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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-04 · Heft 47 (4.12.1890) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 47 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
Seite 599 (sequence 3)
Language
German
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599 zeit auch richtig angewandt oder verstanden wurden; man kann darüber streiten, ob viele äußere Vorschriften der Bibel eine erziehliche Bedeutung haben, oder nicht; aber so viel steht fest, daß man über das, was bei der Erziehung anzustreben sei, eine bessere und vollständigere Belehrung, als die, welche die Bibel darbietet, nicht zu suchen brauche und auch dies steht fest, daß man einen einfacheren und natürlicheren Weg, als denjenigen, welchen sie darbietet, wohl nirgends antreffen dürfte. Es herrschen, das läßt sich nicht verkennen, über das eigentliche Wesen der Erziehung sehr abweichende Meinurigen und, das laßt sich nicht leugnen, mitunter auch sehr irrige Vorstellungen. Es hieße unseren Zeitgenossen Unrecht thun, wollte man nicht zugestehen, daß alle bemüht sind, auch in dieser Beziehung den gewaltigen Kulturfortschritten, welche unsere Zeit auszeichnen, Rechnung zu tragen; ja uian darf sogar einräumen, daß viele derselben das Bestreben haben, geradezu an der Spitze der Eivilisation einher zu ziehen. Der Fehler liegt nur darin, daß sie für das Geeignetste zu diesem Zwecke halten, sich von dem Früheren loszusagen und das Alte als nicht mehr geeignet von sich abzuschütteln. Nun ist es zwar sicher, daß es nicht die Aufgabe der Menschheit sein kann, in alt überlieferten Formen zu erstarren, allein ebensowenig ist es möglich, das Neue festzustellen ohne die Grundlage des Alten. Ein berühmter jüdischer Philosoph antwortete, als er aufgefordert wurde, seine Religion zll verlassen und zum Christenthum überzutreten Folgendes: „Da der jüdische Glaube selbst nach denl Gestündniß der Ehristen das unterste Geschoß ist, worauf das Christenthum als das obere ruht, so ist es ebenso viel, als ob man Jemandeil! zmnuthen lvollte, das Erdgeschoß abzubrechen, um sich im zweiten Stockwerk ansässig zu machen." lind er fügte hinzu: „Solange als nicht Gott vom Berge Sinai eben so feierlich unser Gesetz aufhebt, als er es (unter Donner und Blitzj gegeben, das ist bis zum Nimmertage, sind lvir daran gebunden." Diese Aussprüche verdienen in Erinnerung gebracht zll lverdell, denn sie zeigen, auf welchem Wege mall die Jrrthümer vermeiden kann, in welche nlan durch imausgesetztes Streben llach bem Neuen nur allzu leicht gerathell kann. Es ist ja allgemein bekanilt und auch durch die Statistik bezeugt, daß wir Juden in unserem Bildungsstreben rühnllichst lllit allen anderen Völkern wetteifern. Dies geht vornehmlich aus der Thatsache hervor, daß unter den Schillern — ulld auch Lehrern an allen höheren Lehranstalten faft in allen Ländern ein großer Prozentsatz bem jüdischen Glaubensbekenntnis; angehört. Was Edoilard Drumont in seinem „La France Juiveki davoll zll erzählen weiß, das verdient bemerkt zu werden, und mit dem steht. m Parallele die Thatsache, daß unter den gesummten Universitätslehrern Deutschlands nahezu ein Viertel Juden sind. Alan kann dies benutzen zur Illustration des bekannten Ausspruches: Jedes Land hat die Judell, welche es verdient. Wenn dieser Satz auf das delltsche Land unb Volk angewandt wird, dann kann ihm derselbe wahrlich nur zum Ruhme gereichen. Denn wem anders ist dieser Bildungselfer unter den ihm allgehörenden Juden zuzuschreiben, als der Anregung, welche der unsterbliche Geistes- und Wissensruhm der deutschen Station demselben giebt. Nicht immer war dies so. Es hat Zeiten gegebell, wo die deutschen Juden an Bildung und Kultur hinter ihren Glaubensgenossen in westlichen Ländern ebenso zurückstanden, wie gegenwärtig viele derselben im Osten gegen uns. Dies beweist, welche Macht jederzeit eine roahre Kultur hat, wenn sie ihre Aufgabe nicht darin sieht, Andere