Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- Seite 598 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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598 erstanden, der sie füllen wurde. Aber das (Äsen sprach: Was > zittert ihr? Wenn von Euch sich keiner mit mir verbindet, so werde! ich nicht zur Art, die Euch fallt. Sv schneidig ich auch bin, die j Handhabe Euch zu füllen, die bietet Ihr mir selbst, indem Ihr Euch! mit mir verbindet. Und diese Wahrheit hat Israel gar häufig! erfahren nüissen. Dreiviertel aller Angriffe, 'die gegen Juden und j Judenthum Vorkommen, entstehen nicht ohne Beihilfe solcher Ab-; trünnigen. So?vur es zu Antiochns Zeiten, so war es das : lange, bange Mittelalter hindurch, so hat selbst die neuere Zeit Vergleiche hervorgernfen. Sollten wir nichts daraus lernen können?! Sicher giebt es keine Partei und keinen Standpunkt, der nicht gar; Bedeutsames daraus zu ersehen hat. Woraus entsteht der Abfall? j Aus der Gleichgiltigkeit. Woraus aber die Gleichgiltigkeit? Aus der klntennlniß oder dem Mißverstündniß der Lehre. Diejenigen nümlich, welche mit Recht den Ansprüchen ihrer Zeit! gerecht zu werden bestrebt sind, welche die Frömmigkeit nicht darin suchen, daß sie an den Fortschritten der Wissenschaft und des Lebens sich nicht betheiligen, welche das Gute und Schüpenswerthe überall und wo sie es findet!, als solches erkennen, haben vor einer Gefahr sich zu hüten. Das ist vor dem falschen Wahne, als bestünde die , Betheiligung an allem Schönen und Guten, was die Zeit bringt, in ' Aufgebung des Eigenen. Ein Mensch kann sich seiner Abstammung,; kann sich der Geschichte seiner Väter, kann sich seiner angestammten Religion nicht entschlagen, ohne sich zu entwurzeln, ohne den innern Halt zu verlieren, ohne selbst die Achtung derer einzubüßen, um! derentwillen er ein solches Opfer bringt. Es mag sein, daß ihm in gesunden und glücklichen Tagen, in Tagen, wo der Erfolg und das Gelingen über seine Heirnathlosigkeit in der Religion ihn tüuscht,! das Mißliche dieser Entwurzelung nicht klar ist; es kommen aber doch j Stunden, wo ihm ein Gebet, ein Wort, einLied aus denTagen, wo er noch eins war mit seiner religiösen Gesannntheit, ihn sehr schmerzlich erinnern, was er aufgegeben und um was er es aufgegeben. Wer nicht einmal die Konsequenzen seiner Gebilrt zu tragen vermag, es wäre ihm besser, nicht geboren zu sein. Kennt Ihr die Antwort, die Akiba denn Heide?! gab, der ihm sagte, warnn! er nicht einfach auf das angestammte Erbe, auf die Gotteslehre, verzichte, da dieses Erbe ihm ja nur Tod : und Verderben zu bringen geeignet sei? Mit einem Geschichtchen antwortete er ihn!, mit einen! Geschichtchen, das aber mehr Weisheit enthalt, als manche Bande voll Lehre. An dem Ufer eines Flusses,! so hob er an, wandelte ein listiges Thier und sah die Fische in dem ■ Flusse sich unruhig hin und her bewegen. Bald gewahrte er die; Netze, die ausgespannt waren, um sie zu fangen, und voll schlauer List meinte er: Warum kommt Ihr nicht lieber auf's Land, wo Ihr sicher seid, vor solchen Nachstellungen und Schlingen? Aber die Fische antworteten: O Du Thor, wenn wir schon geführdet sind in den? Master, da das unser eigentliches Element ist, wie sollten wir ruhig leben in einen? uns fremden und widerstrebenden Elemente! , Es liegt ein tiefer Sinn in dieser unbedeutend scheinenden Geschichte. j Wer sich die 'Achtung der Welt und wer sich Selbstachtung erringen : will, vor Allen? aber, wer in seinen? Gewissen beruhigt sein?vill, der j suche das Tüchtige zu leisten auf seinen? natürlichen Platze und in; seiner natürlichen Stellung, nicht aber, inden? er run des Scheines und! um eitler Beweggründe willen sich dieser natürlichen Stellung entj schlägt, inden? er sich einen Platz anderswo erbettelt, wo man ihn? doch nur duldet, aber nicht lobt. - Aber