Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- Seite 603 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227873--47542-3269070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
603 zuheben, schließlich die letzte Konsequenz zu ziehen — das ist wahrlick nicht der Frauen Element. Fanny Lewald besaß aber gerade diese Eigenschaften des Scharfsinns, der Zähigkeit im Denken wie im Handeln und der Konseqenz. Sic hatte eine durchdringende Verstandesschärfe; es lebte in ihr etwas von dein „Vernunftbednrsmß" Kants, die endlose Reihe der Erscheinungen unter dem Gesichtspunkt eines unendlichen Zusammenhangs zu betrachten. Bon diesem Gesichtspunkt aus sah sic die Welt an; Freiheit, Pflicht und Zweckmäßigkeit waren daher auch ihr die Zentralideen der Vernunft. Aber der würde die Schriftstellerin falsch beurtheilen, der sic um dieser Eigenschaften willen etwa einen „Verstandesmenschen" nennen würde, d. h. nach modernen Begriffen einen solchen, bei dem das Gefühl bestimmt hinter die Denkthätigkeit zurncktritt. Nein! Neben der Gabe, die Dinge dieser Wirklichkeit scharf und richtig anfznfassen und sich überall leicht und schnell zu orientiren, besaß sie auch ein reiches Gemüth, welches sich in entscheidenden Momenten für die erhabensten und edelsten Ideen begeistern konnte. Nur daß sic ihr Gefühl selten oder nie zu Handlungen fortriß, die eine ruhige Prüfung nicht nushalten, und daß sie ihr subjektives Empfinden meist den Forderungen und Ueberzeugungen des prüfenden Verstandes unterzuvrdnen wußte. Sic hatte ein feines Empfinden für alle höheren Gefühle, sie wußte dies abcr mit dem Streben zu verbinden, sich über die in diesen Gefühlen enthaltenen Idee» durch reifes Nachdenken die größte Klarheit zu verschaffe». Es lag, wie gesagt, in ihr viel von dein jüdischeil Naturell, ivelches die tropische Wärme des Enthusiasmus mit der Eisregion der Verstandesschärfe von je tvirksam zu verbinden wußte. Diese beiden Vorzüge: Verstandesschärfe und Enthusiasmus, treten auch in ihren Werken am deutlichsten hervor; sic bedingen ihre Vorzüge und Fehler in gleicher Weise. Daneben aber haben wir noch eine andere Eigenschaft bei Fanny Lewald besonders rühmend hervorzuheben: sie war gut; nicht etwa gutmüthig, aber gut im Goethe'schen Sinne. Durch heißes Kämpfen und Ringen hatte sie sich im ethischen Sinne zu einer harmonischen Persönlichkeit ausgebildet. Sic besaß die hohe Tugend der Wahrhaftigkeit und der Gewissenhaftigkeit. Sic war also das, ivas aus der ethische» Persönlichkeit mit Nothwendigkeit hervorgeht: ein Charakter im wahren Sinne des Wortes. Nicht nur für ihre Umgebung; für ihr Geschlecht, ja für ihre Zeitgenossen war sie ein leuchtendes Beispiel, wie ein Mensch durch ehrliche Arbeit an sich selbst sich zu einem ethischen Charakter ausbilden kann. Auch sic hatte wohl mit ihren Leidenschafteil zu kämpfen, auch sie hatte Steigungen und Begierden zu unterdrücken, auch bei ihr behielt der Verstand in jungen Jahren nicht innncr die Oberhand, und ein heißes Ringen entstand gar oft zwischen diesem und ihren Gefühlen. Im reiferen Lebensalter war sie aber ganz von der Idee des Wohlwollens erfüllt, des Mitgefühls für das Wohl und Wehe ihrer Freunde, ihres Geschlechts, ja der ganzen Menschheit. So machte sie eigentlich alle Lehrbuchpsychologie zu Schanden, indem sic Denken, Fühlen und Wollen in sich selbst zu einer seltenen Harmonie zu vereinigen wußte. Wer Wohlwollen hat, besitzt auch Gcmüth, uird Fanny Lewald besaß eine warme Empfindung für jedes individuelle und allgemeine Leid; sic suchte zu helfen, zu rathen und zu trösten, wo und tote sic konnte; ihre Gesammterscheinung ivar somit in jedem Sinne eine erfreuliche, harmonische und wohlthnende. Sie war vielleicht die beste Schülerin Kant's, die je gelebt hat. Viele von diesen persönlichen Eigenthümlichkeiten und Charakterzügen prägen sich auch in ihren litterarischen Schöpfungen