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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-27 · Heft 46 (27.11.1890) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 46 (27.11.1890)
Date
1890-11-27
Page
Seite 593 (sequence 9)
Language
German
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593 Stöcker — von Hartmann selbst gefeiert worden ist, dann ist's auch! der in einzelnen Grundgedanken sich an Jenen anlehnendc Leibniz, j oder Spinoza war bloßer Kopist, dann, ja dann .... Gern überlasse ich es Herrn von Hartmann die naheliegende, nnabweisliche Schlußfolgerung selber zu ziehen. Es zeigt sich hier wieder, daß es unter Umständen zwar recht hübsch sein kann, de omnibus relnis et quibus dam aliis sprechen zu können und mit unheimlich großartiger Produktionslust begabt zu sein; nur sollte man alsdann immer fein säuberlich im Gedächtniß behalten, was man geschrieben hat, zumal wenn das Geschriebene — Spreu mitgerechnet — eine kleine Bibliothek füllt. 8. d Feuilleton, Ner unbekannte Gast. Eine Geschichte von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Nach einer Kleinen Weile fuhr der Vater fort: „Und wenn ich mir die Sach' recht überlegen ihn', so kann es für Dich gar keine passendere Partie geben, als Jtzeg Randars Sohn. Einen Khille- Jung' willst Tn doch nicht, also mußt Tn ja, wenn Dn auf dem Dorf bleiben ivillst, nur in eine „Rande" hineinheirathen. Nun muß ich Dir sagen, daß von allen „Randaren" in der ganzen Gegend soviel ich ihrer kenn', keiner sich mit Reb Jtzegen vergleichen kann in gar keiner Beziehung. Der Eine von ihnen hat Geld, dafür hat er ein Haus voll Kinder. Der dort drüben, Dn weißt schon, welchen ich mein', hat ja einen einzigen Sohn, ist der Sohn aber wieder kein Mensch und hat kein' guten Ruf. Kurz, Dn mögst die Sach' drehen und wenden wie Dn willst, ich sag' Dir, mit Reb Jtzegen kann sich keiner von ihnen allen vergleichen, und ich weiß nicht, auf was für eine bessere Partie Tu noch warten willst. Ich war' dafür, und wenn Du mir folgen willst, Rachele, Tn lvcißt, ich Hab' mehr Einsicht, wie Du, ich bin älter. ..." „Bis hundert Jahr," sagte die Tochter dazwischen. „Ich bin älter, als wie Du," fuhr der Vater fort, „und mein' es gut mit Dir und schlag ein. Ich möcht' auch schon gern einmal die schöne Porzellan-Schaal' da oben zerbrechen. Was meinst Dn?" Rachele schwieg. „Dn schweigst," fuhr der Vater nach einer kleinen Pause fort, „damit ist nichts gethan, red' und laß mich hören. Ich muß ja doch Reb Jtzegen Antwort schreiben! Ich kann ihn doch nicht ohne Antwort lassen. Was soll ich ihm schreiben?" „Weiß ich?" sagte Rachele. „Was ist deutsch: Weiß ich? und wer-soll es denn wissen?" „Schreib' ihm was Du willst," sagte das Mädchen rasch. „Was ich.will? gut! Wirst Du aber dann auch dasjenige thun, was ich geschrieben Hab'? Versprichst Du mir das?" Diese Frage setzte das Mädchen in Verlegenheit. Rachele erkannte, daß sic einen Fehler begangen habe; denn was der Vater schreiben würde, darüber konnte sie nicht im Zweifel sein, und doch konnte sie dem Vater das Versprechen nicht geben, das er ihr abnehmen wollte. Bis hierher hatte sie die Sache mehr scherzweise behandelt, der Brief, den sie gelesen, war ihr eine Unterhaltung, sic verhielt sich dem eigentlichen Inhalt desselben gegenüber so völlig frei, als ob hier nicht von ihr, sondern von einer dritten, ihr ganz fremden Person die Rede gewesen wäre. Tie letzte Frage aber, die der Vater an sie gerichtet, ob sic auch versprechen wolle, das zu halten, was er schreiben werde, nachdem sic ihm gleichsam Vollmacht gegeben