Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Großbritannien.! tigrj Loudon, 21. November. Heber den Tod der Grastn von - Roseberr y, geb. von Rothschild, bringen englische Blätter nach- > folgenden Bericht: Mit tiefer Betrübniß theilen wir mit, daß die Krankj tjeit der Gräfin von Roseberry am Mittwoch Morgen verhängnißvoll i geendet hat. Die Katastrophe fand zu Dalmany Park statt, wo die i Gräfin einen Monat vorher erkrankt war. Die Krankheit würbe gleich I als ein typhöses Fieber erkannt, und der Zustand der Patientin war; sehr kritisch. Einige Zeit lauteten die Bulletins der Aerzte schwankend, j aber vor vierzehn Tagen trat eine entschiedene Besserung ein, so daß! man das Schlimmste für überstanden hielt. Unglücklicher Weise hakte die Gräfin Sonntag einen Rückfall, gefährliche Symptome traten aus, der Zustand verschlimmerte sich immer mehr, bis am Mittwoch der Tod! eintrat. Ihre Kräfte waren durch eine andere Krankheit geschwächt, auch durch die Anstrengungen, welche gesellschaftliche Pflichten in den letzten zwei Jahren ihr anferlegten, und so war ihr Körper zu schwach, den Kampf mit der Todeskrankheit aufzunehmen. Lady Roseberry war : trotz ihrer Heirath eine glaubenstreue Jüdin geblieben unb starb im Glauben ihrer Väter. — Während ihrer Krankheit begehrte sie jüdischen Gottesdienst, und auf ihren besonderen Wunsch mußte ihre Schwägerin Lady Leconfield ihr Stellen aus dem jüdischen Gebetbuch vorlesen. In der That entsprangen die nngreifendsteu Zwischenfälle während ihrer langwierigen Krankheit aus der Besorgniß, die vorgeschriebeuen Gebete nicht rechtzeitig ausüben Kl können. Ihre geistige Anstrengung in Folge des Hersagens der Gebete verursachte so ernste körperliche Beschwerden, daß Dr. Broadbent gezwungen war, ihr die gebräuchlichen Feiertag-, Abend- und Sabbaths-Morgengebete zu ilnkersagen. Die sie liebevoll Pflegenden waren ganz betrübt über die anstrengenden Bemühungen, mit denen sie ihre körperliche Schwäche bekämpfen wollte, um nur die Gebete zu sagen, welche sie für ihre tägliche Andacht geordnet hatte. Diese Besorgniß war ein so ernster Faktor in ihrer Krankheit, daß Rev. Dr. Adler ihr einen besonderen Rath ertheilte, den ciud) die Gräfin Roseberry befolgte. Er wählte den 23. und 103. Psalm als für sie zum Vorlesen oder Selbstlesen passend. Ihre Schwäger:::, die llnermüdtich in der Pflege war, bemühte sich, der Kranken Wünsche in jeder Hinsicht zu studiren, aber das Verlangen, selbst zu beten, besiegte augenscheinlich jeden andern Gedanken, und nur ihrer unbeugsamen Willensstärke war es möglich, dieser: Wunsch zu befriedigen. Jeder: Morgen las sie eine halbe Stunde ihre Gebete, und sie empfand Trost und Lirrderung, we::n > man ihr die Psalmen vorlas. Viel Trost spendete auch die Hersagung j des Gebetes: „O Gott, sende mir Genesung". — A::f den Wunsch von Lord und Lady Roseberry gedachte auch Rev. Dr. Adler in seinen täglichen Gebeten der Kranken. — Han nah Lady Roseberry war die einzige! Tochter und Erbin des verstorbenen Baron Meyer vor: Rothschild, des freigebigen Besitzers von Mentmore und des Barorrs des Englischer:; Turf. Ihre Mutter, eine geborene Juliana Cohen, war eure Nichte der; Baronin 9L M. von Rothschild und die älteste der drei Töchter des