Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-27 · Heft 46 (27.11.1890) · p. Seite 589

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 46 (27.11.1890)
Date
1890-11-27
Page
Seite 589 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227872--47523-3269050
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

589 ihnen verließen ihre Heimath und wurden in Amerika Straßenfeger, Kellner oder Holzhauer, oder aber Ackerknechte in den jüdischen Kolonien zu Palästina. Tic große Masse, die von den Gymnasial- und Universitätsstndien oder von einer jeden Anstellung nach beendetem Studium ausgeschlossen wurde, verharrte in der Heimath in dumpfer Verzweiflung, und die Zahl dieser ist wahrlich keine geringe, wenn man bedenkt, daß in diesem Jahre von 157 Abiturienten im Lehrbezirk Kiew nur 50 zum Studium zngelassen worden sind. Wie viele daselbst und wie viele im ganzen Reich von den Gymnasien und Universitäten, woselbst immer nur ein gewisser Prozentsatz Aufnahme findet, verwiesen sind, und wie viele Stndirte und Examinirtc brodlos nmhergehe», entzieht sich jeder Berechinmg. Ziehen wir das Resultat aus allen diesen Darlegungen bezüglich der „gesetzlichen" Verfolgungen der Juden in Rußland, so werden nur sagen dürfen: Mehr als eine Million Juden sind mit Vernichtung ihrer gesammten Existenz bedroht, wenn die Ausnahmegesetze überall in derselben Strenge zur Anwendung kommen, und die übrigen drei; bis vier Millionen leiden gleichfalls mehr oder minder unter diesen 1 und noch vielen anderen beschränkenden Ausnahmegesetze». Alle aber möchten vergehen vor Gram und Schmerz über das Elend der Betroffenen, sowie über die unwürdige Behandlung, welche der Jude in Rußland gemeinhin zu erdulden hat. Möge der Herr Gesandte der Bereinigten Staaten versuchen, diese Thatsachcn abzuleugnen, wenn er es vermag. U Ueber die wissenschaftliche Thätiykeit Nr. M. 3oel?. Bon Prof. Dr. I. Freud ent Hai in Breslau. Aus segensreicher Wirksamkeit hat ein zu früher Tod den ebleit Mann gerissen, der siebenundzwanzig Jahre als Rabbiner lmd Prediger beu Mittelpunkt der Breslauer jüdischen Gemeinde gebildet hat. Allgemein ist die Trauer um seinen Verlust; denn eilt Schatz oon Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit, von Scharfsinn, Witz und Gelehrsamkeit ist mit ihm ins Grab gesenkt worden. Wer ihn gekannt, wer ihn als Menschen geliebt, als Gelehrten hochgeschützt, als Redner bewundert hat, der weiß, daß wir seinesgleichen nicht Wiedersehen werden. - Doch wenn man jetzt voll Trauer an Alles sich erinnert, was Joel war lind was nun für immer verloren ist, so ziömt es sich, auch dessen eingedenk zu sein, was von ihm nie verloren gehen lvird. In einer großen Anzahl von Schriften hat Joel der Gegenwart und kommenden Geschlechtern ein Erbe hinterlassen, das ihn überdauern wird. Es erscheint als Pflicht gegen den Heimgegangenen, dieses geistigen Erbes zu gedenken und zu zeigen, wie viel vom Geiste Joels seinen Freunden und Verehrern geblieben ist. Freilich, nicht leicht ist der zu finden, der Joels schriftstellerische Wirksamkeit in ihrem ganzen Umfange würdigen könnte, lieber Gebiete des biblischen, talmudischen und jüdischen mittelalterlichen Schriftthurus, des Hellenismus und der Scholastik, der Theologie und Philosophie erstrecken sich die Arbeiten Joels. Er hat außerdem eine große Zahl gedankenreicher Predigten veröffentlicht und in mehreren kleineren Schriften über soziale und religiöse Fragen, welche die Gegenwart bewegen, sich ausgesprochen. Selten wird man einem Gelehrten begegnen, der wie Joel zugleich Philologe und Theologe, Philosoph und Orientalist zu sein nch rühmen dürfte. Der Schreiber dieser Zeilen, dem tiefe Verehrung für den Heimgegangenen Lehrer und Freund die Feder in die Hand drückt, darf nur über einen Theil seiner Schriften ein Urtheil sich gestatten; doch ist es der Theil, der dem Verewigten selbst als Mittelpunkt seines Denkens und Schaffens erschienen ist und von dem aus Licht auf die gesammte verdienstvolle Thätigkeit