Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 46 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- Seite 588 (sequence 4)
- Language
- German
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Herren einen Rückhalt gegen Vergewaltigung Huben. Auch uns Preußi schenl Gebiete giebt es solche russisch-jüdische Gutspächter. (>*in solcher ist Mitglied unserer Kreis-Synagogeugemeiude. Der tOutspachter Simon Hut oor etwa 10 Jahren von der preußischen Regierllllg die Domäne „Lindeuhof", unmittelbar an dein russischen Grenzkordon gelegen, gepachtet und hat das sehr utnfaugreiche, aber arg vernachlässigte und verwahrloste Gut in sehr guten Zustand gebracht. GS war wohl nicht mehr als billig, daß dem sehr thätigen und umsichtigen Landwirthe erst in jüngster Zeit als Anerkennung die Naturalisation zu Theil geworden ist. Durch dieses Beispiel haben wir Werth und Wesen der jüdischen Gutspächter in Rußland kennzeichnen wollen. Am meisten habcn wohl unter bcm gegenwärtigen Regime in Rußland die „jüdischen Kolonien" zu leiden. Die ersten Direktiven zur Begründung solcher jüdischen Ackerbau-Kolonien stammen uns dem Jahre 1800 von Alexander 1. Rieolaus 1., der Bruder Alexanders, welcher 1825 zur Regierung kam, hat das Werk seines Vorgängers noch zu fördern und zu erweitern gesucht. Beide Regenten waren von den wohlwollendsten Absichten in Betreff der Juden beseelt, allein gewissenlose Beamte vereitelten das gute Werk, bedrückten die armen Kolonisten, sogen sie ans und machten ihnen das Leben zur Hölle. Trotzdem haben sich diese jüdischen Kolonien theilweise bis aus den heutigen Tag erhalten, werden aber gegenwärtig in einer Weise behandelt, welche die Absicht durchblicken läßt, sie so lange zu schinden und zu Pressen, bis sie, der Noth gehorchend, ihre Besitz'thümer verlassen und fortwandern. Erst in jüngster Zeit habe ich Personen gesprochen, welche die Kolonien in den Gnbernien Cherson und Jekaterinoslaw ganz genall kennen und wahrhaft haarsträubende Dinge über die Behandlung dieser armen Menschen erzählen. Wer sich eine genauere Kenntniß dieser jüdischen Kolonisationen verschaffen will, der nehnle das im Jahre 1880 im Berlage von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. erschienene Buch von Julius Elk: „Die Geschichte der jüdischen Kolonien in Rußland", zur Hand. Für den Bölkerpivchologen uild Kulturhistoriker eine Fundgrube von höchstem Werth. Wie man mit jüdischen Grundbesitzern verfährt, davon ein Beispiel aus jüngster Zeit. Im Jahre 1800 hatte Kaiser Alexander 11. den Inden gestattet, Ländereien zu erwerben. Eine Erlaubnis;, die übrigens scholl hu darauffolgenden Jahre wieder rückgängig gemacht wurde. Eill vermögellder Israelit hatte daraufhin das (Kilt Erewin bei Ostrog käuflich erstanden, konnte aber Eiiltragung uild Kaufbrief nicht erlmigen, weil mittlerweile die Verordnung wieder aufgehoben worden war. Auf Anordnung des General-Gouveriieurs erhielt der Genannte trotzdem seine Besitzestitel. Jetzt soll mut der Kauf für null und nichtig erklärt werden, weil angeblich AnordliMigeii des General-Goiiverueiirs keine Gesetzeskraft besitzeil. Die Sache schwebt noch in höhereil Instanzen. So lange blieb der Mann im ruhigen Besitz seines wohlerworbenen Eigenthnms, das ihlll erst jetzt mit Gewalt entrissen werdeii soll. Bis vor nickst langer Zeit durften gewisse Klassen der jüdischen Bevölkerung sich überall im ganzen russischen Reiche seßhaft machen. Hierzu gehörten tu erster Linie die an einer Staatsschulanstalt lind an den Universitäten gebildeten und absolvirten Personen, ferner die Kaufleute erster Gilde uild die zünftigen Handwerker. Jetzt sind diese Vergünstigungell bedeutend eingeschränkt, theilweise ganz aufgehoben worden. Damit aber begannen die Judenhetzeil, wie solche noch nie dagewesen sind. Kein Erbarmen wird geübt, die Judenrazzias nehmen gar kein Ende. Straßen lverden abgesperrt unb die Häuser nach Juden durchsucht, welche unberechtigterweise sich am Orte aufhalten. Besonders benutzt man