j wohlbekannten Jsaae Cohen, eines Sohnes von Levi Barent Cohen. > Mr. Jsaae Cohen war seiner Zeit einer der rührigsten Männer in der j jüdischen Gemeinde und besonders hervorragend in der Verwaltung der großen Synagogen - Angelegenheiten, sowie in der Entwicklung der jüdischen Freischule. Er heirathete eine Tochter des Phineas Samuel,; durch welchen die Gräfin sich unter die Abkömmlinge des berühmten Saul Wahl rechnete, der nach einer Familienlegende einen Tag als König von Pole:: regierte. Die einzig Ueberlebenden von mütterlicher Seite sind ihre Großtante Miss. Rebecca Samuel und ihre Tanten Miss. Anna und Louisa Cohen und Miß Lucy Cohen, mit beneu sie sehr befreundet war. Miß Lucy Cohen theilte sich mit Lady Leconsield in die Pflege. Die verstorbene Baronin Juliana von Rothschild, wie alle Mitglieder ihrer Familie, bezeigte ein tiefes Interesse an menschenfreundlichen Unternehmungen, und ihre Tochter erbte alle ihre Eigenfchaften nach dieser Richtuirg hin. Besonderes Interesse nahm sie an der Taubstummer:anstatt, deren Begründerin ihre Mirtter rvar, unb sie trat auch in die Fußstapfen ihrer Eltern, indem sie sich der Bewegung für eine bessere Ernährung anschloß. Bei der Bildung der Königin- Viktoria-Jubiläumsstiftung für Pflegerinnen ernannte Ihre Majestät die Grüsin als Anerkennung ihrer Verdienste zur Präsidentin vor: Schottland. Eine andere Einrichtung, der sie auch ihre Hilfe und Sympathie zuwandte, war die Schottische Gewerbehausvereinigurrg, an der sie auch als Präsidentin fungirte. — Ihr Haus war, wie sich denken läßt, ein Sammelpunkt der Notabilitäten aus allen Gebieten. In ihrem prachtvollen Schloß in der Nähe von London, sowie in den: Stammschloß von Roseberry, das bei der Forth-Bridge bei Edinburg gelegen, die eine berühmte Bildergalerie enthält, sah sie oft Gladstone als Gast. Auch Graf Herbert Bismarck zählte, so oft er England bes::chte, zu den Gästen der Lady Roseberry. — Sofort nach dem Tode forderte ihr Gemahl telegraphisch den Rabbiner Fürst in Edinburg auf, nach Dalmenv zu kommen, um die Leichenceremonien nach jüdischem Ritus vorzunehmen. Der Rabbiner entsprach sofort dem Ersirchen und nahm sechs Damen, hochangesehene Mitglieder des Bestattungsvereines, mit, derer: Obhut die Leiche anvertraut wurde. * London, 14. November. Vorgestern Aberrd rvurde deni neuer: Lordmayor Savory eine schriftliche Aufforderung übergeben, unterfertigt von 83 hervorragenden Persönlichkeiten, welche an Seine Lvrdschaft die Bitte richteten, er wolle ein öffentliches Meeting nach Guildhall einberufen, um die Volksmeinung über die erneuerten Verfolgungen, denen Millionen Judei: unter dem Joche schwerer Ausnahmsgesetze ausgesetzt werden sollen, zum Ausdruck zu bringen. Dieses Schreiben mürbe vor: Sir John Simon unb Mr. Oswald I. Simon dem Lordmayor überreicht. Auch Reverer:d Dr. H. Adler unb Sir H. A. Isaaks, der bisherige Lordmayor, hatten eine Unterredung mit dem Lordmayor, in welcher betont wurde, daß die Unterzeichner der Zuschrift zwar ausschließlich Christen seien, aber der Vorschlag selbstverständlich die volle Billigung und Unterstützung der leitenden Personer: der jüdischen Gemeinde genieße. Der Lordmayor erwiederte, es mache ihm nicht blos persönlich großes Vergnüge:: , einem