eines weitumfassenden Geistes füllt: es sind die hellenistischen, religionsphilosophischen und philosophiegeschichtlichen Werke Joels. Im Jahre 1855 begann Joel seine schriftstellerische Thütigkeit mit einigen trefflich geschriebenen Biographien jüdischer Weisen aus der Zeit des Talmuds.') Sehr bald aber erkannte er, daß die talmudische Litteratur, wie kundig er ihrer auch sein mochte, nicht das Feld war, zu dem Neigung und Begabung ihn führten, daß er berufen sei, auf Gebieten, die zugleich der Geschichte, der Theologie und Philosophie angehören, Bedeutenderes zu leisten. Er wendete sich dein jüdischen Hellenismus, der Philosophiegeschichte, der Religionsphilosophie zu, und eine lange Reihe ausgezeichneter Arbeiten, die seinen Namen bekannt und berühmt gemacht haben, ist die Frucht dieser Beschüftigung geworden. Die interessanteste, aber auch vielleicht die dunkelste Periode der Weltgeschichte ist die Zeit jener wunderbaren Vereinigung oceidentalischen und orientalischen Geistes, aus der unsere moderne Kultur hervorgegangen ist. Es ist die Zeit, in der Griechen, Römer, Aegypter, Babylonier und Inder miteinander in Berührung traten, ihre Anschauungen, Religionen und Philosopheme einander mittheilten; die Zeit, in der auch dos Judenthum aus seiner starren Abgeschlossenheit heraustrat, für die Hoheit griechischer Kunst und Litteratur sich begeisterte und mit griechischen Anschauungen sich erfüllte; die Zeit, in der das Christenthum als gewaltigste geistige Macht zugleich dem Judenthum und dein Heidenthum sich gegenüberstellte. In diese Zeit der Völkerverbindung und der Glaubenstrennung, des Kampfes und der Versöhnung, der religiösen, politischen und sozialen Gührung führen uns Schriften Joels über Philon, ein Vortrag über die Angriffe des Heidenthums gegen Juden und Christen und die Blicke in die Religionsgeschichte.-) In den Philon und seiner Philosophie gewidmeten Arbeiten entwirft Joel wohl abgerundete, lebhaft gezeichnete Bilder der merkwürdigen Zeit, die biblische und griechische Elemente zu folgenreichem Bunde vereinigt hat, und des Mannes, dessen Lebensaufgabe diese Vereinigung war und der den Höhepunkt der jüdisch-hellenistischen Religionsphilosophie bezeichnet. — Der Vortrag über die Angriffe des Heidenthums gegen Juden und Christen, der im zweiten Band der >1 Rabbi M e,r in Frankels Monatsschr., I. 1855, S.88s. 125 f.. R. ©tnion b. Iochai. daselbst Iahrg. 1856. — Die hervorragendsten Vertreter der A kiba swen Sch u le das. Iahrg. 1857, S. 81 f., 125 f. lieber den Talmud hat Joel später geschrieben: Etwas über die Bücher Sifra und Sifre, Breslau 1878. Gutachten über den Talmud, Breslau 1877, und in den „Blicken in die Religionsgeschichte". —- Die biblische Litteratur behandelt Joe! in zahlreichen Werken gelegentlich; außerdem in den 1878 erschienenen Schriften: Notizen zum Buche Daniel. Vortrag über das Buch Daniel. Erwähnt seien an dieser Stelle auch die beiden Gelegenheitsschriften: Zur Orientirung in der Kultusfrage, Breslau 1866. — Zum Schutz gegen Trutz, Breslau 1866. -) lieber Ph i 1 on, den hervorragendsten Vertreter der jüdischalexandrinischen Geistesrichtung. Zwei Vorträge aus dem Jahre 1862. Abgedr. in Beiträge zur Geschichte der Philosophie Bd. II, Anh. S. 12f. - lieber einige geschichtliche Beziehungen des Phi tonischen Systems (ans dem Jahre 1868). In Beitr. Bd. I. Anh. S. 53 f. - Die Angriffe des Heidenthums gegen Juden und Christen in den ersten Jahrhunderten der römischen Cäsaren. Breslau 1879. -- Blicke in b i e Religionsgesch ichte zu Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts. Bd 1: Der Talmud und die griechische Sprache nebst zwei Exkursen über Ariftobul und die Gnosis. Breslau 1880. Bd. II: Der Konflikt des H e i de n thu m s mit dem Christenthum in seinen Folgen für das Judenthum. Breslau 1888. — Eine Ergänzung zum zweiten Theile erschien in der Jubelschrift zum 70. Geburtstage des Prof. Dr. H. Kraeh S. 172 f. Breslau 1887.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.