Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- Seite 592 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227872--47526-3269053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
592 Auf dem Boden dieses Glaubens, der Wissenschaft und Philosophie nicht mißachtet, sondern hochschätzt, hat Joel gestanden; ihm entsprang die nie gestörte Heiterkeit seines Wesens, die Kraft seines Wirkens, die feste, einheitliche Haltung seines Lebens. Weil er die Wurzel dieses Glaubens im Judenthum erblickte, hielt er treu zur Religion seiner Väter, lehrte und bekannte er sie in Wort und Schrift und That. Und weil er diesen Glauben so hoch hielt, darum verwundeten ihn die gehässigen Angriffe, die vor wenigen Jahren gegen Juden und Judenthum gerichtet worden sind, aufs tiefste. Zur Abwehr der unwürdigen Beschuldigungen, der zum Theil geradezu finnlofcn Anfeindungen, die seinen Glauben und seine Glaubensgenossen mit Schmutz bewarfen, die dem Judenthum Sittlichkeit und Religiosität, den deutschen Juden das theuerste aller neu errungenen Güter, die Zugehörigkeit zum Vaterlande, absprachen, trat Joel mit dem heiligen Ernst des für Religion und Vaterland begeisterten Priesters in die Schranken. Er hat einige Streitschriften veröffentlicht,r) auf deren Inhalt hier nicht eingegangen werden soll. Tie übellautenden Stimmen seiner Gegner sind allgemach verstummt und sollen nicht von Neuem geweckt, der Friede des zur ewigen Ruhe eingegangenen Menschenfreundes durch keine widrige Erinnerung gestört werden. Besser als durch seine Streitschriften hat Joel jene Angriffe durch seine von wahrer Frömmigkeit eingegebenen religiösen Schriften, durch seine von lauterer Vaterlandsliebe durchwehten patriotischen Reden,2) durch sein ganzes edles Leben und Wirken widerlegt. Sein Andenken wird nicht untergehen.? Noch einmal Eduard von Hartmann. Die Zusammenstellung der Aussprüche hervorragender Denker über die philosophische Stellung Spinoza's, die Tr. M. Brasch gegen Ed. von Hartniann in der jüngsten Nummer der „Z. d. I/' ins Feld geführt hat, ist meines Erachtens durch die Nichtberücksichtigung eines für den „Philosophen des Unbewußten" klassischen Zeugen empfindlich unvollständig ausgefallen. Zwar hat Tr. Brasch, wie er selbst angiebt, Vollständigkeit gar nicht angestrebt. Zielten aber seine Beweise darauf ab, den Schriftsteller Ed. von Hartmann durch die Vorführung erdrückender philosophischer Autoritäten von seinem gegen Spinoza begangenen Unrecht zu überzeugen, so durfte die für Jenen vielleicht maßgebendste Autorität bei dieser Aufzählung nicht übergangen werden: nämlich der Philosoph Ed. von.Hartmann. letzterer spricht sich in der ersten Auflage seiner mit rauschendem Beifall aufgenommcnen „Philosophie des Unbewußten" S. 288 folgendermaßen über Spinoza aus: „Sollte ich den Mann nennen, den ich für die Blume des philosophischen Mystizismus halte, so sage ich Spinoza". Man stoße sich nicht an dem Wort Mystizismus. Nach Hartmann ist Fichte's Ich, Schelling's Subject-Objcct, Schopenhauer's ') Mein Gutachten über den Talmud. Breslau 1877. —■ Offener Brief an Herrn Prof. H. v. Treitschke. Breslau 1879. — Gegen Gildemeister. Breslau 1884. -) Außer einer Sammlung von Festpredigten »Breslau 1867) sind von Ivel unter anderen veröffentlicht: Religiöse Vorträge am Krönungstage Sr. Maj. des Königs Wilhelm I. (1861), am Bettage (27. Juni 1866) und am Siegesdankfeste (14. Juli 1866), am 70. Geburtstage des Königs Wilhelm I. (1866), am Bettage <27. Juli 1870) und am Geburtstage Sr. Maj. des Kaisers Wilhelm 1. (1871), am Dank- und Bittgottesdienst (5. Juni 1878) und bei der Fei.r des Regierungsjnbi- Iriiuiiö Sr. Maj. des Kaisers Wilhelm l. (1886). Wille nicht weniger