Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1890)
- Date
- 1890-11-20
- Page
- Seite 584 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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584 Meine Genossen neckten, lachten mich aus und nannten inich „Seelenjunge". Obwohl dieser Zuname nur ein Scherz war, bereitete er mir doch viel Leid, denn wenn ich in tiefes Nachdenken versunken war, mit mir selbst kämpfte und inich tausendmal fragte, ob ich endlich so viel Kraft besitzen werde, um mich von den finsteren Geistern loszureißen, um den helleren Weg zu betreten, schrie man mir plötzlich ins Ohr: „Seht mal, wie der Seeleiijunge vertieft in Gedanken ist." Ich wollte diese Stiche, die ich als den Anfang meines Leides betrachtete, vergessen und den Gram in der Tiefe meines Innern bergen. Ich that alles Mögliche, ich lernte, vertiefte mich in die talmudischen Dispute der gelehrten Rabbiner — aber immer wieder hörte ich die höhnischen Worte: „Seelenjunge, wie geht es Dir, bist Tn endlich klar darüber, was inan Seele nennt? ..." Fürchterlich habe ich gelitten, und nach einer schlaflosen 'Nacht beschloß ich endlich, Alles meinem Lehrer und Gustchen zu erzählen, sie um Rath zu bitten, und ihren Worten Gehör zu schenken. Gustchen war als ein kluges Mädchen bekannt; der Lehrer nannte sie immer Ehochum (Kluge), sogar meine Mutter lobte sie und sagte oft: „Wenn Guste nur eine richtige jüdische Wirthschaft führen, und eine bessere Jüdin sein wollte, wäre mir keine andere Schwiegertochter lieber als sie!" Eines Tages ging ich voll Muth zu meinem Lehrer mit der Absicht, ihm mein Herz zu öffnen und Alles wie einem Vater zu erzählen. Der Lehrer war abwesend, Gustchen saß allein am Fenster mit einer kleinen Handarbeit. Schon wollte ich nach Hause gehen, als mir eine innere Stimme zuflüsterte: „Wozu erst auf den Lehrer warten, warm» nicht Alles ihr erzählen, warum nicht ihrem Rath folgen, der nur allein im Stande ist , deinen Schmerz zu lindern!" Heftig pochte mein Herz, die Füße zitterten unter mir, und kaum meiner mächtig, stand ich wie eine Bildsäule vor ihr. Wie sollt? ich es anfangen, was ihr sagen, vielleicht wird sie mich auch auslachen, wie es meine Genossen immer thun! antwortete ich meiner inneren Stimme. — Habe keine Angst, sasse Muth und sage ihr Alles, flüsterte es wieder. Mit einem Mal, noch heute weiß ich nicht, woher ich so viel Muth hatte, stand ich neben ihr, faßte ihre Hände und mit tiefbewegter Stimme fragte ich sie: „Gustchen, ich bitte Dich, lache mich nicht aus, aber sage mir aufrichtig, was nennt man Seele?" Schelmisch blickten mich ihre großen wundervollen Augen an, und heiter lachend sagte sic: „Woher soll ich das wissen, und wozu diese Frage?" Wie die verkörperte Verzweiflung blieb ich stehen, nicht fähig, ein Wort mehr zu sagen. Plötzlich wurde sie traurig; das Lachen verschwand von ihrem rosigen Gesichtchen und Thränen verdunkelten die großen Augen. „Ja, ich weiß," sagte sie traurig, „erst jetzt erinnere ich mich, daß der Vater immer meine Mutter „meine theure, gute Seele" nannte. O! 'wie lieb hatte der Vater meine arme junge Mutter!" Durch diese Worte war der Bann gebrochen, das nebelhafte, unergründliche Räthsel war für mich gelöst! Jetzt, in diesem Augenblick, da ich vor ihr stand, wußte ich, was man Seele nennt. Vergessen waren alle weißen und schwarzen Seelen, alle guten und schlechten Engel! Mir war es nun gleichgiltig, ob ich nach dem Himmel wieder zurückkommen werde oder nicht; hier in diesem kleinen Zimmer war mein Himmel, mein Glück, meine Zukunft! Ich küßte ihre Hände zärtlich, leidenschaftlich, und mit thrünenvollen Augen