auch Diejenigen können aus den Makkabäerzeiten lernen, j welche sich selbst stark dünken, wie die Makkabäer, welche in? Allein-! besitz der Religion zu sein vermeinen.?veil sie in ihr nicht unter-! scheiden, was wirklich zu ihr gehört und was nur der Mangel an Verständniß des Religiösen zu ihr rechnet. Wer hat den Abtrünnigen zu allen Zeiten die Ausrede geboten, abtrünnig zu lverden? War es etwa die erhabene Lehre der Religion selbst? Wahrlich diese anzugreifen waren sie nicht vermögend, waren Größere denn sie nicht vernrögend. Es waren größtentheils äußere Unzutrüglichteiten, welche mit den? Kern der Religion nichts zu thun hatten, auf lvelche in Zeiten verbreiteten Wissens in religiösen Angelegenheiten ein großes Gelvicht gelegt wurde, welche aber von den Gegnern der Lehre Israels gern benutzt wurde, um zu zeigen, wie wenig Geschuiack,?vie wenig Sinn für geläuterte Gottesverehrung unter uns herrsche. Haben wir dann aber nicht die Pflicht, die in der Bibel ausdrücklich vorgeschriebene Pflicht, das Judenthun? in einer Gestalt zu zeigen, welche die Achtung, die es verdient, Jeden? auch abnöthigt? Heißt es nicht von der Gotteslehre: Beobachtet sie und übet sie aus, denn sie ist Eure Weisheit und Eure Einsicht in den Augen der Völker, welche hören werden von all diesen Vorschriften und sprechen: Ja, eine weise und verständige Gesammtheit ist diese große Gemeinschaft? Haben wir nach diesen Worten das Recht zu sprechen: Was künnnerk's uns. was Andere von uns denken? Müssen wir uns nicht bestreben, das Edele auch edel zu zeigen; zu zeigen, wie unsere Lehre keinen? wahrhaft Guten und Verständigen, das die Zeit gebiert, hinderlich in den Weg tritt, wie keine Bildungsstufe ihr zu hoch, daß sie nicht hinanklimmen kölmte, kein Licht ihr zu grell, daß sie darunter litte? Oder glaubt einer wirklich der Religion zu uützeu, indem er sie als unvereinbar darstellt mit den Fortschritten der Wissenschaft oder mit den Ansprüchen eines geläuterten Geschmackes? Freilich hat die Religion sich nicht zu füge?? jeden? unberechtigten Verlangen und jeden? schwächlichen Gedanken der Zeit. Freilich hat sie den Tadel derer nicht zu scheuen, die sie nicht kennen. Aber mit allen? Edlen, Schönen und Guten in der Zeit n?uß sie übereinstimmen und stimmt sie überein. So angesehen haben wir dann Allen, die sich von ihr wenden, das Recht, die Worte des größten Propheten znznrufen, der auf den Trünnnern Jernsalen?s geweint: „Bin ich etwa eine Wüste geworden für Israel oder ein Land der Finsterniß? Warum spricht?nein Volk: Wir irren mnher, mir finden uns nicht «lehr zu Dir?" Möge die große Erilmerung, die wir heute begehen, uns stinunen, in so ernster Weise über unsere Pflichten als Israeliten nachzudenken. Dann werden die Lichter, die mir zünden zum Andenken an die Makkabaerthat, uns das Auge erleuchten über das,?vas mir zu thun haben in dieser Zeit!? Häusliche Erziehung. Bvi, I. Weis. I. Welche Bedeutung bei' Erziehung für das gesummte menschliche .Kulturleben beiwohne, das braucht einem jüdischen Leserkreise wahrlich nicht erst des Langen erörtert zu lverden. Nicht etwa, als ob wir verkennen wollten, welche großartigen Leistlingen andere Völker in der Entlvickclung der Erziehungsbegrisse anfzuweisen haben - wir erinnern nur an Platos „Staat" lind an Ronsseans „Emil" - aber wir Juden haben deil Ruhm, das älteste Erziehnngsbuch, nämlich die Bibel zu besitzen, welches noch heute nach Jahrtausenden seinen Werth unverändert erhalten und welches in, Wesentlichen schon die Ziele der Erziehung feststellt, welche, so lange die Menschheit eristiren wird, dllrch irgend etwas anderes zu ersetzen oder z,> überschreiten kein Volk zu keiner Zeit in der Lage sein wird. Wir wollen zunächst nicht darauf eingehen, zu untersuchen, ob die Ziele der Erziehung, welche in der Bibel enthalten sind, jeder-