Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- Seite 590 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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500 „Blicke" eine weitere Ausführung gefunden hat, kann als eine Geschichte! des Juden- und Christenhasses in den ersten Jahrhunderten der > römischen Kaiserzeit betrachtet werden. Joel weist nach, wie die Fabeln,! die Unwissenheit und Bosheit in alerandrinischer Zeit ersonnen! hatten, von bedeutenden, aber gar zu vertrauensvollen Schriftstellern! nachgesprochen und durch ihre Autorität bekräftigt, der späteren Zeit | als geschichtliche Thatsachen überliefert wurden. Er weist auf die; Leichtfertigkeit, die Herzlosigkeit rmd Ruchlosigkeit hin, mit der das! Heidenthuin in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die j Christen anfeindete und Beschuldigungen auf sie häufte, die auch nur j nachzuerzühlen die Feder sich sträubt. Es sind freilich zum Theil i dieselben Beschuldigungen, die in viel späterer Zeit mit gleicher! Bestimmtheit und gleicher Leichtfertigkeit von orthodoxen Christen gegen ketzerische christliche Sekten und gegen Inden geschleudert! wurden und noch heute nicht ganz verstummt sind. Tief in die Entstehungszeit der größten religiösen Bewegung, welche die Geschichte kennt, in die Geburtszeit des Christenthums,! führen die Blicke in di e Rc ligi o nsg eschichte uns ein. Hier werden i zahlreiche Fäden aufgewiesen, die Heidenthum, Judenthnm i unb Christenthum aneinander binden; christliche Urkunden werden durch Hinweisung auf altgriechische, hellenistische, talmndische Schriften erläutert, schwierige Stellen des Talmuds und der Midraschim durch Vergleichung der Evangelien und der Kirchenschriftsteller erklärt und manche dunkle Erscheinung der Gegenwart durch analoge Thatsachen der Vergangenheit aufgehellt. Besondere Förderung ist der Geschichte des Hellenismus und der Religionsphilosophie durch diese zwei Bändchen zu Theil geworden. Sie geben wichtige 'Ausschlüsse über die Beziehungen der Talmudlehrer zur griechischen Sprache, die Stellung des jung aufstrebenden Christenthums zur Mutterreligion, über Deutung des Bibelwortes und die Apokryphen. Lange Zeit war die in Bruchstüeken erhaltene Schrift eines angeblichen Peripatetiters Aristvlml, die von tendenziösen! Fälschungen altgriechischer Dichtungen wimmelt, den Forschern ein i schwer lösbares Problem, den Juden ein stehender Vorwurf; denn als Zeicheir eines ihnen angeborenen Hanges zum Betrüge sahen Viele diese Bruchstücke a». Rach dem Vorgänge älterer Gelehrten, aber mit neuen Gründen und in meisterhafter Beweisführung wird das Problem gelöst und die Schrift als zurr frans eines im zweiten Jahrhundert lebenden Christen erwiesen. — Nicht minder werthvoll sind Joels Nachweisungen über die alte mystische Lehre des Christenthums, > die Gnosis. Tie rein orientalischen Elemente werden bedeutend ein-! geschränkt, reichfließende griechische Duellen anfgedeckt und der Einfluß griechischer Anschauungen auf gewisse der Gnosis verwandte jüdische Lehren nachgewiesen.! Doch verhültnißmüßig gering sind die Einwirkungen des Griechen-; thums und des Hellenismus ans die ältere jüdische Litteratur ge-! blieben; um so bedeutender erber ist der Einfluß, den griechische Philo- > svphie und Wissenschaft auf die jüdische Litteratur des Mittelalters I ausgeübt haben: die jüdisch-mittelalterliche Religionsphilosophie ist aus i dem Bunde hervorgegangen, den die Religion der Bibel mit der! Philosophie Griechenlands geschlossen hat. Die große und werthvolle Thätigkeit der jüdischen Philosophen : des Mittelalters war, als Joel zuerst mit seinen Veröffentlichungen i hervortrat, wenig gekannt. Die Quellen, aus denen sie geschöpft : haben, waren verdeckt, der Zusammenhang ihrer Gedanken unbeachtet, der Einfluß, den sie ausgeübt, kaum geahnt. Joels Schriften') \ 0 Die hierher gehörigen Schriften Joels sind: Saadias. Vortrag; aus dem Jahre 1865. Abgedr. in den Beiträgen Bd. II. Anh. S. 61 f. — Jbn Gabirvls Bedeutung für die Geschichte der