Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- Seite 602 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227873--47541-3269069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
602 Aber die Energie Ignatz Kurandas und seine Vertrautheit j mit dem Geiste und mit der Geschichte des Judenthums erfochten! den Sieg in dem Kampfe, welchen diese Partei gegen den Vorstand; führte. Seine Repliken mußten die Staatsbehörde, an welche die ' Orthodoxen sich wendeten, alsbald überzeugen, daß in den getroffenen j synagogalen Modifikationen — es handelte sich um die Restriktion des : lauten — keine Ursache gelegen ist, eine Trennung zuzulaffen,! insbesondere da diese, nach keiner Richtung die Gefühle verletzende j Aenderung nur für die beiden Gemeinde-Bethauser gilt, wahrend 1 alle übrigen nach wie vor auf ihrer llebung beharren können. Das konziliante Wesen Kurandas zeigte sich auch hier in seiner glänzenden Gestalt. Trotz dieses in allen Instanzen errungenen Sieges und ohne von der Bahn seiner fortschrittlichen Prinzipien auch nur mn Haaresbreite zu weichen, wußte er die orthodoxe Partei für sich zu gewinnen und so Frieden in der Gemeinde zu halten. Es war dies nicht das : geringste Verdienst Kurandas um die Gemeinde. ' Dieser Gemeindefriede führte jedoch nach seinem Tode zur Herri schaft der — Opportunität. Hinc illae lacrimae. Hier liegt die Krankheit der Zeit, das schwere Hebel, aus dem herauszukommen mit Schwierigkeiten verbunden ist. Die Opportunität ist im Grunde genommen nichts Anderes, als i die Prinzipienlosigkeit zum Prinzip erhoben. Die Opportunität ist die Verkörperung desjenigen, was Graf > Coronini in unserem Abgeordnetenhause so treffend „traffico di j luogo“ nannte. Sie hat es allen Strebern möglich gemacht, an die! Oberfläche zu kommen. Objekte für allfüllige Tauschgeschäfte lassen j sich leicht finden; heute mir — morgen dir. Die wichtigsten Inter- 1 essen werden nicht selten preisgegeben, wenn es gilt, Jenmndem ge-; fällig zu sein, von dem man erwartet, daß er auch — und sei es; selbst nur bei den Wahlen — sich wieder gefällig erweisen wird. In unserer Liturgie haben wir eine Segensspende für diejenigen, j welche im öffentlichen Amte treu und selbstlos sich bewähren; was! gebührt denen, welche das Wohl der Gemeinde um das Linsengericht; einer eventuellen Wahl leichterdings preisgeben'!'! Der Opportunismus hat, wie alles Böse, auch weiteres Böse gezeitigt. j Das Verhältnis; des Borgesetzten zum Untergebenen ist vollj ständig gelockert. In der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten erscheint es mehr als sonst dringend geboten, daß deren Vorstände in den Styx rigo- ' rosester Pflichterfüllung getaucht seien, weil im andern Falle die; ihnen unterstehenden Organe, durch das Beispiel animirt. es auch an dem nöthigen Pflichtbewußtsein fehlen lassen, wenn sie nicht gar; arger Pflichtverletzungen sich schuldig machen. Es zeigt sich dies hier in mannigfacher Beziehung. Am grellsten tritt dies bei den Wahlen zuin Vorschein. Gegen alle Gebote der Disziplin und des Anstandes nehmen Funktionäre der Gemeinde an der wildesten Wahlagitation offen Theil und scheuen sich nicht, Partei gegen und für die zu Wühlenden j zu ergreifen. Welches Berhältniß sich auf diese Weise zwischen Vor- ■ stand und Angestellten herausbildet, ist leicht zu ermitteln. In der; That kursiren in dieser Richtung gar manche Mittheilungen, welche 1 — so unglaublich sie auch klingen mögen — doch wahr sind. Auch an einem jüdischen Stöcker fehlt es in diesem Schauspiele . nicht. Doch darüber in einem eigenen Schreiberl. U Fanny Kernald. Bon Gustav Karpeles. Einen Jmmortellenkranz und ein frisches Lorbeerreis lege ich im Geiste auf