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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-20 · Heft 45 (20.11.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 45 (20.11.1890)
Date
1890-11-20
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 studentischen Gäste von der Bürgerschaft Botoschanis gegebenen Fest- | banfette waren, wie man der „Fr. Ztg." schreibt, in einer anläßlich des > Vorabends zum israelitischen Neujahrsfeste hell erleuchteten Synagoge die! Fenster eingeworfen und aus der Synagoge selbst Gebetriemen und Gebet-! Mäntel entwendet worden. Die öffentliche Meinung beschuldigte eine größere! Anzahl von bezecht nach Hause gehenden Studenten dieser bubenhasten Religionsstörung, und da die gesammte Presse Rumäniens mit Ausnahme der in Chauvinismus lind Antisemitismus machenden nationalliberalen Blätter den verübten Unfug rücksichtslos verurtheilte, so sah sich der Präsident des Studenten kongreffes, etn Herr Mendonidi, veranlaßt, die Urheberschaft an den erwähnten Ausschreitungen gewissen nicht- , studentischen Kreisen, namentlich aber den Hetzereien des antisemitischen j Journalisten Goroveiu zuzuschreiben. Die Folge davon war, daß : Goroveiu ein Schreiben des Suceava'er Hausbesitzers und früheren j Jassy'er Universitätsstudenten C. Vilinescil veröffentlichte, welches den > Freunden des vorerwähnten Kongreßpräsidenten das denkbar ungün- ‘ stigste Zeugniß ausstellt. Die jungen Herren haben der Aussage des genannten Gewährsmannes zufolge auf ihren Eisenbahnfahrten diverse Bahnhofsrestaurationen förmlich geplündert und sich schon während der Fahrt von Bacau nach Botoschani durch unanständige Gesten den Bahnwärterssrauen in wenig erfreulicher Weise bemerkbar gemacht. Bei der Abfahrt von Botoschani nach Jassy seien die Freunde des Herrn Mendonidi mit Gebetriemen und Mützen, welche wohl von dem Einbrüche in der Botoschanier Synagoge herrührten, auf dem Bahnhofe erschienen, um mit diesen zu israelitischen Kulruszwecken dienenden Gegenständen ' während der ganzen Fahrt bis Jassy allerlei Unfug zu treiben. In! Jassy angekommen, hätten sodann die Studenten ohne alle Veranlassung die Juden geprügelt und sei sodann in Pascani die von einzelnen! Theilnehmern des Kongresses all der Synagoge in Botoschani verübten! Heldenthateli Gegenstand einer besonderen Lobrede gewesen. Statt auf diese ihnen von antisemitisch-gefinnungsfreundlicher Seite gemachten! Anschuldigungen mit sachlichen Gegenargumentell zu antworten, haben; nunmehr die Häupter des Botoschanier Studentenkongresses beschlosseli, i sich an Goroveirl durch Massenforderungen zu rächen. Obgleich nun! aber bei den zahlreichen ganz nach Pariser Vorbild verlaufenden; Duellen Rumäniens selbst Verwundungen der Leichtesten Art zu den! größten Seltenheiten gehören so' dürfte Goroveiu doch schon wegen Zeitmangel gar llicht in der Lage seill, allen an ihn gerichteten Satis- | faktionsforderungen nachzukommen. Was aber unter allen Umständen ' demerkenswerth ist, bleibt die Thatsache, daß die antisemitische rumänische Studelltenschaft den ihnen vom Antisemiten Goroveiu angehefteten j Fleck an der Ehre nicht anders, als auf die erwähnte Weise beseitigen! zu können vermeint. * Mährtsch-Ostrair, 17. November. Die Gastpredigt des; Herrn Dr. Zimmels, Rabbiner aus St. Pölten, fand Samstag! den 15. November im hiesigen Tempel unter großem Zuspruch des; Publikums und mit außerordentlichem Erfolge statt. Thatsächlich bot! unter allen den ausgezeichneten Rednern, welche sich in der letzten Zeit! hier hören ließen, Herr Dr. Zimmels an rethorischer Kunst, feiner; Nuancirung, Innigkeit und fortreißendem Schwünge das Beste und! Größte, was noch hier gehört wurde. In vielen Augen standen Thränen,! lmd es wäre dringend zu wünschen, daß der ausgezeichnete Redner, : welcher hier zweifellos Bedeutendes leisten würde, der hiesigen Kultus-; gemeinde dauernd erhalten werden könnte. Herr Dr. Zimmels wies in! ergreifender Weise auf die Kraft des Glaubens hin, welcher in allen Fällen geeignet erscheine, uns zum Tröste und zur Stütze zu werden. ' Die Wissenschaft, so erhebend und fördernd sie auch ist, hat ihre Grenzen,; über die der Geist des Forschers nicht hinaus kann und dann doppelten! Zweifeln preisgegeben ist, die Natur, so herrlich auch ihr Anblick ist, blickt uns doch todt und gefühllos entgegen, und die verheerenden Katastrophen, die in ihr vorzukommen pflegen, zeigen das blinde Walten des Chaos, nur im Glauben quillt uns ein Quell, der nie versiegt, eine Beruhigung, die uns geordnet durch das ßebeu und getrost bis über den Tod hinausführt. - Frankreich. j * Paris, 31. Oktober. Ein wunderlicher Herr scheint der