hatte, zu schreiben, was er will, diese Frage führte ihr plötzlich den Ernst des Augenblicks ins Bewußtsein. Freilich hatte sie dieses lakonische: ,,Schreib' ihm, was Du willst" — in anderem Sinne gemeint, als es der Vater genommen. Sie meinte damit wohl nichts Anderes anzudeuten, als daß er selber sehen möge, wie er sich ans diesem Handel herauSziehc, sie gehe es nichts an, sie wolle davon auch weiter nichts wissen. Allein der Vater nahm diese Worte anders, er nahm sic - kurz und gut - wörtlich für das, was sic ohne jeden Kommentar bedeuten. Sic hatte ihm gesagt, er solle schreiben, was er will. Auf die hieran geknüpfte Frage war Rachele nicht gefaßt. Der Vater, dem die Verwirrung des Mädchens nicht entging, der wohl einsah, daß ihr der Muth fehle, ans seine Frage ein direktes „Nein" zu sagen, und daß sie dieselbe doch auch wieder nicht bejahen wolle, bemühte sich, ihr aus der augenblicklichen Verlegenheit dadurch herauszuhelfen, daß er die Sache für den Moment abbrach und auf günstigere Zeit verschob; deshalb sagte er: „Du mußt Dich ja auch nicht gleich jetzt auf die Minut' entschließen, mein Kind! es brennt ja nicht! Und wenn ich den Brief erst in acht Tagen beantworten ihn, ist ja auch nichts daran gelegen. Du kannst Dir die Sache noch bedenken, Rachel-Leben. Nimm die Sache, wie Du willst! Hat er Dich wirklich so gern, wie es in dem Brief da steht, und will er Dich durchaus haben, wird er Dir nicht davonlaufen. — Ueberlcg' Dir's noch, Du hast ja Zeit!" „Vater-Leben!" ries Rachele, und eine Fluth von Thränen erstickte ihre Stimme, „Du verstehst mich nicht!" brachte sie heftig schluchzend und mühsam hervor und warf sich in der Aufivallung des Gefühles dem Vater an den Hals. Der Vater hielt das Mädchen fest umschlossen und drückte sie an die Brust. Mit zärtlichen Schmeichelwvrten suchte er sie zu beruhigen. Liebkosend streichelte er ihr das schöne Haar von Stirn und Wange, über die es herabgefalleu war, nnb sagte: „Warum, inein Kind-Leben? Waruin sagst Tu, ich versteh' Dich nicht? Bin ich nicht Dein Pater? Wer soll dich besser versteh'», als wie ich?" Rachele schluchzte fort. Der Vater aber wiederhotte noch zärtlicher als zuvor die Frage: „Warum versteh' ich Dich nicht, Rachel-Leben? Sag mir, wie Du das meinst!" „Es wird ja morgen nicht anders sein wie heut," sagte endlich Rachele dem Drängen des Vaters nachgebend, „und übermorgen auch nicht! Was soll ich da überlegen?" „Das meinst Du nur, Kind-Leben!" sagte der Vater beruhigend, „das meinst Dn nur so, >veil Tu noch jung bist und noch keine Erfahrung nicht hast. Beim Menschen ist nicht inunerfort ein Tag, wie der andere. Was wir heut für gut halten, sehen wir oft morgen für schlecht an und umgekehrt. Du wirst Dich überzeugen, mein Kind, daß ich Recht Hab', und cs wird eine Zeit kommen, wo Du über Dich wirst lachen müssen, daß Du Dich gefürchtet hast, in Dein Glück hinein zu geh'»." „Vater-Leben, zwing mich nicht," sagte Rachele wehmüthig. Der Randar aber erwiederte: „Narrele! zwingen? zwing' ich Dich denn' wenn ich Dich hätt' zwingen gewollt, hält' ich es schon früher gethan, und Du wärst heut des Vetter Joichenes „Schnur" (Schwiegertochter). Was fallt Dir ein vom Zwingen? ich zwinge Dich ja nicht, ich ihn Dich ja nur zureden, ich laß' Dir ja ganz die freie Wahl!" „Warum hast Dn mir bei des Vetter Joichenes Antrag nicht zngered't?" „Weil ich Deine Abneigung gegen die „Khille-Lent'" kenn'." „Und ivarum hast Du mir diese Abneigung nicht ansgered't?" „Laßt sich denn das so geschwind Einem aus dem Herzen heraus-

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