Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 um Schule und Gemeinde hervorhobeu. Schmerzlich schwer ober muß die „Achawa", deren unvergeßlicher Stifter Klingenstein gewesen, den Tod des wacker« Mannes empfinden, in dessen Herzen sich die Menschenliebe einen Altar errichtet hatte. Mit wahrem Feiereifer, mit unermüdlicher Thatkraft hatte unser entschlafener Freund vor einem Vierteljahrhundert seinen Lieblingsgedankeu zur Ausführung gebracht und den Verein „zur 11 nterstützung hilfs bedürftiger Israelitiseher Lehrer, Lehrer-Wittwen n nb Waisen in Deutschland" ins Veden gerufen. Ihm war die beglückende Freude lieschieden, am Abende seiner Lebens sein edles Werk zu einer achtunggebietenden Stellung heranwachsen zu sehen. Die Saat, die er ausgestreut, hat tiefe Wurzeln geschlagen und reiche fegenbringende Früchte getragen. Darum ehren und preisen wir den Flamen des wackern Mannes, in dessen bescheidenem Wesen sich Seelenadel, Charakterfestigkeit und Gesinnungshoheit nie verleugneten. die sein Sinnen und Streben, sein Wollen und Wirten zeitlebens leiteten. Das Andenken des für Humanität begeisterten, für Geistesfreiheit und Geistesfortschritt, für Recht und Wahrheit stets kampfbereiten Mannes werden wir allezeit warm im Herzen tragen und mit Dankbarkeit in Ehren treu bewahren. Friede seiner Asche! Der Vorstand der „Achawa", i. d. 9t.: Adolf T eb löe. Frankfurt a. M., 2<>. 'November. Tie Verwaltung der Erziehungsanstalt der Julius und Amalie Fl er s he i in's ch en Stiftung hat soeben den fünften Bericht ihrer jetzt 25jährigen Wirksamkeit veröffentlicht. Der Bericht wirft zunächst einen Rückblick auf die Entstehung und Geschichte der Anstalt, welche nach dem Witten des Stifters armen Waisenknaben und Söhnen armer Eltern die Wohlthat einer häuslichen Erziehung gewähren und ihnen die Familie ersetzen soll. 1888 hat bie jetzige Verwaltung die Gründung eines Sparkassenfonds für diejenigen Zöglinge beschlossen, welche mit dem Einjährig-Freiwilligen- Zengniß die Anstalt verlassen. Der Zweck ist, ihnen mit dem hierfür festgesetzten Betrag von 160 Btt. zuzüglich der nach und nach zugewachsenen Zinsen und Geschenke während der Lehrlings- und Militürdienstzeit ein kleines Kapital zur Unterstützung zu gewähren. Im Laufe der letzten fünf Jahre trat Herr August Rothschild an die Stelle des inzwischen verstorbenen Herrn A. Maas als Vorsitzender; Herr Dr. I. Kracauer übernahm 1886 die Direktion der Anstalt an Stelle des inzwischen ebenfalls verstorbenen Herrn Tr. I. Auerbach. Die Verwaltung besteht gegenwärtig aus den Herren August Rothschild als Vorsitzenden, Wilhelm Feist als Oekonomen, Heinrich Eahn als Kassirer, Josef Baer als Gegenschreiber und Dr. Max Maas als Protokollführer. Im Jahre 1889/90 hatte die Anstalt 18 Zöglinge, darunter 8 neu Aufgenommene, die sämmtlich die Realschule der israelitischen Gemeinde besuchten. Die Gesammtzahl der ausgenommenen Knaben beträgt jetzt 06, von denen jeder durchschnittlich o Jahre in der Anstalt war. s. Frankfurt a. M., 10. November. Heute Nachmittag tagten im Hotel „Römischer .Kaiser" hier die Vertreter der Gemeinden des Großherzogthnms Hessens, um über gemeinsame M aß nah men zu berathen, welche gegen den immer weiter sich verbreitenden Anti- ■ semitism ns zu ergreifen seien. Man war allgemein der Ansicht, daß man die immer weitere Kreise ergreifende Bewegung durchaus nicht ignoriren dürfe, sondern mit allen möglichen Mitteln dieselbe bekämpfen müsse. Mit den Paragraphen des Strafgesetzbuches sei dieser gefährlichen Sache nicht beizukommen, auch nicht mit dem sonst vielberusenen „Groben Unfugs-Paragraphen". 'Nur mit geistigen Waffen könne man der Bewegung entgegentreten und ihrer schließlich Herr werden, dazu gehört vor Allem eine kräftige Agitation, die Schaffung einer guten zielbewußten Presse, welche geeignet sei, die verhetzten Volksmassen aufzukläreu, tüchtige Redner, welche es verständen und welche den Muth hätten, den antisemitischen Wanderaposteln entgegenzntreten, die Massen-; weise Verbreitung ausklürender Flugblätter, sodann aber auch eine! innere Mission innerhalb des Judenthums selbst, Schaffung tüchtiger! Schüler, Heranbildung charaktervoller Lehrer, Gründung von Hand-; werkervereineu n. s. w. Zu diesem Zwecke müßte eine Vereinigung! gebildet werden, die später über ganz Deutschland ausgedehnt werde, deren nächster Zweck es sei, di«' zur Herbeiführung obiger Maßregeln nöthigen Geldmittel zu beschaffen. Dahingehende Anträge wurden zum : Schlüsse angenommen. hk Posen, 18. November. Der Vorstand der hiesigen Synagogen- Gemeinde veröffentlicht, wie regelmäßig seit einigen Jahren die Namen derjenigen Vereine, welche ihm die letzte Jahresrechnung eingesandt haben, falls solche für richtig befunden ist, in zwei hiesigen Zeitungen. Es find dies in diesem Jahre 20 Vereine und Gesellschaften, welche verschiedenartigen religiösen Zwecken dienen. Zum Ausbau der Ritsche- Flatau'schen Waisenmädchen-Erziehungsanstalt sandten Frau Komme rz i e n r a t h F l a t ä*u und Herr Nat h a n B e r n stein zu Berlin je 1000 M., Frau Kommerzienrath Adolph ine Simon zu Berlin 10,000 M. •<I- Frciburg i. B., 20. November. Etwas verspätet ist in diesem Jahre der (vierte) Bericht des Vereins zur Förderung des Ha.ndwerks und der technischen Berufsarten unter den Israeliten des Großherzogthums Baden oder, wie die Leute kürz sagen, des Handwerker- Vereins ausgegeben worden. 