Philosophie, in Frankels Monatsschrift, 1857, t858, 1859, abgedr. in Beitr. Bd. I, Anh. haben zusammen mit den ungefähr gleichzeitigen ausgezeichneten Arbeiten S. Munks besserer Erkenntniß die Bahn gebrochen. Die machtvolle Persönlichkeit eines der ältesten in der Reihe dieser Männer, des Gaon Saadias, beleuchtete ein allerdings wenig ins Einzelne gehender Vortrag aus dem Jahre 1865. Um so werthvoller aber sind die Abhandlungen über Salomon Jbn Gabirol, den frommen Dichter und tiefsinnigen Denker. In ihnen werden zum ersten Male seine Beziehungen zum Neuplatonismus, der Sinn seiner Philosopheme, seine Bedeutung für die Geschichte der Philosophie dargethan, noch bevor Munk im zweiten Bande seiner Melanges seine tief eindringenden Forschungen über Gabirol veröffentlicht hatte. — In einer Programmschrift über Maimonides liefert Joel einige Jahre später ein kleines, treu gezeichnetes Bild der Philosophie des Mannes, der ein Führer der Zweifelnden und Irrenden Jahrhunderte hindurch gewesen ist, und in einer zweiten Schrift weist er auf den Einfluß hin, den dieser Mann auch auf die christliche Scholastik ausgeübt hat. — Eine Fortsetzung dieser Arbeit gab Joel in der fünf Jahre später erschienenen bedeutenden Abhandlung über Lewi ben Gerson, den Theologen des vierzehnten Jahrhunderts, der seinerseits das Werk Maimons fortgesetzt hat und über die Vielschreiber, Sammler und Schöngeister seiner Zeit hervorragt, wie Maimonides über die ihm voraufgehenden Denker des jüdischen Mittelalters. Maimonides war der gelehrten Welt durch vielfache Uebersetzungen und manche wenn auch ungeniigende Bearbeitung seiner Philosophie bekannt geworden. Lewi ben Gerson, von dessen zahlreichen Schriften nur Weniges ins Lateinische übersetzt ivar, ist erst durch Joel nach Gebühr gewürdigt und der Wissenschaft zugänglich gemacht worden. Joel schildert seinen Lebensgang, seine Schriften, zeigt seine Bedeutung und Leistungen, den Einfluß, den er übte und — die Grenzen, die dieser Geist nicht überschreiten sollte: die künstliche Deutungsweise der Bibel, die gezwungene Harmonistik zwischen Religion und Philosophie, die seltsame Altegoristik, die in philonischer Manier im Hohenliede die theoretische Philosophie, in Kohelet die ganze praktische Pilosophie des Aristoteles wiederfindet. — Der Gegner der Gersonideischen Religionsphilosophie ist der scharfsinnige 6 h a S d a i Kreskas. Er war gänzlich verschollen. Sein Hauptwerk ist in grenzenloser Verunstaltung auf unsere Zeit gekommen; kein Geschichtschreiber vor Joel nannte seinen Namen; daß Spinoza ihn gekannt und geschützt hat, war vergesse». Joel hat das nie übersetzte, in schwerfälligem Hebräisch geschriebene philosophische Werk des Chasdai in die Geschichte der Philosophie eingeführt, in seiner Bedeutung für die Geschichte menschlichen Denkens ersaßt und seinen Einfluß auf einen der größten Denker aller Zeiten, auf Spinoza, nachgewiesen. Diesem selbst sind nicht blos gelegentliche Erörterungen in den erwähnten Schriften, sondern zwei besondere Abhandlungen') gewidmet, die zum Bedeutendsten gehören, was über den gewaltigen holländischen Philosophen in unserer Zeit geschrieben ist. Spinoza S. 1 f. — Die Religionsphilosophie des Mose ben Maimon. Breslau 1859. — Levi ben Gerson (Gersonides) als Religionsphilosoph. Breslau 1862. - Verhältniß Albert des Großen zu Moses Maimonides. Breslau 1863. — Don Chasdai Kreskas religionsphilosophische Lehren in ihrem geschichtlichen Einflüsse dargestellt. Breslau 1866. — Die vorstehenden Schriften sind gesammelt in Beiträge zur G esch. der Philosophie. 2Bde. Breslau 1876. — Ferner sind hier zu nennen: lieber den wissenschaftlichen Einfluß desJudenthums auf die nichtjüdische Welt. Vortrag aus dem Jahre 1861. Abgedr. in Beitr. Bd. II. S. 75 f. — lieber den Einfluß der jüdischen Philosophie auf die christliche Scholastik, aus dem Jahre 1860. Abgedr. in Beitr. Bd. I. S. 69 f. ') Spinozas theologisch-politischer Traktat auf seine Quellen geprüft. Breslau 1870. Zur Genesis der Lehre Spinozas. Breslau 1871.