so maßgebender: Wunsche zrr willfahren, sondern es freue ihr: auch, daß der Vorschlag einmüthig angenommen worder: sei. und zwar von Personer: verschiedener: Glaubens und politischer Richtung. Es werde ihm zur besonderen Genngthuurrg gere:chen. die Versammlung möglichst bald einzuberufen, und er werde später hierüber mit der Deputation sprechen, sobald er wisse, wanr: Guildhall frei sei, und sobald die Meinrlng der maßgebender: Persönlichkeitei: eingeholt fein werde. Die Aufforderung au den Lordmayor hat folgenden Wortlaut: „Wir Unterzeichneten sind der Ansicht, : es solle eine öffentliche Kundgebung erfolgen über die erneuerten Verj solgungen, welchen Millionen Angehörige des jüdischer: Voltes in Ruß- : land unterworfen werden unter dem Joche schwerer Arrsriahmsgesetze | und Unterdrückungen. Wir bitter: deshalb, Errer Lordschaft wollen die! Güte habe::, sobald als es Ihnen beliebt, zu diesem Ende eine öffentliche Versammlung nach Guildhall einzuberufer:, unb ersuchen Sie um die Freundlichkeit, bei diesem Anlaß den Vorsitz zu führen/ Die Liste der 83 Unterzeichneten umfaßt die Elite der englischen Gesellschaft geistlicher: unb weltlichen Standes, Vertreter der Kürlste und Wissenschaften, des Harrdels und der Politik. Oberrar: stehen der Erzbischof vor: Canterb::ry und Kardinal Manning, der Erzbischof vor: Westminster. An diese schließen sich s echs B ischöse, darunter jene von London und Manchester. Die Peerschaft ist vertreten durch v i er Herzöge, vor: welchen der Herzog von Westminster den Typus eines englischen Philantropen darstellt. Wir finden ferner die historischen Namen der Häuser Newcastle und Argylt und die populären Namen des Lord B r a s s y, L o r d R o rv t o n rrnd des E a r l o f M e a t h. Das Unterhaus stellt Revräsentairten aller politischen Schattirungen, Mitglieder der konservativer: Partei, der liberalen Unionisten und der Anhänger Gladstones. Vertreter der Wissenschaft sind: der berühmte Professor Hurley, Sir George Stokes, Präsident der Royal Society, Mr. Alfred Rüssel Wallac e und Sir John Lubbock, durchweg Namen von gutem Klang, welche weit über die Grenzen Englands bekannt sind. Sir Frederik Leighton, der Präsident der Royal Academy, und Dr. A. C. Mackenzie und Sir George Grove, die Präsidenten der Mnsikakademier:, vertreten die Kunst. Auch der Senior der englischer: | Dichter, Lord Tennyson, befindet sich unter den Unterfertigen:! der Zuschrift. Es seien ferner hervorgehoben die Zierden des englischer:! Barreaus Sir Henry James unb Sir Charles Rüssel, der emeritirte ■ Richter Lord Bromwell, der Admiral Sir Edward Jnglesield und die Generale Sir Andrew Clarke und Sir Gerald Graham. Auch zwei; Damen finden wir unter den Signanten. es sind dies Conteß of Meath und Baror:eß Burdett-Coutts, beide ob ihrer Herzensgüte und Wohlj thätigkeit hoch geschätzt. Der Herzog von Westminster hat nicht blos | den Antrag unterfertigt, sondern auch mit der: wärmsten und herzlichsten > Wörter: den Wunsch geäußert, die erste Resolution zu beantragen. Der : Lord-Bischos von Ripon will ihn: sodann Nachfolgen; Kardinal Manning! schrieb, er werde, sofern er nicht unvorhergesehener Weise verhindert . werde, die zweite Resolution vertreten. Mrs. Fawcett gab in den