zu solchen Razzias den Freitag Abend, wenn die Juden in den Häusern unb Familien beisammen sind, lim in aller Ruhe und Geluüthlichkeit die Sabbathfeier zll beginnen. Oft werden auf diese Weise drei-, vierhundert Menschell gleich Verbrechern festgenolnmen, eingesperrt, um delllllächst mittelst Schubs „abgeschafft" und nach bcm Judenghetto des Reichs verwiesen zu lverden. Personell, die dreißig, vierzig Jahre hindurch an einem Orte gewohnt haben innerhalb des Gouvernements, woselbst der Jude nicht wohnen, nicht einmal über 24 Stunden sich aufhalten darf, müssen Hab und Gut veräußern und nach ben Gouvernements sich wenden, die mall als „jüdisch Rußland" Zli bezeichnen pflegt, woselbst sie als völlig verarmte lind ruinirte Menschen ankommen. Und voll diesem Geschick sind Hunderttausende bedroht lind betroffen. Das Recht, überall wohnen, zu bxirfen, hatten ehemals auch die ausgediellieu Soldaten; besonderer Vergünstigungen hatten sich außerdem diejenigen zu erfreuen, welche eine militärische Charge erlangt hatten, und deren gab es in der russischen Armee früher sehr viele. Das hat nun jetzt gallz aufgehört: bem Juden ist alle lind jede Charge verwehrt, unb der Soldat wird, wenn er seine Dienstzeit beendet hat, sofort llach seiner Heimath, von welcher er gekolllinen und genonnnen worden, zurückverwiesen. Tie Soldaten bliebelt ehelnals gern all ihrem Garuisousorte, woselbst sie so lange gelebt und alle örtlichen, persönlichen lind wirthschaftlichen Zllstände kannten. Das hat jetzt aufgehört; sie erhalten ihren Militärpaß und müssen zurück in ihre Heimath, vorallsgesetzt, wenn sie eine Heimath haben. Das ist sehr leicht möglich, wie der nachfolgende, erst in jüngster Zeit vorgekommene Fall beweist. Eill Soldat hatte sechs Jahre an einem Garnisonsort des innern Rußlands gedient und lvollte gern daselbst sich niederlassen, allein er wurde gewaltsam fortgewiesen unb wollte nun nach seiner Heimath sich begeben. Diese Heimath war ein Ort auf dem flachen Land, woselbst mau mittlerweile allen jüdischen Bewohnern den fenteueu Aufeuthalt untersagt hatte. Als nun der Soldat daselbst allgelallgt war, hatte mall llichts Eiligeres zu thun. als ihll auch aus diesen! Orte zll entfernen. Sechs der bestell Lebensjahre bem Soldatendienste gewidmet und als Lohn dafür zum Vagabunden gemacht, ein schweres Loos, das Viele betroffen hat! Wenn man die Leiden und Verfolgungell der russischen Juden darzustellen trachtet, darf man eine Klaffe nicht unerwähnt lassen, innerhalb welcher die Helle Verzweiflung Platz gegriffen. Wir meinen die Abiturienten der Gymnasien unb Absolvirte der Universitäten. Niemals und nirgends hat es enragirtere und exaltirtere Patrioten gegeben, als die Klasse der Studirenden in den siebziger und Anfangs der achtziger Jahre. Ihr Rußland bedeutete für sie das Höchste auf der Welt. Mit Verachtung, bestenfalls mit Bedauern blickten sie auf die Bewohner anderer Länder, mit Verachtung und Bedauern gallz besonders auf ihre jüdischen Glaubensgellossen innerhalb lind außerhalb Rußlands. Diese allesamiul erblickten sie tief unter sich stehend, denn sie gehörten ihrem Rußland au, unb diesem Rußland gehörte die Zukunft. So trieben sie einen Götzendienst mit ihrer russischen Heimath, weit schlimmer als der wildeste Panslavist. Wer die russischen jüdischen Studienbefliffenen aus damaliger Zeit alich nur so obenhin gekannt hat, der wird zugesteheu müssen, daß wir uns bei dieser Schilderung and) nicht der kleinsten Uebertreibung schuldig gelliacht haben. Die besten Patrioten Rußlands waren ehemals die rllssischeu Studirenden und Studirten. Um so gewaltiger und ergreifender war der Umschlag der Gesinnung, als sie erkennen . mußten, daß gerade sie vorzugsweise ausersehen seien, als erstes; und Hauptopfer dem Judenhaffe und der Judenverfolgung auheinl- : zufallen. „Su tliora w’su s’ehora“, „das also ist das Studiuni und das sein Lohn!" so schrieen sie aus mit jenem altjüdischen Märtyrer, ben man langsam zu Tode peinigte. Starte Geister unter