Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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>4. Jahrgang, Ur. 46. Berlin. 27. November 1820. Weitcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHumsN Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 20. November. Das Herrenhaus hatte in der letzten Session beschlossen: „Auf Grund der vom Herrn Minister der geistlichen Angelegenheiten konstatirten Thatsache, daß bei preußischen öffentlichen höheren Lehranstalten wegen der U eberzahl j ü bischer Sch ül er an den jüdischen Sabbathen und Festtagen der Un terri chtsplan hat verändert werden müssen, die königliche Staatsregierung um Erwägung von Maßregeln 311U Beseitigung der hieraus erwachsenden Uebelstände zu ersuchen." Darauf erhielt das Herrenhaus folgenden Bescheid: „Die Stärke des jüdischen Schülerelements in den höheren Lehranstalten wird in den diesseitigen statistischen Erhebungen fortgesetzt beobachtet und bildet auch in den Verwaltungsberichten der Provinzialbehörden einen Gegenstand der Besprechung. Spezielle Maßnahmen in der Richtung des nebenstehenden Beschlusses hat die Staatsregierung bisher nicht für an gezeigt erachtet." Berlin, 22. November. Am 15. d. Mts. hielt Herr Professor Dr. Ioest, der bekannte Weltreisende, in der ethnographischen; Gesellschaft zu Berlin einen Vortrag über seine 01 eile in Guyana, von der er im Anfang letzten Sommers zurückgekehrt ist. Surinam, der holländische Theil von Guyana ist nach Ioest ein beinahe völlig jüdischer Staat, in dem die herrschende Klasse fast ausschließlich aus portugiesisch-holländischen Judenfamilien bestehe, deren Vorfahren vor ungefähr 200 Jahren dort eingewandert seien. Auch die Offiziere und Beamte - mit Ausnahme des von Holland entsendeten Gouverneurs — sind Juden. Bon der weißen Bevölkerung bestände nur etwa der sechste oder siebente Theil aus Ehristen. Es komme dies daher, daß sich die einwandernden christlichen Europäer schnell mit Negerinnen und Indianerinnen vermischten, diese dann, nachdem Kinder geboren, heiratheten und auf diese Weise eine Mischrasfe hervorbrächten. Die Juden da-! gegen seien Zwar wie Ioest sich ausdrückte — auch nicht besser als j andere Menschen; sie heiratheten aber die farbigen Damen, deren I Bekanntschaft sie gemacht Hütten, nicht, alimentirten vielmehr ihre itlegi-! timen Sprößlinge und erhielten so die Rasse rein. ' i. Berlin, 25. November. Die w o h l t h ä t i g e n S t i f t u it g e it I unserer jüdischen Gemeinde haben in der jüngsten Zeit einen Zuwachs ■ erhalten durch eine neue Stiftung, welche einem dringenden Bedürfniß j abzuhelsen bestimmt ist. Während für Kinder vom 0. Lebensjahre ab z in den Waisenhäusern und durch die Waisen-Kommission Fürsorge j getroffen ist, fehlt es au einer Versorgung von jüngeren verwaisten Kindern oder Knaben itnb Mädchen armer Eltern. Diesem Mangel zunächst in kleinem Maßstabe abzuhelfen, soll die Aufgabe der neuen Stiftung werden. Das Kuratorium bilden die Herren Wolf Hagelberg, Bernhard Eroner und Dr. Jutrosinski. * Berlin, 24. November. Frau Rabbiner D r. Joel in Breslau hat an den Zentral-Ausschuß des deutschen Rabbinerverbandes das nachfolgende Dankschreiben gerichtet: Breslau, den 10. November 1890. Einem hochelmvürdigen Zentral-Ausschuß des Rabbinerverbandes m Deutschland spreche ich tiefbewegten Herzens den iniÜQften Dank aus für die erhebenden Beweise tiefempfundenen Beileids, welche Wohlderfelbe anläßlich des Hinscheidens meines theuren, in Gott ruhenden Gatten mir und ben Meinigen hat zu Theil werden lassen. Wie der unvergeßliche Todte seine Dienste gern und sreudig den großen nnb heiligen Bestrebungen des Verbandes geweiht, wie er es mit Stolz und Dankbarkeit empfunden hat, an die Spitze einer so ehrwürdigen Vereinigung gestellt worden zu sein, so werde ich und so werden die Meiuigen alle Zeit eingedenk sein der Liebe nnd Verehrung, welche die hochwürdigen Mitglieder des Verbandes dem Verklärten im Leben bezeigt und der trostreichen, uns aufrichtenden Theilnahme, welche Sie uns nach seinem Heimgange erwiesen haben. In größter Verehrung eines hochehrwürdigeu Ausschusses ergebenste Flora Joel. * Berlin, 20. November. Am 25. November feierte unsere geschützte Mitarbeiterin Lina Morgenstern ihren 