Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- Seite 591 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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591 war bis vor Kurzen! eine gerechte Würdigung nicht zu Theil geworden. Er war gehaßt oder geliebt, verflucht oder heilig gesprochen worden. Joel will Spinoza in spinozistischem Geiste auffassen; er will ihn „nicht hassen und nicht lieben"; er will ihn begreifen. Man begreift aber einen Philosophen, indem man nicht blos die Bedeutung einzelner Gedanken und den Zusammenhang des Ganzen zu erkennen trachtet, sondern die feste Fügung des Systems auflöst, die Quellen nachweist, denen es entsprungen ist, und damit erst des- Neuen, Originellen sich bewußt wird, das mit dem Alten zu eigenartiger Bildung sich verschmolzen hat. Joel hat mit großer Gelehrsamkeit »nd bewundernswerthem Scharfsinn eine dieser Quellen des spinozistischen Systems aufgewiesen. Er hat gezeigt, daß Spinoza sich nicht bloß abwehrend gegen die jüdischen Exegeten, Theologen und Philosophen des Mittelalters verhalten hat, daß ein Theil seiner Gedanken im Kopfe der mißachteten, vielgeschmähten, von Spinoza selbst übel behandelten Rabbiner entstanden ist. Joel hat in Spinoza nicht blos den „verstoßenen Heiligen" verehrt: er hat auch auf die Schwächen hingewiesen, die ihm nicht ganz fehlen, auf Widersprüche und Jrrthümer, auf Mißverständnisse, Mißdeutungen und andre Menschlichkeiten, die nicht der klare Geist und das reine Gemüth des Philosophen, sondern das vom Gefühl unverschuldeter Kränkung und Anfeindung verletzte Herz des Menschen Spinoza erzeugt hat. Der langen Reihe streng gelehrter Arbeiten über Philosophie früherer Zeit schließen sich zwei Vorträge über Moses Mendelssohn a», in denen die Verdienste des seltenen Mannes um die deutsche Judenheit, die deutsche Sprache und Philosophie in feiner Weise in warm empfundenen Worten dargelegt werden/» Ein Mann wie Joel, der auf der vollen Höhe unserer Zeitbildung stand, konnte sich der Thatsache nicht verschließen, daß die Theologen und Philosophen, deren Gedankengebäude er von Grund aus durchforscht und geschildert hatte, nur für die Geschichte menschlichen Denkens von Wichtigkeit sind; daß ihre Systeme bedeutsame Glieder der Entwickelung der Philosophie bezeichnen, für unser eigenes Denken aber nicht mehr maßgebend sein dürfen. So ist Joels eigene Philosophie nicht an den Vertretern der jüdisch-mittelalterlichen Scholastik, sondern an großen deutschen Denkern herangereift. Joel hat kein eigenes System der Philosophie geschaffen; er wollte kein origineller Philosoph sein. Einen Nichtphilosophen, aber Philosophenjünger nennt er sich selbst einmal, lind wie Biele giebt es auch heutzutage, die sich originelle Philosophen nennen dürften, nachdem Platon und Aristoteles, Spinoza und Leibniz, Kant und Schleiermacher, Herbart und Lotzc zu uns gesprochen haben? Aber verlangen wird man von den Denkenden unter den Gebildeten unserer Zeit, daß sie es nicht vom Zufall abhängig machen, ob sic diesen oder jenen Philosophen sich zum Führer nehmen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß Joel selbständig gedacht und sorgsam geprüft hat, ehe er einem bestimmten System sich anschloß. Kant und Schleiermacher sind, wie er selbst erklärt, die Männer gewesen, die seine Philosophie am entschiedensten bestimmt haben. Und wer könnte sich besserer Führer rühmen? In zwei Schriften -) hat Joel seine letzten Gedanken über Religion und Philosophie und ihre Beziehungen zu einander ausgesprochen. Er rechtfertigt hier, warum er von den Epigonen zu dem alten, nie überwundenen Meister, von den Atheisten und Materialisten zu dem größten Theologen unseres Jahrhunderts sich ') Gedächtnißredc auf Moses Mendelssohn. Aus dem Jahre 1866 in Beitr. Bd. II S. 45 f. — Relig. Vortrag bei der Feier des KXkjähr. Todestages Moses Mendelssohn's, Breslau 1886. -) lieber das Vorurtheil, daß die wahre Philosophie voraussetzungslos sei. Frankels Monatsschr. 