Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1890)
- Date
- 1890-11-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 dritten Abtheilung dürften nicht von einem Großkaufmann vertreten werden, sondern nur von einem Handwerker. Als Vertreter des Hand- Werks wurde aufgestellt ein - Großbierbrauer. Auch der antisenntische Resormverein agitirte eifrig gegen Nathan. Trotzdem wurde derselbe mit großer Majorität wiedergewählt. -*e Litblinitz, 8. November. Diese Woche gehört dem Gedächtniß des Mannes, der in Schlesiens Hauptstadt unter der Trauer des gesummten deutschen Israels, soweit es der ernsten und der populären jüdischen Wissenschaft huldigt, zu Grabe getragen wurde, des verstorbenen Rabbiners Dr. M. Joöl, und auch in der hiesigen Synagoge gedachte seiner unser Rabbiner, Herr Dr. Friedmann, als „des Fürsten Gottes" (1. Nt. 23, 6), der er in seinem Amte, auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft und in der Ausübung der Humanität und der Menschenliebe gewesen. In letzter Hinsicht aber sei hier folgender Fall besonders erwähnt. Es war vor wenigen Jahren, in der traurigen Zeit der Ausweisungs-Epoche, als eine Familie aus Breslau ausgewiesen wurde, die aber doch dringend wünschte, diese Maßregel aus besonderen Gründen wenigstens auf einige Monate verschoben zu sehen. Man wandte sich dieserhalb an Dr. Joül, und ein Wort genügte, um ihn zu veranlassen, daß er wahrscheinlich zum ersten und letzten Male — eine Audienz beim Herrn Oberpräsidenten nachsuchte. Sie wurde ihm bewilligt. Da er bekanntlich schwer hörte, versah er sich mit seinem „Rohre" und mit einem Begleiter, und herrlich und erquickend war es zu hören, wie geschickt und einnehmend er sein Gesuch vortrug. Und das kurze und gnädige Wort des Herrn ObUpräsidenten: „Ich werde sofort verfügen" — zeugte in der That von dem günstigen Erfolge des unternommenen Schrittes. Oberingelheim, 17. November. Gestern wurde einer der Edelsten in unserer Lehrerwelt zu Grabe getragen: Josef Klingenste in weilt nicht mehr unter den Lebenden. Ein Schüler Diesterwegs, stand er Zeit seines Lebens im Kampfe für Fortschritt und Reform in erster Reihe. Seine Verdienste um die jüdische Lehrerschaft, wie um das jüdische Lehrwesen in Deutschland sind bedeutend. Er war Mitbegründer der „Achawa", der er bis zu seinem Tode als Vorstandsmitglied angehörte; Jahre hindurch war er Leiter des „Synodalblattes" und der „Jüdischen Schulzeitung". Noch wenige Monate vor seinem Hinscheiden hat er die israelitischen Lehrer Hessens zu einem Verbände zusammengerufen. Auf ben Synoden und dem ersten Gemeindetag wirkte er eifrig mit, beim deutsch-israelitischen Gemeindebund bekleidete er das Amt eines Delegirten und nahm an der Schulmännerversammlung zur Ausarbeitung des Normalplans für die einklassige Volksschule im Jahre 1884 thätigen Antheil. Möge dem wackeren Lehrer die Erde leicht sein! * Darmstadt, 14. November. Wie bereits angedeutet, hat die Aeußerung des Großherzogs von Hessen zu der Deputation der israelitischen Gemeinden Hessens über den Antisemitismus noch entschiedener gelautet, als dies aus dem Erlaß des Ministers Finger ersichrlich ist. Der Großherzog von Hessen hat insbesondere Bezug genommen auf die wiederholt geäußerten Worte seines Schwagers, des nun verstorbenen Kaisers Friedrich: „Diese ganze Bewegung ist mir ein Greuel; ich verabscheue sie aufs Lebhafteste!" * Karlsruhe, 9. November. Hier fand gestern ein Parteitag der badischen Nationalliberaleu statt. Das wichtigste Moment der Versammlung besteht in der Erklärung, daß die badische nationalliberale Partei die Bekämpfung der Stöcker'schen Konservativen als eine Ehrensache ansehen müsse. Nicht einer von den 120 Delegirten sprach sich für ein weiteres Zusammengehen mit den Konservativen aus. Thorbeke (Mannheim) erklärte es für die Pflicht jeder liberalen Partei, gegen den Antisemitismus Front zu machen, und forderte alle nationalliberalen Bezirksvereine auf, in Partei-Flugblättern die ländlichen Wähler vor den antisemitischen Agitatoren zu warnen, wie das bereits von Mannheim aus geschehen ist. -8k Mannheim, 14. November. Am 31. v. Nt. beging Herr Seilermeister Max Hallenstein mit seiner Frau Johanna geb. Dewald das Fest der silbernen Hochzeit. Obschon das Jubelpaar den Tag streng geheim hielt, wurde er doch bekannt, und war es dann eine rechte Freude mit anzusehen, wie dem würdigen Paare aus allen Schichten der Bevölkerung unzählige Beweise größter Verehrung und Beliebtheit gezollt wurden. Besonders bemerkenswerth sind u. A. zwei, dem Jubelpaar gebrachte Ovationen, die eine von Mitgliedern des H o sthe ater-Or ch est ers, die andere von den Vorsteherinnen und Schülerinnen des hiesigen evangelischen „Martha-Hauses" Herr Hallenstein, findet trotz seines schweren Berufs, dem er mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit obliegt, immerhin noch Muße, den schönen Künsten zu huldigen; so iff derselbe Mitbegründer des hiesigen „Synagogenchors" und des Gesangvereins „Liederkranz", welch' beiden Instituten er ununterbrochen bis heute 35 Jahre als aktives j Mitglied angehört. Von Seiten des großherzoglichen Synagogenraths und des Vorstandes des „Liederkranz" wurden ihm deshalb ganz besondere Auszeichnungen zu Theil. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 11. November. In den letzten Tagen hat hier eine Berathung in Angelegenheit der Zwöl f - Mi llionen - Stiftung des Barons M. v. Hirsch stattgesunden. In dieser Konferenz gab Baron Hirsch der Hoffnung Ausdruck, daß die Verhandlungen mit der österreichischen Regierung in gedeihlicher Weise ehestens zum Abschluß j kommen werden, da es ihm daran gelegen ist, daß das geplante Werk! nicht in provisorischer, sondern in definitiver Weise zu Stande komme, I was nur durch Genehmigung der Statuten erfolgen kann. Sicherlich! werde bald ein Modus gefunden werden, um die Verhandlungen zu! einer raschen Entscheidung zu bringen. In der Zwischenzeit sollen jedoch! auf Wunsch des hochherzigen Spenders die Schulbedürftigen Galiziens nicht leiden, und es werden schon jetzt viele Tausende verausgabt für die Errichtung von Schulen und Handwerkstätten in dem genannten Lande. Hoffentlich wird die österreichische Regierung sich der Verantwortlichkeit bewußt sein, welche sie auf sich laden würde, falls das begonnene Werk, welches dem Lande Hunderttausende intelligenter, nützlicher Staatsbürger heranziehen soll, durch die Verzögerung der Ge-! nehmigung der Stiftung im Zustandekommen behindert würde.! * Wien, 10. November. Aus Anlaß des vierzigjährigen Regierungsj Jubiläums des Kaisers Franz Josef 1. errichtete die hiesige israelitische! Kultusgemeinde in der Seegasle Nr. 9 an Stelle des ehemaligen Spitals; ein neues Altersversorgungshaus, in welchem am 12. Mai d. I.! die feierliche Schlußsteinlegung stattfand. Im Laufe des Sommers! wurde die innere Einrichtung des Gebäudes, entsprechend den Anforde- - rungen der Neuzeit, durchgeführt, so daß die bisher im alten Ver-! sorgungshause in Pflege gewesenen, sowie die vom Vorstande neu-! aufgenommenen Pfründner - Männer und Frauen — in den letzten! Oktobertagen, beziehungsweise in den ersten Tagen des Monats November successive ihr neues Heim bezogen, und am 4. November die eigentliche 1 Eröffnung der Anstalt, wenn auch in aller Stille, erfolgen konnte. Aus diesem Anlasse wurde in dem im Hause befindlichen Betsaale ein einfacher Abendgottesdienst abgehalten, welchem außer den Pfleglingen des Hauses der gesammte Vorstand nebst einigen geladenen Gästen beiwohnte. Wir bemerkten unter diesen die Herren Angelo R. v. Kuh, Ludwig August Frankl, R. v. Hochwart, Em. Baumgarten, Donat Zifferer, Dr. Löbel, Oberkantor Singer u. A. Vorerst wurde vom Rabbiner Dr. Güdemann das „ewige Licht" in üblicher Weise angezündet. Nach j dem Minchagebete sprach sodann Kantor Schiller vor der offenen Bundes- | lade das Kaisergebet in hebräischer Sprache. Mit dem Abendgebet schloß - die kurze Feier. Hierauf besichtigten die Herren das Haus in allen! Räumen und sprachen sich über die praktischen Einrichtungen beffelben | sehr anerkennend aus. Was zunächst die eigentlichen Wohnzimmer I betrifft, so sind sie für 1 bis 3 Personell bestimmt, einfach aber nett j möblirt und entsprechen allen sanitären Allforderungen. Bisher fanden! 40 Greise und Greisinnen Aufnahme, unb kann deren Zahl, falls die nothwendigen Mittel aufgebracht werden, bis auf 100 vermehrt werden. Die Korridore sind geräumig und so wie die Wohnzimmer mittels einer vorzüglich funktionirenden Centralheizung auf eine angenehme Temperatur zu erwärmen. Die im Souterrain befindliche Küche ist musterhaft eingerichtet und wird in eigener Regie der Verwaltung geführt. Mittels eines Aufzuges werden die Speisen in die Stockwerke und von hier in die Zimmer der Pfleglinge befördert. Der Betsaal ist ziemlich geräumig und dem Zwecke entsprechend eingerichtet. Durch die Munifizenz einiger Spender ist sogar ein gewisser Grad von Eleganz erreicht. Frau Khuner spendete ein Sefer, welches sie den Zwecken des Altersversorgungshauses widmete. Im Betsaale soll zunächst am Sabbath und an Festtagen, sowie an gewissen Gedenktagen Gottesdienst abgehalten werden. Auch ein Lesezimmer wird demnächst eingerichtet werdell. Ein an ben Tempel angrenzender bequemer Saal ist hierzu bestimmt. * Budapest, 4. November. Während des letzten in Botoschani abgehaltenen Kongresses der rumänischen Univerfitätsstudenten sind bedauerliche antisemitische Exzesse vorgefallen. Nach dem zu Ehren der