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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-04 · Heft 47 (4.12.1890) · p. Seite 601

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 47 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
Seite 601 (sequence 5)
Language
German
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601 Charakter hat neben dem Oberkirchenrath und der in größeren Zwischenräumen zusammentretendeu General-Synode die Institution der Provinzial- und Kreis-Synoden, in denen wiederum jede einzelne Kirchengemeinde vertreten ist. Neben dem in Berlin domizilircnde» Ausschuß des D. I. G. B. müssen durchweg Provinzialbezw. Baudes- Verbände vorhanden sein, welche verbreitende und ausführende Organe des Bundes sind. Jede Gemeinde, welche dem Bunde beitritt, will eben nicht nur mitthaten (zählen), sondern auch mitrathen. Wenn ungeachtet dessen eine größere Anzahl Gemeinden dem Bunde beigetreten sind, so ist dies mehr eine Rücksicht der Etiguette, als eine Anerkennung des eingeschlagcnen Weges gewesen/) Ein wohlorganisirter Bund könnte allerdings ungemein Ersprießliches für die deutsche Judenheit leisten; ein solcher brauchte selbst nicht ängstlich vor religiösen Fragen stehen ,;u bleiben; den» was anderes ist denn die deutsche Judenheit, als die Religionsgenosscnschaft deutscher Indens lind so inöchte ich zum Schluß nur noch meine in Nr. 30 dieses Blattes ausgesprochene Bitte wiederholen, nach den augedeuteten Gesichtspunkten auf eine einheitliche gesetzliche Regelung der äußeren Gemeinde-Perhältuissc der Juden in Preußen Hinzuwirten.? Wiener Briefe. IIP T. Der Werdeprozeß der nunmehrigen israelitischen Gemeinde in Wien erhielt seinen Abschluß mit dem Momente, als die von der Regierung in den fünfziger Jahren bewilligten Statuten den Rahmen für ihre Organisation schufen. Alles, was bis dahin geschah, hatte einen nur propädeutischen Charakter: es zielte dahin, die Bedingungen für die Existenz der Gemeinde sicher zu ftcflen. Erst die Bollendnng ihres tonzentrischen Aufbaues auf Basis statutarischer Bestiunnungen laßt uns die Gemeinde in ihrer vollen, lebenskräftigen Gestalt erscheinen. Fortan war es nur „der Herren eigener Geist", welcher in der Gemeindephysiognomie zur Anschauung gelangte. Das von den erhabenstell Ideen und von den humanstell Grundsätzen inspirirte Walten Mannheimers,- das vornehme Wesen W e r t h e i mst e i n s, die Schaffensfreudigkeit W e r t h e i m e rs, der konservative Sinn Königswarters, der politisch geschürfte, weitgehende Blick Knrandas: sie Alle ließell unverkennbare Spurell der sic beherrschendell Ideen zurück: ihr Gepräge trat im Gehaben der Gemeinde nlarkant hervor. ') Wir können obige Ansicht nicht unwidersprochen lassen. Der Berfasser scheint sich eine ganz eigenartige Vorstellung von dem Gemeindebund und seiner Organisation zu machen. Nach seinen Worten mochte es scheinen, als sei der Bund Dou seinem „in Berlin domizilirenden Ausschuß" begründet worden und habe dann die deutschen Gemeinden zum Beitritt aufgefordert; thatsächlich ist es so gewesen, daß diejenigen deutschen Gemeinden, welche die Nothwendigkeit einer Kontrole erkannt hatten, auf Anregung von Dresden, Leipzig, Nürnberg und Breslau zusammentraten und sich zu einem Gemeindebund konstituirten. Die Organisation des Gemeindebundes ist nicht ein Wert des Ausschusses, sondern der von Gemeinden beschickte Gemeindetag, uitb es ist nicht zulässig, jetzt nachträglich einen künstlichen Gegensatz zwischen den Gemeinden und dem Ausschuß, der von deren Vertrauen getragen ist, zu konstruiren. Sollten unter den 450 Gemeinden, welche sich dem Bunde angeschlossen haben, einige dies wirklich nur aus Etiguette gethan haben, so wäre dies ein bedauerliches Zeichen dafür, daß diese Gemeinden den wahren Werth des