voll ihrer heilsamen Wirkung auszuschließen. Jndenl aber Wissenschaft und geistiges Leben heutzutage eine so großartige Ausdehnung gewonnen haben, sind viele geneigt, in der Pflege desselben das eigentliche Wesen der Erziehung zu erblicken, ja sie glauben in der Erlangung ihrer geistigen Bildung ein Vorrecht zu besitzen, welche sie ermächtigt, sich über manche Anderen zufallende Gebundenheit sich zu erheben. Es ist nun nicht zu leugnen, daß iit der Erlangung wissenschaftlicher Bildung die Quelle auch äußerer Vortheile gelegen ist, und daß dies mit ein Grund ist, warum sich viele derselben zuwenden. Denn Wissenschaft ist Macht nach dem Ausspruche des großen Erfinders der Jnduktionsmethode. Jndessell wäre es übel angebracht daraus, zu schließen, daß das Bildungsbedürfniß auf die Erlangung solcher Vortheile gerichtet ist. Eine auch nur oberflächliche Betrachtung der Geschichte zeigt, daß wir Juden zu allen Zeiten die größten Opfer gebracht haben, um die geistigen Errungenschaften der Vorfahren oder anderer Völker uns anzueignen. Nichts bezeichnet besser den Werth, welchen jederzeit das Judenthum der Bildung in rein weltlichen Wissenschaften beigelegt hat, als die Thatsache, daß dasselbe allen denjenigen, welche sich durch wissenschaftliche Leistungen auf irgend einem Felde hervorgethan haben, auch seinerseits die Würde eines „Doktors der Theologie" (Morenu) verliehen hat. Dennoch läßt sich nicht leugnen, daß manche nicht ungegründete Vorwürfe gegen dasselbe von den Gegnern hier und da erhoben werden. Daß man von den Gegnern lernen müsse, das haben schon die alten Römer gewußt und mit Vortheil angewandt, und so wollen auch wir zugeben, daß eine gewisse rein äußerliche, einseitige und oberflächliche Auffassung über das, was Erziehung und Bildung bedeute, häufig bei uns zu finden ist. Ganz und gar läßt sich als das Wesen dieser Vorwürfe erkennen und in ihrer Gesammtheit dahin zusammenfassen, daß bei uns eine übertriebene Werthschätzung dessen, was man als „modernes Wesen" am besten bezeichnet, nicht selten oder gar häufig vorzukommen pflegt. Aus diesem Grunde jedoch eine Anklage zu erheben, erscheint uns um so weniger berechtigt, als es in der Natur des Menschen liegt, daß der übertriebene Eifer für eine als gut erkannte Sache zu einer Ueberschreitung oft in das gerade Geaentheil führt. So haben wir es auch bei andern Völkern gesehen, daß der übertriebene Eifer für die Kirche sie zu den heftigsten Ausbrüchen des Fanatismus veranlaßte, welche doch geradezu im vollsten Gegensätze gegen die Religion stehen; und desgleichen erzeugt die übertriebene nationale Leidenschaft und Begeisterung die tauben Nüsse des Chauvinismus und des Jrredentismus. und so ließen sich viele andere Beispiele anführen. Richtig ist, daß die Pflege der Wissenschaften, Künste, modernen Sprachen, Musik, Leibesübungen, sowie die Gestaltung der Lebensführung und der Umgangsformen nach den Anforderungen der Gegenwart noch keine Ersatzmittel sind für die eigentliche Erziehung, bei welcher es vielmehr auf Herzensbildung und Charakterveredlung ankommt. Denn alle die Vorzüge, welche die geistige und gesellschaftliche Hochstellung schafft, führen ihrer Natur nach zu falschem Hochmuth und zur Selbstüberhebung, wenn ihnen nicht durch die Bekanntmachung mit den Herzenspflichten und durch die Erweckung edler Gefühle ein Gegengewicht geschaffen wird. Diese aber tonnen, so sehr auch der Einfluß der Wissenschaften auf die Veredlung des Geistes anzuerkennen ist, doch nur durch die eigentliche Erziehung, durch die unmittelbare Einwirkung des Beispieles und der Belehrung in der Familie herangebildet werden. Und darum hat das Judenthum sich seiner Erziehungsgrundsatze, die es durch die Bibel erlangt hat, und der Beobachtung derselben in der Familie nicht zu schämen, wie denn ein gesittetes und inniges Familienleben eine rühmlichst anerkannte Zierde des Jndenthums zu allen Zeiten gewesen ist.

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