Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1890)
- Date
- 1890-11-20
- Page
- Seite 583 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227871--47512-3269038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S8S und ruhig und machte auf mich einen dermaßen guten Eindruck, daß ich gleich in der ersten Stunde mit meiner Seelenfrage, die mir keinen Augenblick Ruhe ließ und meinen Kopf unaufhörlich marterte, mich an ihn wendete. Er sah mich verwundert an, aber ruhig, wie er sonst war, antwortete er: „Bei uns Juden sind nicht alle Seelen gleich; es sind da verschiedene, gewöhnliche, die nie etwas verstehen und lernen werden, wie z. B. die des Rabbi Joel Kneiff; dunkle, abtrünnige, die sündig sind, wie z. B. die Deines Lehrers; große, die den oberen Himmel bewohnen, und sehr große, welche den Thron Gottes umgeben. Keine Seele geht verloren, alle müssen zurück, dahin, woher sie kamen. Rein von Sünde wird die Seele nur durch den Schmerz, deshalb schickt der Allmächtige große Krankheiten und i viel Unglück auf die Menschen, denn je größer der Schmerz, desto > reiner ist die Seele, die sich von ihrer Schuld, wenn nicht auf der! Erde, so im Himmel rein machen muß." Er erzählte weiter, wie man mit der Seele in den sieben Ab-! theilungen der Hölle verfährt; ich achtete aber darauf weniger, denn! noch immer war das unheimliche Räthsel, was man Seele nennt,! für mich nicht gelöst. Die Worte meines zweiten klugen Rabbi machten dieselbe Wirkung auf mich, wie die des ersten, ich verstand nämlich kein Wort, und nebelhaft, ohne zu ergründen, stand vor mir diese Frage, die mein kindliches Gemüth so schwer belastete und mir alle Freuden raubte. In derselben Nacht träumte ich, daß ich im Himmel sei und jähe, wie die Engel ihre Hände ausstreckteu, um Seelen zu enipfangen, die von der Erde zurückgekommen sind. Die Engel theilten sie in Klassen; die reinen, schneeweißen, flogen wie Tauben nach dem Paradiese, die dunklen wurden zu einem Haufen geworfen; rings | herum mit hoch ausgeschürzten Hemdärmeln standen die Engel, z wuschen dieselben und kochten sie nachher in großen schwarzen Töpfen,! die sie von der Hölle gebracht hatten. . . . Die armen dunklen j Seelen weinten und schrieen erbärmlich. . . . Unter ihnen sah ich l deutlich die meines Lehrers; sie hatte seine lange Nase, seine eingefallenen Backen, seinen spitzen Bart und seine blaue Brille behalten. Man wusch sie unaufhörlich, sie wurde aber immer schwärzer; da j erhob sich in der Mitte des Himmels ein Engel und rief mit! donnernder Stimme: „Seht hier, das ist die schwarze Seele des! abtrünnigen Lehrers, die nicht mehr zu reinigen ist!" Derselbe Engel kam auch an mich heran und sagte zu mir"; „Wenn Du Deines Lehrers Weg gehen und seinen Worten Gehör j geben wirst, so wird auch Deine Seele so schwarz sein, man wird sie! so wie diese jede Nacht ohne Erfolg waschen, bis sie verschwinden wird." „Nein! nein! Ich werde nicht mehr auf seine Worte hören, nicht in seinen Weg eingehen," schrie ich fürchterlich - und erwachte. An meinem Bette stand die erschrockene Mutter und fragte mich mit Angst: „Was ist Dir, mein Kind, warum schreist Dn?" „Mutter, ich war im Himmel," sagte ich, „und habe so viele weiße und schwarze Seelen gesehen." Des Morgens fragte mich die Mutter, ob ich auch die Seele des Vaters gesehen habe; als ich verneinte, nickte sie traurig mit dem Kopf und sagte: „Das ist schade, er würde sonst gewiß bei Dir etwas für mich bestellt haben." Kaum konnte ich die Stunde erwarte», die mich zu meinem Lehrer führte. Ich brannte vor llngeduld, ihm ineinen Tramn zu erzählen, den ich als eine Warnung Gottes betrachtete, damit mein Lehrer ein besserer, frommerer Jude werde, und ich wollte dies von ganzem Herzen, schon deswegen, um Gustchen nicht unter diesem Fluch zu lassen. Als ich ihm das Alles erzählte, sing er an zu lachen und sagte: „Ich glaube