Erzbischof von Cambray zn sein. Anläßlich der jüngst in Lille hervorgetretenen Antisemitenbeweguug hatte der Oberrabbiner dieser Stadt einen Brief an den Erzbischof gerichtet und ihn gebeten, durch seinen Einfluß dem Streite ein Ende zu machen. Der Brief enthielt namentich die Bitte an den geistlichen Würdenträger, seiner Meinung über die Bewegung Ausdruck zu geben. Und die Antwort? Seine Eminenz verurtheilt natürlich das schmachvolle Treiben, aber nur ganz geheim, ganz geheim. Es darf \m des Himmels willen Niemand etwas von der Meinung des frommen Herrn erfahren. Dies drückt er vorsichtig, gan vorsichtig, also aus: „Ich verlange zwar durchaus nicht, daß meine Antworten geheim gehalten werden, doch würde ich weder eine Veröffentlichung durch die Presse, noch den Gebrauch vor Gericht gestatten." Ob Seine Eminenz wohl Ursache haben mag, die Veröffentlichung seiner Meinung zu verbieten? Fast scheint es so. Rußland. Petersburg, 1. November. Nach den Veröffentlichungen desrussischeu statistischen Centralkomitees über die Bewegung der Bevölkerung im europäischen Rußland (14. Band des statistischen Jahrbuches des Russischen Reichs) betragen die Mehrgeburten 1,192 Proc. aller Geburten, davon entfallen auf die Juden 0,692 Proc. Auf 10,000 Geborene entfallen bei den Juden Zwillinge, Drillinge und mehr 138,6. Hinsichtlich der Geschlechtsverhältnisse zeigt sich bei ihnen das bedeutendste Uebergewicht der Knaben über die Mädchen, nämlich 128,9 Knaben auf 100 Mädchen. Das Maximum der Geburten fällt in den Winter. Die Kindersterblichkeit, die überhaupt in Rußland 26,34 Proc. aller Geborenen unter einem Jahre betrügt, umfaßt bei den Juden nur 14,98 Proc. und wird nur noch von den Katholiken mit 13,06 unterboten. Türkei. * Jaffa, im Oktober. Die hiesige jüdische Gemeinde befindet sich jetzt in einer sehr peinlichen Lage in Folge eines großen Zuflusses von jüdischen Auswanderern, welche mit jedem Dampfschiffe in großer Anzahl ohne Mittel Herkommen. Die Gerüchte von bevorstehenden neuen Maßregeln gegen die russischen Juden und die Ausweisung der Letzteren aus ihren Wohnsitzen haben fast dieselbe Wirkung, wie die Plünderungen der Juden im Jahre 1882. Trotz aller Bekanntgebungen des Comitös in Odessa, daß es derzeit kein Geld besitze, um neue Kolonien zu gründen, daß sein Ziel nur sei, den dort im heiligen Lande bereits befindlichen K lonisten zu helfen, aber nicht neue zu werben, trotz alles dessen strömt man massenhaft nach Palästina in dem falschen Glauben, daß der Ausschuß dennoch große Summen besitze und Jedem Hilfe leisten werde, der nur mit Ackerbau sich beschäftigen wolle. In Odessa wendeil sich die Emigranteil nicht selten persönlich an den Vorsteher des Ausschusses, Herrn Dr. Pinsler und an andere Mitglieder, die ihnen ratheu, daheim zu bleiben; aber bedauerlicherweise halten Jene solche kluge Rathschläge für „Politik", reisen von Odessa nach Jaffa ab, wo sie ein böses Loos erwartet: Hungersnoth und Verzweiflung. Was kann jetzt die kleine, arme Gemeinde in Jaffa machen? Wie kann sie einer großeil Menge armer, unglücklicher Auswanderer, welche keinen Pfennig haben, helfen? Sie versucht es zwar nach Möglichkeit, die Hilfe aber gleicht einem Tropfen im Meere. — Nicht selten sieht man Familien nach Palästina reisen, die aus eiiiem alten Manne mit Frau und sieben kleinen Kindern bestehen, ohne einen Pfennig Geld zu besitzen; worauf rechneil diese? Solcher Armeil giebt es in den Straßen Jaffa's gar viele; sie wissell nicht, was anfangeu, und machen dann dem unschuldigen Palästina Vorwürfe. Amerika. * New-Aork, 4. November. In der im Tempel Einanu El abgehaltenen 16. Jahres-Versammlung der Vereinigten israelitischen Wohlthätigkeits-Gese lisch aften von New-Uork wurde in denl vom Präsidenten Henry Rice verlesenen Jahresbericht konstatirt. daß im Laufe des am 30. September beendeten Jahres 5170 Unterstützungs-Gesuche eingereicht, im Ganzen 28,696 Personen mit 79,142 % unterstützt wurden, daß die Gesammt-Einnahmen einschließlich der Zinsen aus dem von Baron Hirsch gestifteten Fond sich auf 104,523 $, die Verwaltungskosten u. s. w. auf 6458 $ beliefen. Im Ganzen sind während des Rechnungsjahres 32,328 israelitische Emigranten im Hafen von New-Aork eingetroffen, von denen etwa 25,000 in der Stadt blieben. Von den Applikationen um Unterstützungen kam der größte Theil, 2912, voll russischen Juden, 1131 von österreichisch-ungarischen, 749 von deutschen, über 1500 von Personen, die noch kein Jahr im Lande waren. Durch das Stellennachweislmgs-Bureau wurden 3833 Personen, davon 2804 Russen, Stellungen verschafft, an 245 Personen wurde Werkzeug

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