den Grabhügel von Fanny Lewald am I a h r z c i t s t a g e ihres Todes; den Jmmortellenkranz der treuen Gönnerin und Freundin, den wohlverdienten Lorbeer der ausgezeichneten Schriftstellerin, die fast fünfzig Jahre rastlos und unermüdlich geschaffen und gearbeitet hat. Keine Lebensschilderung, sondern nur eine litterarischc Charakteristik der Verstorbenen will ich heute und hier geben, nur eine» schlichten Kranz persönlicher Erinnerungen und einige flüchtige Benicrkuugen über ihr geistiges Schaffen. Die Biographie von Fanny Lewald ist ja wohl auch zur Genüge bekannt; sic selbst hat in ihrem Buch: „Meine Lcbensgeschichtc" mit einer gerade für eine Frau bewundernswürdigen Objektivität und mit rückhaltloser Offenheit die erste Hälfte ihres Lebenslaufes beschrieben, Fanny Lewald wurde in Königsberg im Jahre 1811 geboren und lebte etwa seit 1840 in Berlin, Eine platonische Jugendschwärmerei für einen Kandidaten der protestantischen Theologie führt sic zur Taufe, Aber freimüthig erklärt sie später, das; das Bekenntnis,, welches sie dabei Hütte ablegen müssen, die „einzige groffe Lüge ihres Lebens" gewesen sei. Das ist der äußere Rahmen ihres Lebens. Die llebersiedelung nach Berlin, die zugleich für sic damals eine Selbständigmachung bedeutete, bildet den ersten Einschnitt in ihrer Lebensgeschichte, die Bekanntschaft mit Adolf Stahr den zweiten, nicht minder wichtigen. Demgemäß würde ein künftiger Biograph drei Epochen in ihrem Leben abzugrenzen haben: die erste etwa bis zum Jahre l840, die „Leidensjahre", wie sie selbst gesagt, d, h. die Jahre des Kämpfens und Ringens mit der Liebe und um die Selbständigkeit; dann die zweite Epoche, in der Fanny Lewald zur Schriftstellerin wird und in welcher sic für die Emanzipation der Frauen mit aller Kraft ihres Geistes cintritt; endlich die dritte, die sie auf den Höhepunkt ihres Schaffens führt und zur hervorragendsten Vertreterin des deutsche» Frauenronians der Gegenwart macht. Eine Reise nach Italien und die Bekanntschaft mit Professor Adolf Stahr bildet den Wendepunkt dieser Entwickelung, die für Fanny Lewald von den wichtigsten Folgen lvar. Die Vermählung mit Stahr (1855) erweiterte ihre» geistige» Horizont, vertiefte ihre Bildung und übte einen niächtigen Einfluß auf ihr ferneres Schaffen aus. Wer Fanny Lewald persönlich einmal näher getreten ist, weiß diesen Einfluß gebührend zu würdigen: es war in der That eine Jdealehe, wie sie selten vorkonnnen mag. Und mit einer rührenden Treue lebte Fanny Lewald fast ausschließlich nur noch der Erinnerung an ihren Gatten in den letzten dreizehn Jahren nach seinem Tode. Freunde des Hauses wissen von dieser Treue viel zu sagen. Sie machte eine überaus wohlthnenden und sympathischen Eindruck, weil sie eigentlich den wirksamsten Gegensatz bildete zu jener Eigenschaft, die man gewöhnlich und mit Recht als die Haupteigenthümlichkeit ihres Geistes anzusehen gewöhnt war. Fanny Lewald hatte nämlich viel Verstand, unheimlich viel Verstand, möchte ich sagen, für eine Frau. Sie stammte aus der Stadt der reinen Vernunft, war eine Jüdin von Geburt und durchaus von jenem scharfen, nüchternen Denken beherrscht, welches ja wohl das charakteristische Merkmal des ostpreußischen und auch des jüdischen Temperaments ist. Wenn man die Vernunft sehr richtig als das Vermögen bezeichnet hat, ganze Massen der Verstandeserkenntnisse einem gemeinsamen Gesichtspunkte zu unterwerfen, so muß jeder Kenner der Psyche des Weibes zugestehen, daß dieses Vermögen nicht gerade zuerst im weiblichen Geiste begründet liegt. Die Fähigkeit, rasch zu denken, scharf zu trennen, zu ersetzen und zu kombiniren, den Mittelpunkt herauszufinden, Analogien aufzustellcn und Unterschiede hervor