Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1890)
- Date
- 1890-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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54. Jahrgang. «r. 45. Berlin. 20. November 189<^ Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums^. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. A Berlin, 16. November. Ter Ausschuß des Deutsch-Israeli - schenGemeindebundes veröffentlicht nachfolgenden Aufruf: „Glaubensgenossen! Unsere vor einiger Zeit zur Pflege d es jüdischenReligion sunt errichtes in Deutschland veranstaltete Sammlung hat ein erfreuliches Resultat ergebet!, so daß es möglich wurde, in 50 armen Gemeinden einen geordneten Unterricht herzustellen. Doch das Bedürfniß ist noch lange nicht gedeckt. Glaubensgenossen! Wir bitten Euch herzlich, ermüdet nicht! Es handelt sich um eine heilige Sache. Wir müssen unfern Kindern die Religion erhalten, wir müssen ihnen die Grundlage sichern, auf der die Sittlichkeit des Einzelnen mib das Heil der Gesellschaft ruht. Wir wissen, daß Ihr für diesen Zweck schon große Opfer bringet. Aber bei der Armuth der Mehrzahl unserer Gemeinden sind die uns zu Gebote stehenden Mittel unzureichend, und nur müssen immer von Neuem uns an Eure bewährte Opferwilligkeit wenden. Seit nun 20 Jahren ist der Delltsch-Israelitische Gemein debund bemüht, neben anderen Kulturarbeiten auch die religiöse Erziehung der Juden zu fördern. Vieles ist ihm bereits gelungen, aber diese Aufgabe kann nur unter Eurer dauernden Mithilfe gelöst werden. Tretet daher recht zahlreich dem Bunde bei und nieldet Eure Namen für die außerordentliche Mitgliedschaft') bei unserem Büreau, Berlin W., Sigismnndstr. 5, aiu Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes." Wir legen unsern Lesern die Befolgung obiger Mahnung aufs Dringendste ans Herz. Wir sind überzeugt, daß nur die Unkenutniß, in welcher die deutsche Judeuheit sich über diese soziale Noth zahlreicher Gemeinden befunden hat, Ursache ist, wenn für diese wichtigste aller religiösen Pflichten dem Gemeindebund die Mittel fehlen konnten. Hier ist die Gelegenheit für Jedermann geboten, sich an der erziehlicherl Aufgabe zu betheiligen, die noch jüngst von allerhöchster Seite als die Pflicht des „sittlich höher stehenden Theils der Israeliten" hingestellt worden ist. Mit aller Kraft für die Einführung von Religionsunterricht zu sorgen, das ist unsere innere Mission. Wir rechnen zuversichtlich auf den gesunden und wohlthntigen Sinn weitester Kreise, ja wir wagen sogar zu hoffen, daß unsere jüdische Finanzwelt sich auch an diesem Werke jüdischer Nächstenliebe mit Zehntausenden, wie dies wohl nahe liegt, betheiligen werde. Möge es für unsere Glaubensgenossen ein Stolz werden, sich Mitglieder des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes nennen zu dürfen! 53 Berlin, 17. November. In der gestrigen Sitzung der Repräsentantenversammlung wurde zuerstdie Annahme zweier Schenkungen von 15000 Mk. und 12000 Mk. für die Altersversorgung beschlossen. Der Petitionsausschuß erstattete Bericht über die von dem Vorstand des Eentralwahlvereins vorgetragenen Wünsche, namentlich hinsichtlich des Modus der Repräsentantenwahl und der jährlichen Berichterstattung. Nach längerer Debatte wurde die betreffende Eingabe der jüngst ernannten Statutenrevisionskommission als schützbares Material überwiesen. — Für den diesjährigen Gottesdienst in Moabit wurde ein Zuschuß von 500 Mark bewilligt. Mit Rücksicht auf die Unterstützung, welche der Vorstand der Königswarter'schen Stiftung in Meran den dort weilenden Glaubensgenossen aus allen Ländern zu Theil werden läßt, nmrbe für diese Stiftung ein einmaliger Beitrag von gleichfalls 500 Mark beschlossen. * Berlin, 16. November. Die Entlassung Stöckers beschäftigt die Presse aller Parteien nach wie vor. Hierbei wird noch eine für den Charakter des Mannes bezeichnende Thatsache bekannt. Daß sein Demissionsangebot ein ganz freiwilliges gewesen sein sollte, war schwer zu glauben. Jetzt erfahren wir auch, daß er unter dem peinlichen Zwang der Umstände gehandelt hat. Wie die „Lib. Corr." mittheilt, Die Mitgliedschaft wird durch einen Jahresbeitrag von mindestens 10 Mark erworben, wofür die Mitglieder die „Mittheilungen" und das „ ,>ahrbuüft des Bundes erhalten. war zwar Herr Schräder, als