nicht an Träume, die nie etwas Ernstes bedeuten und nur eine Vision der schwachen Nerven sind. Auch Du, mein Freund, glaube nicht daran — es ist nichts, ich habe ein ruhiges Gewissen und keine Angst vor den Gespenstern, die Du bei Nacht gesehen hast." Ich sah nun deutlich ein, daß der arme Mann verloren und sein Ende nahe sei. Wie gern wollte ich ihm helfen, und wie fest war in mir durch meinen Rabbi der Glaube geweckt, daß es wirklich so sei, wie es niir meine aufgeregte Phantasie im Traume vorgestellt ■ hatte. Der Lehrer wollte aber meine gute Absicht nicht anerkennen,! und nur mit Lachen nahm er jedes Wort, das aus meinem frommen Herzen kam, auf. Wieder plagte mich unaufhörlich der Gedanke, daß ich vor diesem Mann fliehen müsse, weil er meine Seele tödten wolle, meine noch so junge jüdische Seele! Ja, ich versprach es mir hundertmal, nie mehr zu ihm hinzugehen, nie seine Worte anzuhören, aber immer wieder war es Gustchen, die mich zurückhielt; ich konnte den Gedanken nicht ertragen, sie auch nur einen Tag nicht zu sehen. Was für schreckliche Vorwürfe machte ich mir, daß ich weiter bei ihm verkehrte. Wie oft wollte ich Alles meiner Mutter erzählen, um mir mein schweres Herz zu erleichtern. Schon wollte ich den Mund öffnen und das erste Wort sagen, als plötzlich aus einem Winkel unseres Zimmers Gifftchens blasses Gesichtchen vor meinen Augen auftauchte. Ich sah, wie sie ihre kleinen weißen Händchen zu mir emporhob, mich mit ihren großen seelenvollen Augen bittend ansah. Ich hörte deutlich, wie ihr rosiger Mund sagte: „Erzähle nichts, kein Wort, ich bitte Dich sehr!" Stumm blieb ich stehen, ihre Augen waren stärker als meine Frömmigkeit, ich fühlte, daß ich für sic nicht nur ins Feuer und ins Wasser, sondern sogar in die Hölle gehen könnte. Ja, ich wußte es, daß nur durch ihre Schuld meine Seele verloreir gehen wird! Ein Schauer überkam nrich, init aller Kraft wahrte ich mich vor diesen „bösen Augen", alle guten Geister flehte ich um Beistand an — umsonst; die Macht dieser Augen war größer als mein Wille, als die mir von Kindheit eingeprägte Lehre meiner Rabbi, als die Drohung des Engels im Traume. Ich inußte hingehen. Was wird aber meine Mutter sagen, die sich so viel auf meine Frömmigkeit und Zukunft eingebildet hatte? Was wird Rabbi Joel Kneiff und Rabbi Elia von mir denken, von mir, der künftigen Zierde der Stadt und dem künftigen bedeutenden Rabbi? Was?... Wieder vergingen vier Jahre, trüb, ohne Reiz für >nich. Ich fühlte mich sehr unglücklich, denn in der ganzen Stadt war kein Mensch, dem ich mich anvertrauen und der mich verstehen konnte. Oefter als sonst verkehrte ich bei meinem Lehrer, und das waren die sonnigen Momente meines Lebens. Wie in zwei Welten lebte ich, die eine zog mich an sich mit dem ganzen Zauber der wundervollen Augen Gustchens, mit dem Lichte der Wissenschaft, das in meinem Gemüth die Worte des Lehrers geweckt hatten. Ich wußte und fühlte es, daß nur dieses Licht mein Leben umstrahlen, daß ich nur bei ihnen Ruhe und Frieden finden könnte. Dennoch wurzelte zu tief in mir der Kern des Aberglaubens, den meine Rabbi's eingepflanzt hatten. Die zweite Welt mit ihren mystischen Märchen und Sagen, mit denen man meine Kindheit rnngab mit) das freie Denken und Glauben in mir ertödtet hatte, war so stark, daß ich unfähig war, selbstständig an die bessere Zukunft zu denken. Mit voller Gewalt zog mich die Idee der Humanität und Bildung an. Mit jedem Schlag meines Herzens gehörte ich ihr, doch umgaukelten immer meinen schwachen Kopf noch Visionen von weißen und schwarzen Seelen, von Engeln, die verdammen und keinen Platz für schlechte im Himmel haben. Geplagt von meiner Mutter und Rabbi Elia, daß ich zu wenig an Gott und nur an weltliche Dinge denke, wurde ich träumerisch; stundenlang tonnte ich sitzen und Nachdenken, ohne! mir Rechenschaft zu gebe», an was ich eigentlich dachte.