1859, 2.125 s. — Religiös-philosophische Zeitfragen. Breslau 1876.; wende, warum er zugleich Philosoph und Theologe sein, zugleich! einen Anhänger der Bibel und Immanuel Kants sich nennen dürfe.! Den vermeintlichen Ueberwindern Kants, den Atheisten und Materia-; listen, den Naturalisten und Pessimisten ruft er zu: Ihr müht Euch; vergebens, den eisernen Ring zu durchbrechen, den Kants weise Besonnenheit menschlichem Fürwitz gezogen hat. Ihr Kraftgenies bleibt; Alle in der Subjektivität stecken, macht Erscheinungen zu Dingen i an sich und Gedankengebilde zu Wirklichkeiten. Kant aber hat; festgestellt, daß alle Beweise für das Dasein Gottes zusammen-! brechen können, ohne daß der Glaube an ihn erschüttert wird. Denn fester als alle Rechenexempel steht der aus der sittlichen! Anlage deS Menschen, aus seinem Fühlen und Wollen hervorgehende! Glaube an ein über aller Endlichkeit stehendes, unendliches göttliches Wesen. Der Mensch ist von Natur gläubig und wird erst durch Kunst ungläubig. Aber Kant bedarf der Ergänzung. Er hat, wie in vielen j Einzelheiten der theoretischen und praktischen Philosophie, so j auch in der Bestimmung des Begriffs geirrt, der uns als einer der wichtigsten erscheint, des Begriffs der Religion. Für Kant war Religion ein Anhängsel der Moral: „der Inbegriff unserer Pflichten als göttlicher Gebote". Aus solcher Anschauung aber ist das, was der Religion ihr eigenartiges Gepräge und ihre höchste Wirkung verleiht, nicht zu begreifen. Erst Schleiermacher hat uns ihr wahres Wesen keimen gelehrt. Religion, so erklärt er, ist zu Wissenschaft und Kunst ' das nothwendige und unentbehrliche Dritte, ist das unmittelbare Bewußtsein der Einheit von Vernunft und Natur, des allgemeinen Seins alles Endliche» im Unendlichen und durch das Unendliche. Dieser Auffassung schließt sich Joel an. Doch folgt er den Gedanken Schleiermachers nicht unbedingt und nicht allerwegen. Er fällt von ihm ab gerade da, wo es sich um den höchsten Begriff, um den der Gottheit handelt. Schleiermacher steht dem Pantheismus Spinozas um ein Bedeutendes iräher, als Joel. Schleiermacher nimmt mit Spinoza an, daß Gott in das Gebiet der Gegensätze und der Endlichkeit herabgezogen werde, wenn wir ihn uns als persönliches, denkendes und wollendes Wesen denken: Joel hält an dem Begriff des seiner selbst und der endlichen Wesenheiten bewußten persönlichen Gottes fest, für ihn ist der Begriff der Vorsehung nicht in unbestimmte Abstraktionen aufzulösen. Der Gott, den die Bibel lehrt, ist nicht der philosophische, aber es ist der weltgeschichtliche Keim zn einem wahrhaft philosophischen Gottesbegriff (Zeitfr. S. 85». So begründet Joel die wahrhafte Gläubigkeit seines Herzens; die Gläubigkeit, die er besaß, nicht aber die Rechtgläubigkcit, die er von sich wies. „Das Wesen aller Rechtgläubigkeit besteht," wie es in seinen Zeitsragen S. 7 heißt, „darin, daß sic einen Zeitpunkt in der Weltgeschichte willkürlich sixirt... . In der Stunde aber, wo die Orthodoxie erwacht, ist die religiöse Schöpferkraft erloschen. Das religiöse Leben erstarrt in Paragraphen, das Unformulirbare wird Formel. An Stelle der Gläubigkeit tritt die Rechtgläubigkeit." Joel fürchtet sich nicht vor der Mythentheoric in ihrer Anwendung auf die Bibel. Er ist geneigt, die Wundererzählungen von Elias und Elisa als „Reflex des Eindrucks dieser Männer auf das Volksgemüth" anzusehen, und glaubt nicht, daß „die Religion geschädigt werde, wenn die fortschreitende Wissenschaft die strenge Naturgesetzlichkeit bis an die fernsten Ecken des Weltalls nachweist" (das. S. 10 f.). Religion und Philosophie sollen einander ergänzen und nicht bekämpfen. „Eine Metaphysik, die das religiöse Bedürfniß nicht befriedigt, ist keine, und eine Religion, die sich bei der Metaphysik nicht ausweisen kann, entzieht sich dem einzigen Richterstühle, den Gott auf Erden für solche Dinge errichtet hat, der Vernunft" (das. S. 4).