aus, aber nicht alle. Zunächst tritt hier, in ihrer ersten wie in ihrer zweiten Epoche, ihre eigenthümliche Verstandesschärfe hervor, die in einer Zeit, wo die Phantasie ans dem Gebiete des Romans ihre wildesten j Orgien feierte, ein sehr wirksames Gegenbild schuf. Es ist interessant,! in ihrer Lebensgeschichte nachzulesen, wie Fanny Lewald zur Schriftstellerin wurde. Ihr Vetter August Lewald hatte einzelne Privatbriefc von ihr in seiner Zeitschrift „Europa" ohne ihr Wissen abgedruckt; dairn hatte sie die Briefschaften und Skripturen aus dem Nachlaß seiner Mutter geordnet und dadurch einen Einblick in ein interessantes Familienleben gewonnen. Ihre Worte und Gedanken sahen sic zum ersten Mal auf dem weißen Papier mit den schönen schwarzen Lettern und in Gesellschaft mancher bekannter Schriftstellernamen fremd aber sehr vornehm an. Es war ihr, als befände sie sich plötzlich in kostbarer, verschönernder Kleidung in einem prächtigen Saale, von verehrten Menschen gütig anfgenonimeu. „Es that mir äußerst wohl!" schreibt sie »och vierzig Jahre später in der Erinnerung au jene Zeit; aber dennoch ließ sie es sich keineswegs beikommen, daß sie de» Beruf zum Schreiben habe. Erst der trübe Gedanke, in dem Kreise einer harmonischen Familie ein Mitglied zu zählen, das sich mit demselben nicht mehr im rechten und vollen Einklang befand und es doch nicht über sich gewinnen konnte, dasjenige aufzugeben, was sich nicht in den Sinn der Gesanimtheil eiufügeu ließ, erst dieser Gedanke brachte sic auf die Idee, sich durch ihre litterarische Arbeit selbständig zu machen. Es ist dies ungemein charakteristisch für die andere Seite ihres Empfindungslebens. August Lewald hatte eine Skizze, die sie über die Königsberger Huldigungsfeicrlichkeiteu ihm schickte, einfach äbgedruckt und darauf an ihren Vater geschrieben: „Fanny hat ein so entschiedenes Talent der Darstellung, daß ich nicht begreife, wie sie nicht von selbst darauf gekommen ist, sich mehr barin zu versuchen. Sie ist ohne Frage eine dichterische Natur, und es wäre nicht zu verantworten, wenn sie eine solche Begabung nicht benutzte und ein Feld brach liegen ließe, von dem sic für ihre Zukunft gute Früchte ernten könnte." Als Fanny diese Worte las, stieg ihr das Blut vom Herzen schnell und warm zu Kopfe. „Ich sah meinen Vater an; er mochte mir die Freude von den Augen ablesen. Ja! das war cs! Das konnte mir helfen! Es war mir ein Blick aus der Wüste in das gelobte Land, es war eine Aussicht auf Befreiung, es war die Verwirklichung eines Gedankens, die Erfüllung eines Wunsches, die ich mir einzugestehen nicht getraut hatte. Mir ivar zu Mnthe, als wären mir Flügel verliehen!" Und nachdem sie die Erlaubnis; des Paters erhalten, nimmt sie sofort ihr grünes Maroquinbuch aus der Schieblade hervor, in welcher cs seit sechs Jahren aufbewahrt lag. Mit goldenen Buchstaben stand darauf gedruckt das Wort: „Erlebtes!" Also zunächst die Lebensgeschichte. Tagelang müht sic sich nun ab, aus dieser Lebens- und Bildungsgcschichte das Beste und Reifste hcrauszunehmcn: aber bald erscheinen ihr alle diese Anfänge so unbedeutend, so gänzlich nichtig, daß sie darüber lachen muß. Vor lauter Wollen bringt sic nichts zu Stande. Kaum hat sie sich eine kleine Fabel ausgedacht, so fällt ihr eine andere ein, die ihr hübscher erscheint, und fängt sic diese z» schreiben an, so sagt sie sich: Wie dumm und nichtig ist das Alles gegen den „Wilhelm Meister", gegen die „Wahlverwandtschaften", gegen Sand und Balzac, gegen Bulwer und Walter Scott! Nein wie so viele andere Schriftsteller und Schriftstellerinnen wollte sie nicht werden. Die Verlockung aber ist zu spinnt sic sich in einen Traum ein, indem Märchen" gestaltet. Mit diesem Bekenntnis erste Zeit ihres litterarischen Schaffens r" wußtes .hineindämmern in die Zaub eine große Vorstellung von der M seines Volkes und von der Genw Menschen, llnd weil ich die"