die Berufung Drhanders zur Stellvertretung für Kögel bekannt wurde, sofort entschlossen, die für ihn unabweislichen Konsequenzen aus dieser Thatsache zu ziehen, aber Herr Stöcker weigerte sich, dem Kaiser ein Demissionsgesuch einzureichen. Erst als Herr Schräder erklärte, er werde dann allein Vorgehen und seine Entlassung erbitten, machte Stöcker gemeinsame Sache mit ihm; jetzt blieb nur noch die Hoffnung, daß man ihn um Schräders willen halten werde, denn für sich allein durfte er nach sicheren Anzeichen nicht mehr auf Huld und Nachsicht rechnen, nachdem er trotz seines gegebenen Versprechens das Demagogenthum wieder ausgenommen und darin sogar Gastrollen außerhalb Preußens gegeben hatte. — Der „Ev.-Kirchl. Anzeiger", das Organ der Orthodoxen, schreibt über die Entlassung Stöckers Folgendes: „Die Doppelstellung eines konservativeil Agitators und eines Hofpredigers ließ sich nur so lange behaupten, als der Wille Sr. Majestät es zuließ. Nachdem der allerhöchste Wille nunmehr gegen die Vereinigung dieser beiden Ausgaben entschieden hat, wäre es allerdings für die zahlreicheli Archlichen Freunde des Hofpredigers Stöcker wünschenswerth gewesen, dtzß die Entscheidung zu Gunsten des kirchlichen Amtes und nicht der politischen Thütigkeit ausgefallen und er dem kirchlichen Dienste erhalten geblieben wäre. Die Entwicklung der Dinge hat einen andern Verlauf genommen." lieber die Frage „Was nun?" schreibt die „Magd. Zeitung": „Was nun kommt, kann mit Ruhe erwartet werden. Stöcker büßt den Nimbus ein, mit dem gerade seine geistliche Stellung in den Augen Vieler seine politische Thütigkeit umgeben hatte. Er strikt zum einfachen Partner der Liebermann, Böckel, Pickenbach herab, und seine fernere Wirksamkeit wird, wenn auch zu beklagen, so doch auch leicht zu ertragen sein." Die Ironie des Schicksals wollte es, daß in diesen Tagen Herr Böckel in den Stöcker'schen Wahlkreis einbrach und dort verkündete: „Wir sind vier Autisemiten. Hofprediger Stöcker, beit Vertreter des hiesigen Bezirkes, kann man doch nicht zählen. Der steht uns nur im Wege, der hindert uns und schadet nur. Es wäre besser, er wäre gar nicht da, denn es ist ja der Herr Hofprediger." Nun, da eres nicht mehr ist, werden sie ihn doch wohl mitzählen. An den letzten Sitzungen der vereinigten Berliner Synoden hat Stöcker nicht mehr Theil genommen. □ Berlin, 12. November. Hier hat sich vor wenigen Tagen ein „Verein zur Pflege der neilhebräischen Sprache" 022N -Ql? fDtM konstituirt. Die Hörerschaft der Lehranstalt f. d. W. d. Jdtms. hat mit der Begründung dieses Vereins einen sehr löblichen Schritt gethan. Wie sehr dieser von dem Lehrerkollegium gebilligt wird, ersieht man daraus, daß Herr Dr. Eassel das Protektorat des Vereins übernahm, und daß der Vorsitzende des Lehrerkbllegii Herr Dr. Müller, da Herr Dr. Eassel leider behindert war, sich eine Freude daraus machte, den Vereill zu begrüßen und einen Eröffnungsvortrag zu improvisirell. Obwohl aber diese neue Institution von der Hörerschaft der Hochschule ausgeht, schien es doch nicht angezeigk, die Mitgliedschaft auf diese zu beschränken. Jedermann, auch Nichthochschüler, kann unter ähnlichen Bedingungen als außerordentliches Mitglied ausgenommen werden. Der Verein bezweckt, durch mündliche und schriftliche Uebnngen, durch Vorträge und Referate, durch einschlägige Bibliothek und einen jüdischen Zeitschrifteulesezirkel seine Mitglieder in dem Gebiete der neuhebräischen Sprache und Litteratur heimisch zu machen. Zwar stellen fich die Kosten eines solchen Unternehmens ziemlich hoch und sind jüdische Studenten gewöhnlich nicht in der Lage, große Allsgaben zu machen, jedoch werden wohl Schriftsteller und Redaktionen gern ihre Werke bezw. Zeitungen dem jungen Verein unentgeltlich zur Verfügung stellen und ihm dadurch einigermaßen unter die Arme greifen. Jedwede weitere Auskunft ertheilt gern der Schriftführer. An denselben (stuck, bist. Loewe, Weinmeisterstr. 14. fT.) sind auch alle Zuschriften für beit Verein zu richten. * Magdeburg, 14. November. Bei den soeben beendeten Stadtverordnetenwählen ist von besonderem Interesse die Wiederwahl des Kaufmanns Nathan. Die Wiederwahl desselben wurde bekämpft vom städtischen Verein, dessen Leitung in nationalliberalen und konservativen Händen liegt, unter dem Vorwände, die Wähler der