fragte ich sie: „Gustchen, thenres, liebes Mädchen, willst Du auch meine Seele sein?" „Ja," hauchte sie kaum hörbar. Trunken vor Glück küßte ich ihre Augen, und wer mich jetzt gesehen, hätte wohl kaum den Talmudschüler von Rabbi Joel Kneiff und Rabbi Elia erkannt! Eine heitere, lichtere Zukunft öffnete sich vor meinen Augen, jetzt, in diesem Augenblick, riß ich mich mit aller Gewalt von den finsteren, abergläubischen Brächten los, die meine Kinderjahre verdunkelten und mir jede Freude raubten. Jetzt wußte ich, welcher Welt ich angehören müsse. Schwer war der Kampf, der meiner harrte; mit Kuinnier und Schmerz würde ich mir die Freiheit erobern müssen, ich fühlte aber keine Angst mehr vor den bösen Geistern! Fest und standhaft blieb ich, unerschütterlich war mein Wille! Die gute Mutter wird ihr Kind nicht hindern, wenn es aus dem dunklen Gefängniß, in dein es so lange eingekerkert war, sich zum Lichte und zur Freiheit emporringen will! Keine Dunkelheit soll mich mehr umgeben, die Bildung und die Arbeit sollen die leuchtenden Sterne meines Lebens bleiben, ihnen wollte ich dienen, ihnen angehören! * * * Mein Streben und meine Arbeit wurden von Erfolg gekrönt. Der dunkle, wolkenschwere Himmel , der meine Jünglingsjahre beschattete, leuchtet mir nun heute in vollem Sonnenglanze. Nach schwerem Kampf lebe ich jetzt glücklich an der Seite „meiner gefundenen Seele". Litterarische Mittheilungen. Die soziale Frage im .Judenthum. Von Dr. Adolf Kurrein, Rabbiner in Teplitz. 61 S. — Die Arbeit nach der Bibel, dem Talmud und den Aussprüchen der Weisen in Israel. Von Dr. M. H. Fried Länder, Rabbiner in Pisek. Im Selbstverläge des Verfassers. 53 S. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Juden eifrige Käufer antisemitischer Preßerzeugnisse sind. So stellte eiil New-Aorker Buchhändler fest, daß von cr. 150 Exemplaren eines antisemitischen Werkes 140 durch Juden gekauft waren. Auf der anderen Seite wird die jüdische Litteratur und Geschichte ungebührlich vernachlässigt. Kein Wunder, daß schließlich die Vorurtheile gegen die Juden von denjenigen Juden getheilt werden, denen es an ben erforderlichen Geschichtskenntnissen fehlt. Die bezeichneten Schriften sind geeignet, solche Vorurtheile zil zerstören und uns über die sozialpolitischen Anschauungen unserer Vorväter zu belehren. Die Friedländersche Arbeit, Abdruck einer Artikelreihe aus der Wiener „Neuzeit", weist nach, daß das jüdische Volk sich durch die Liebe zur freien Arbeit, insbesondere zum Feldbau und Handwerk ausgezeichnet hat, während die andern Völker des Alterthums, namentlich auch Griechen und Römer, die Arbeit mißachteten und als Sache der Sklaven ansahen. Das Kurreinsche Werkchen steckt sich ein weiteres Ziel, indem es die Gesammtheit der wirthschaftlichen Verhältnisse behandelt. Beide Werke sind hocherfreulich, es ist schwer zu entscheiden, ob man die freiere, oft geistreichere Behandlung Friedländers oder die. einfachere Kurreins vorzieht. Beide bieten eine Fülle des Interessanten. Darum seien beide Schriften aufs Wärmste empfohlen. Dem Leser gebe ich aber einen Wunsch auf den Weg mit. Wenn ihn die edlen und humanen Anschauungen unserer Vorväter mit Stolz auf die jüdische Vergangenheit erfüllen, soll er nicht vergessen, wie weit wir seitdem, wenn auch zum Theil ohne Schuld, zurückgekommen sind. Möge darum der Leser im Denken und Handeln den Vorbildern der Vergangenheit nacheifern. Noblesse oblige! Wollen wir auf die Vergangenheit stolz fein, so müssen wir derselben auch würdig sein. Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen. 11. M. C. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.