mystisch, als Spinoza's Substanz (desgl. ebenda Z. 4 von oben). Erklärt nun Hartmann Spinoza gleichwohl für die Blume des philosophischen Mystizismus, so unterliegt es keinein Zweifel, daß er ihn trotz der nachfolgenden herabdämpsendeu Bemängelungen eben damit an die Spitze der von ihm bekämpften Metaphysiker stellt. Hartmann hat hier Spinoza offenbar kaum das vorzuwerfen, was. wir heute geneigt sind, Hartmann selbst zum Vorwurf zu machen, daß er nämlich vermeint, durch eine einzige metaphysische Formel — dort Substanz, hier Unbewußtes — das Wcltrüthsel zu lösen. An der philosophischen Autorität Spinoza's aber zweifelt Hartman» in seinem Hauptwerk ebensowenig, wie wir heute an der Hartmann's - ungeachtet und unbeschadet seines Antisemitismus. Warum soll nicht auch dem großen Denker das jedem Menschen eingerünmtc Recht sich zu blamiren zustehen, vorausgesetzt, daß er von demselben keinen allzu ergiebigen Gebrauch macht? Eine Blamage bleibt aber der Widerspruch zwischen der Wertyschätzung Spinoza's seitens des Philosophen und der seitens des Journalisten von Hartmaiin immerhin. Denn seine Broschüre „Das Judenthum" ist — selbst von ihrer hier nicht zu berührenden, ausgesprochen antisemitischen Tendenz ganz abgesehen — eine geradezu leichtfertige, des Philosophen und Stilisten gleich »nwiirdige journalistische Leistung. Welche Bedeutung Hartniann übrigens dem System Spinoza's beimißt, erhellt am besten daraus, daß er behauptet, Leibniz habe sich in der obersten Spitze seiner Metaphysik, der Lehre von der höchsten Monade (Nonas monadum) ganz „mit der Substanz Spinoza's identifizirt", und zudem diesen Anschluß des großen deutschen Philosophen mit folgenden Worten rechifertigt: „Dieses Zurückgehen von Leibniz auf Spinoza ist aber so wenig ein Rückschritt, wie d»rs Zurückgehen von dem Standpunkte der Naturwissenschaft; in beiden Fällen ist man durch die Fortschritte der Empirie und Induktion in den Stand gesetzt, mhstisch-geniale Konzeptionen eines Früheren a posteriori zu begreifen und zu begründen, ein solches Zurückgehen auf die großen Vorgänger ist also ein wahrhafter Fortschritt und ein bleibender Gewinn; denn es sei mir vergönnt, noch einmal daran zu erinnern, daß der Gang der Philosophie die Umwandlung mystisch-genialer Konzeption in rationelle Erkcnntniß ist." (Philos. des Unbewußten, erste Aufl. S. 455.) Leibniz aber ist für Hartmann eine um so größere Autorität, als die „petites pereeptions“ des Leibniz meines Erachtens den Ansporn zur „mystisch-genialen" Konzipirung der „Philosophie des Unbewußten" gegeben haben dürften. Herr von Hartmann spricht sich sogar einmal — leider nur im Borübergehen — über sein Verhältniß zu Leibniz aus. Ich wäre gespannt, über diese Beziehungen zu Leibniz Zuverlässigeres zu erfahren. Es dürfte sich dabei Herausstellen, daß Herr von Hartmann auch zu Leibniz innerhalb gewisser Grenzen in einer ähnlichen Abhängigkeitsbeziehung steht, wie zu Schopenhauer, Fichte, Hegel und Lotze. in Bezug auf welche Denker uns Hartmann keineswegs im Unklaren läßt, wie sehr sie auf die Gedankengänge der Philosophie des Unbewußten eingewirkt haben. Keinesfalls wird Hartmann leugnen wollen, daß er Leibniz zu den ersten Deukern nicht blos unter den Deutschen zählt. Ist dies aber der Fall, dann bleibt es unbegreiflich, wie er aus der einen Seite ein Zurückgehen des Leibniz auf Spinoza gerade im entscheidenden Punkte der Metaphysik zugeben, auf der anderen aber Spinoza selbst in der Originalität des Denkens abschätzig beurtheilen kann. Hic Rhodos, hie salta: Entweder war Spinoza jener geniale Denker, als welcher er heute von aller Welt gefeiert wird, und nach 1869 - ein Jahrzehnt vor der glücklich abgclaufenen Aera