Zusammenschlusses zu einem Bunde noch nicht erkannt haben. Auch die Vergleichung des Gemeindebnndes mit den Synoden zeugt von einer VerkennlUlg des Wesens wie der Wirksamkeit der Vereinigung. Die Redaktion. Tie für nahezu sämmtliche israelitischen Gemeinden Oesterreichs imb für viele des Auslandes als Muster dienenden synagogalen, Humanitären und zum Theil auch administrativen Einrichtungen der hiesigen Gemeinde sind auf die zielbewusste Organisation zurückzuführen, welche derselben Mannheimer zu geben wusste. Der Zauber, welcher seine ganze Persönlichkeit umfloß, sein nur die Wahrheit verkündendes Wort, sein jeben Eigennutz ausschließendes Wirken eroberten ihm alle Herzen, und vertrauensvoll überlies; man ihm jede organisatorische Thätigkeit. Der Befähigungsnachweis hierfür lag auch in dem ihn bei Allein und Jeden; leitenden Zielbewusstsein. Er war glücklicher als Moses; sein Wort genügte, mn Goldquellen für die beabsichtigten Zwecke reichlich fließen zu lassen. Es lebt noch in Erinnerung, mit welcher Leichtigkeit es ihm gelang, die Kapitalien zur Erbauung des Taubstlmunen - Institutes, der Kinderbewahr-Anstalt, zur Aegnirirung eines Friedhofes u. s. w. zu beschaffen. Das große Ansehen, dessen sich unsere Gemeinde inneruub außerhalb der jüdischen Kreise zu erfreuen hatte, füllt in die Zeit, als Leopold Edler von Wert he imstein das Präsidium inne hatte. Hochintelligent, vornehm, der Abstammung von Samson Wertheimber sich berühmend, galt ihm das Ansehen und die Würde der Gemeinde über Alles. Unter seiner Führung wurden die Schritte zur Erreichung der Gleichberechtigung der Juden unternommen. Unvergessen ist es, daß, als es sich um die Wiedererlangung der Besitzfühigkeit der Juden handelte unb diesfalls an den Thron herangetreten wurde, Wertheimstein, übermannt von dem bitteren Gefühl, das in ihm die bestehenden Ausnahmegesetze Hervorrufen mussten, bei seinem Bortrage in Thronen ausbrach. Welche Wirkung diese Szene auf den edlen Monarchen machte, ist leicht zu ermessen. Selbst allen Anregungen zugänglich, welche das Edle, Schöne und Gute zum Ziele hatten, verstand es Josef Ritter von Wertheimer, auch anregend ans die Gemeinde zu wirten. Diesem Umstande sind die herrlichen, die Geineinde ehrenden Humanitären und das Interesse der Juden fördernden Institute und Institutionen zu danken, welche mit seinem klangvollen Namen in Verbindung stehen. Seine leiste Schöpfung ist die israelitische Allianz in Wien, der wir eilte eigene Behandlung zu widmen gedenken. Als suprema lex galt in Wien immer. Jeden nach seiner Faeon seine religiösen Einrichtungen treffen zu lassen. Die Orthodoxen konnten jederzeit ihrer Richtung unbeirrt folgen, und nie ist ihnen ein Hinderniß in den Weg gelegt worden, wenn sie zur Befriedigung ihrer religiösen Sonderbedürfnisse eigene Verfügungen trafen, ^a, man kam ihren Wünschen thuulichst entgegen. Dagegen wachte mau mit Argnsangeu darüber, daß die Orthodoren, wie sie es immer inlendiren, nicht den Zirkel stören, den der Gemeindevorstand im Interesse des Ansehens und des Fortschrittes des Judenthnms und der Gemeinde gezogen hatte. Insbesondere trat man allen Bestrebungen entgegen, welche dahin zielten, den Separatismus in der Gemeinde herbeizuführen und der konfessionellen Schule den Boden zu ebnen. Der edle und scharfsinnige Jonas Freiherr von Königswarter, wenngleich von den eben be- und gezeichneten Intentionen beseelt, neigte doch mit seinen Sympathien zu der orthodoren Partei, und dieser Neigung ist es zuzuschreiben, daß dieselbe einiges Fahrwasser erhielt. Sie wurde ein Faktor, mit welchem man rechnen musste. Rührig, wie sie ist, ließ sie dies auch fühlen. Bekannt sind ihre vielfachen Bemühungen, eine Gemeinde in der (Gemeinde Hilden zu wollen.

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