00. Geburtstag. Die non ihr geschaffenen mannigfaltigen Anstalten finden allerorts Nachahmung. Sie wurde 1830 in Breslau geboren. Ihr praktischer Wohlthätigkeitstrieb äußerte sich schon in ihrem 18. Jahre, als sie den noch heute in ihrer Vaterstadt bestehenden Pfennigverein zur Bekleidung armer Schulkinder gründete. Im Jahre 1859 betheiligte sie sich an der Gründung der Kindergärten in Berlin, deren Vorsitzende sie 1862 wurde. Im Jahre 1861 gab sie das „Paradies der Kindheit" heraus, ein anerkanntes Werk für junge Mütter und Erzieherinnen. In das Jahr 1860 fällt die Gründung der Volksküchen und ununterbrochen hat Frau Morgenstern in uneigennütziger Weise als Vorsitzende dieser Musteranstalten gewirkt, die durch ihren Anstoß auch in vielen anderen Städten des In- und Auslandes itad) demselben Prinzip der Selbsterhaltung ins Leben gerufen wurden. Im Jahre 1869 gründete sie den Kinderschuhverein und eine wissenschaftliche Fortbildungsschule für junge Damen, deren erste Leiterin sie selbst war, bis ihr 1870 das Kriegsministerium die Truppenverpfleguug auf zwei hiesigen Bahnhöfen übertrug. Im Jahre 1866 hakte ihre erste Zusammenkunft mit der Königin Augusta stattgefunden, welche aus eigenem Antriebe das Protektorat über den Volksküchenverein übernommen hatte imb ihr seit jener Zeit bis p ihrem Hinscheiden zahllose Beweise ihrer hohen Gunst zu Theil werden ließ. Im Jahre 1873 gründete Frau Morgenstern den Berliner Haussrauenverein, innerhalb dessen sie die Kochschule und die Prämienkasse zur Prämiirung braver Dienstboten ins Leben rief; 1880 den Verein zur Rettung minorenner gefallener Mädchen, die aus dem Gesängniß entlassen worden. Alle von ihr gegründeten Vereine bestehen. Ganz besondere Verdienste hat sich diese Frau als Vorkümpferin der Frauenfrage erworben, indem sie unentwegt der Hebung ihres Geschlechts in sittlicher und sozialer Richtung das Wort redete und in ihrem Werke „Die Fraueil des 19. Jahrhunderts" den verdienstvollen Frauen aller Nationen ein bleibendes Denkmal setzte. * Berlin, 21. November. Zur Demission Stöckers läßt sich die Halle'sche „Saale-Zeitung"aus Berlin schreiben: „Aus absolut verbürgter Quelle erfahre ich, daß der Kaiser ein entschiedenes Vorgehen gegen den Antisemitismus bereits Ende v. I. beschlossen hatte. Als er damals einen jüdischen, auf der Durchreise befindlichen Kasseler Schulfreund infolge einer ausdrücklichen Einladung empfing und als derselbe diese immer schärfer hervortretende Zerstörung bitter beklagte, erwiederte der Kaiser begütigend: Das soll jetzt anbe r s w erden!" Und er hat Wort gehalten. Noch ist kein Jahr ins Land gegangen, nnb es sind den Antisemiten aller Färbungen inzwischen die : unzweideutigsten Beweise höchsten Mißfallens zu Theil geivorden." Auf; eine ärgerliche Anzapfung der „Kreuzzeikung dieser Mittheilung wegen! antwortete schließlich die „Saale-Zeitung folgendermaßen: „Dir „Neue j Pr. Ztg." beklagt die an dieser Stelle unlängst erfolgte Wiedergabe l einer den Antisemitismus betreffenden Auslassung des Kaisers als eine! Art philosemitische Stimmungsmacherei. Um derartigen Mißverständ-! nisten ein für alle Male vorzubeugen. sei unter Hinweis auf den Wort- > laut der betreffenden Meldung ausdrücklich konstatirt, daß es sich dabei ■ lediglich um die thatsächliche Wiedergabe jener genügend verbürgten Aeußeruug des Kaisers gehandelt hat. Gerade den Hinterleuten der j „Kreuzztg." sollte es am wenigsten schwer fallen, an betheiligter Stelle! diese Mittheilung auf ihre Nichtigkeit hin zu konstatiren." * Frankfurt a. M., 18. N.vember. Im nahezu nollenbeien j 03. Lebensjahre starb am 13. d. M. infolge eines Herzschlags der in j weiten Kreisen bekannte Lehrer in Ober-Ingelheim, Herr Joseph j Klingenstei n. Am 16. d. M. fand die Beerdigung statt. Von der 1' großen Beliebtheit und Verehrung, deren sich der Heimgegangene zu ' erfreuen hatte, zeugte die überaus zahlreiche Betheiligung und die allgemeine Trauer aller derjenigen, die dem Hingeschiedenen Freunde oder , Lehrer die letzte Ehre erwiesen. Am Grabe sprachen die Herren I Rabbiner Dr. Grünfeld von Bingen und Dr. Salfeld von Mainz.! sowie die Herren Adolf Teblöe von Frankfurt und Karl Marx j von Alsheim, die in warmen Worten des Verstorbenen hohe Verdienste