019 Mitglieder aus 20 Gemeinden, welche wiederum 6 Bezirkssynagogen zugehören, haben 1750 M. Beitrüge gezeichnet, von denen 1526,55 eingegangen. sind. An Synagogen- und Einzelspenden waren 1214,18 M. zu verzeichnen. 0 Schneider, 2 Tapeziere. je ein Bäcker, Lithograph, Metzger und Schuhmacher, also 12 Lehrlinge waren in Vereinspflege, davon 5 in Freiburg. Unterstützt wurden außerdem ein Schneidergeselle (behufs weiterer Ausbildung), ein Geometergehilfe und eine Frau, die zur Wochenwürterin in der Frauenklinik hier ausgebildet wurde. Die Ausgaben dafür betrugen 2255,83 M. Die mit 113 M. bezifferten Verwaltungskosten bekunden die Sparsamkeit des Vorstandes, dessen umsichtiges Wirken die höchste Anerkennung verdient. Vermögen besitzt der Verein 2933,35 M. Da nunmehr in Karlsruhe und Mannheim gleichartige Vereine bestehen, wird der Zusammenschluß zu einem badischen Landesverein erstrebt. - Das beste Zeugniß für den Geist, der die Leitung des Vereins beseelt, bildet der Schluß des Berichtes. deu wir hier zu wiederholen uns gestatten: „Die bisherige Wirksamkeit unseres Vereins hat gezeigt, daß derselbe sich auf richtigem Wege befindet. Aber in immer weitere Kreise muß sich diese Erkenntniß verbreiten. Es muß vor Allem das Verstäudniß dafür wachsen, daß unser Verein nicht blos das indivnelle Wohl derer, die sich an uns wenden, fördern will, sondern daß er dadurch zugleich eine soziale Aufgabe, die Verbreitung des Handwerks und der technischen Berufe unter den Israeliten als solche der Lösung näher zu bringen sucht. Die heutige Zeit, mit den schweren Angriffen, denen die Israeliten so vielfach, itub neuerdings auch in Bezirken unseres Wirkungskreises ausgesetzt sind, mahnt einen Jeden von uns gebieterisch, nicht zurückzuhalten, wo es gilt, die soziale Stellung unserer Glaubensgemcinschast zu heben und unseren Kindern zu zeigen, daß wir stets bereit sind, so viel an uns liegt, auf den Wegen des Friedens thütig zu sein, um unsere Jugend zu nützlichen Gliedern der deutschen Volksgemeinschaft heranzubilden." * Göttingen, 22. November. Bei Gelegenheit der Immatrikulation richtete der zeitige Prorektor Professor der Medizin, Orth, eine Ansprache ungefähr des Inhaltes an seine Studenten: „Meine Herren, hüten Sie sich vor Bestrebungen, welche leider auch auf unseren Hochschulen Platz gegriffen haben, von denen der Sozialdemokratie und des Antisemitismus. Beide führen den Untergang unserer heutigen Kultur herbei. Jeder, der als Antisemit agitatorisch auftritt, ist in meinen Angen mit einem „sittlichen Makel" behaftet!" A. Hatte a. S., 15. November. Zu einer merkwürdigen K u n d g e b u n g f ü r H e r r n St ö ck e r, die zu mancherlei Betrachtungen anregen kann, kam es gestern Abend im konservativen Verein für Halle und den Saalkreis. Es wurde dort offen gegen eine einzige Stimme für den Antisemitismus Partei ergriffen. Pfarrer Werner- Hohenthurm sprach über das moderne Judeuthum und die soziale Frage, hob dabei den verabschiedeten Berliner Hof- und Hetzprediger in den Himmel und verflieg sich in seinen weiteren Ausführungen u. A. zu der sonderbaren Behauptung, die Bestrebungen der Juden feien mit denen der Sozialdemokraten identisch! Die Versammlung, die dem Redner und den in gleichem Sinne nach ihm Sprechenden wiederholt ihren Beifall ausdrückte, beschloß zuletzt die Absendung des folgenden Telegramms an Stöcker: „Die in Freyberg's Garten tagende zahlreich besuchte Versammlung des konservativen Vereins für Halle a. S. und den Saalkreis sendet nach einem begeistert aufgenommenen Vortrag des Herrn Pastor Werner über das moderne Jndenthum und die soziale Frage dem Bannerträger der Königstreue, des Ehristenthums und der Sozialreform begeisterten Gruß." Daß diese begeisterte Stimmung der Versammlung übrigens nicht bei den hiesigen Konservativen getheilt wird, geht aus der heutigen Nummer der konservativen „Halle'schen Zeitung" hervor, die recht nüchtern über die Versammlung in genau acht Zeilen berichtet und das Huldigungstelegramm an Stöcker gar nicht erwähnt.