehen. Je mehr Ungeduld sie bei diesen theoretischen Geistesübungen verriethe», mit desto größerer Vorliebe konnte mau die beiden Kinder sich den praktischen Bedürfnissen und Geschäften des Hauses zuwenden sehen. Rachele war ganz glücklich, wenn sie in der Küche der Köchin irgend einen Dienst abnehmen konnte, ebenso war Haschelc nur auf dem Hofe und in der Brennerei in seinem Element und zeigte sich den älteren Brüdern höchst dankbar, wenn sie ihn da und dort zu irgend einem kleinen Geschäft zuließen. Diese Richtung auf das Praktische sprach sich mit jedem Tage offenkundiger aus, und der Randar hätte müssen keine Augen zum Vergleichen haben, wenn

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