Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1890)
- Date
- 1890-11-20
- Page
- Seite 582 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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582 dem unglücklichen Waisenkinde haben? Warte nur, die Seele seines Vaters wird sich an Dir rächen/' Nach solchen Worten starrte mich inein Rabbi eine Weile an, und sich an seine Frau wendend, gab er ihr die für mich bestimmte Portion. Eines Abends war aber die gute Frau abwesend, und diese Zeit benutzte mein würdiger Rabbi, um mich so zuzurichten, daß ich j nach Hause gehend vor Schmerz zitterte, damals hob ich bitter weinend die Augen zum Himmel und betete: „Väterchen, süßes, gutes Väterchen, räche Dich an Joel Kneifs! Was will er von meiner! armen Seele haben!" Daß er nur den Körper kniff, habe ich in dieser traurigen; Stunde gänzlich vergessen. Es geschah oft, daß der Rabbi anstatt zu lehren, verschiedene j Geschichten erzählte, und das waren die glücklichsten Stunden für! »ns Schüler, da hörte das Kneifen auf. Die harte Stimme, die : Rabbi Joel beim Lehren oder wenn er zu seiner Frau sprach be-! nutzte, ging in den süßen Ton, den er für Mirjam seine Tochter j hatte, über; die inuner finstere Stirn glättete sich in solchen Momenten j ans. Die scharfen Gesichtszüge umspielte ein feines Lächeln, und! unser Rabbi schien wie verändert. Ach, diese Freude wurde uns aber karg gespendet, man mußte erst viele Tage vorher darum bitten ■ — sogar bezahlen. Hätten wir damals geahnt, daß der so hoch in i unserer kleinen polnischen Stadt gepriesene Rabbi damit seinen j Mangel an Wissen vertuschen und mit diesen Erzählungen den j üblen Eindruck verdecken wollte! Wir armen Jungen warteten aber; auf diese selige Stunden wie auf eine Erlösung, die uns von seiner harten Hand befreien sollte, und wir erkauften das Glück mit Geschenken für Mirjam. Zwar lockten und lächelten uns die rothen Aepfel und Birnen an, wir widerstanden aber diesen Verlockungen wie Helden, sammelten unsere Groscheil und kauften ein Tuch oder etwas anders für das einzige Töchterchen des Rabbi Joel Kneiff. Erst als er den gekauften Gegenstand in der Hand hielt, begann er uns zu erzählen, wie der Allmächtige die Seelen aus seiner Schatzkammer wühlt, um sie nachher in den Körper zu blasen, — und ich stellte mir vor, daß die Seelen bei Gott in der Schatzkammer so liegen, wie die Maaren in dem Laden meiner Mutter, im gelben, blauen, weißen Papier fest zusammengebunden. Der Ewige, sagte er weiter, wählt die Seelen und bestimmt, welche von ihnen die sündige Welt betreten soll. Das arme Seelchen zittert und weint. Oben im Himmel werden sie alle von Engeln unterrichtet und belehrt, und wenn eine den Himmel verlassen muß, so zeichnet sie der Engel, indem er ihr einen Druck in! die Oberlippe giebt, damit sie wieder Alles vergessen und verlernen i soll. Deshalb haben alle jüdischen Kinder dieses Zeichen. j Am selben Tage lief ich mit einigen christlichen Kindern Schlitt- ' schuh und bemerkte, daß auch bei ihnen dasselbe Zeichen war. Hans, fragte ich einen von ihnen, sage mir doch, hast Du auch eine Seele? Was geht das Dich an, antwortete mir barsch der Junge und j drehte mir den Rücken zu. Ich blieb stehen, ohne zu wissen, wer Recht hat. Das Räthsel j blieb für mich ungelöst.! Außer bei Joel Kneiff bekam ich auch noch Stunden bei einem jüdischen Lehrer, den man für einen großen Apikores (Abtrünnigen) hielt. Der sonst sehr gebildete Mann war dermaßen in der Stadt verachtet, daß Niemand mit ihm verkehren, geschweige bei ihm was essen wollte. Er war Wittwer, und den ganzen Haushalt führte seine einzige Tochter Guste, die etwas jünger war als ich» Die Leute wollten es nicht glauben, daß dies Kind eine gute jüdische Wirthschaft führen könnte. Da er der Einzige in der Stadt ivar, der fremde Sprachen verstand, und meine Mutter es durchaus wollte, daß ihr Ben Jochid (einziger Sohn) gut „schreiben" können soll, schickte sie mich, freilich nur ungern, zu ihm. „Ich bitte Sie sehr, Herr Lehrer," sagte sie, als wir das erste Mal bei ihm waren, „lehren Sie meinem Sohn keine schlechten Sachen, keinen Talmud noch Bibel, ich will es nicht, ich wünsche nur, daß er ein ordentliches Briefchen schreiben können soll." Der Lehrer versprach meiner Mutter, ihrem Wunsche treulich nachzukommen, daß er das gegebene Wort nicht gehalten hatte, das weiß ich. Gleich zu Anfang, begierig zu wissen, was mit der Seele sei, erzählte ich ihm die Geschichte mit der Oberlippe. Als ich zu Ende war, raffte er sich wüthend auf, durchmaß wie ein Rasender das Zimmer und schrie: „Dumme Schafstöpfe, Mörder, Fledermäuse!" Er beruhigte sich aber bald, setzte die in der Hast heruntergesallenc Brille wieder auf, zog mich an sich und fragte weich: „Glaube nicht, mein Kind, was Dir der dumme Rabbi vorschwatzt, Du hast es ja wohl gemerkt, daß auch Kinder anderer Konfessionen nicht anders sind, wie Du. Hatten sie alle andere Augen, andere Hände oder Füße? Lachen sie nicht wie Du, und wenn sic weinen, fließen die Thränen anders wie bei Dir; warum sollten sie keine Seele haben? Alle Menschen sind gleich, ein Gott ist ihr Vater, eine Erde ihre Heimath. Währ ist es, daß sich manche Nationen feindlich gesinnt sind; das geschieht aus verschiedenen Gründen, die Du erst später verstehen wirst; wir hoffen aber, daß auch das ein Ende nehmen wird, wo sich Alle gleich fühlen und nur den einzigen Gott anerkennen tverden. Verschwinden wird dann jeder Haß, sowie unsere Propheten geweissagt haben, Ruhe und Segen wird über die Länder kommen, die den einzigen Gott anerkennen werden!" Noch lange redete der Lehrer so, aber ich verstand ihn damals noch wenig und konnte es kaum glauben, daß alle Menschen gleich seien, daß außer den Juden auch noch andere Verstand haben. . . . Es wurde mir ja täglich eingeprägt, daß der Lehrer kein guter Jude sei und gar nicht glaubte, daß die Seele nach dem Tode des Menschen wieder in den Himmel komme. Mir wurde in seiner Gegenwart unheimlich zu Muthe, ich wollte von ihm fliehen und Alles der Mutter erzählen, aber eine innere Kraft hielt mich zurück und befahl mir, mit der größten Aufmerksamkeit seinen Worten zu lauschen. Allmählich wurde ich ruhiger, und lernte das „Schreiben", tvie auch andere Gegenstände, ziemlich fleißig. So vergingen drei Jahre ohne irgend eine Veränderung in meinem Leben, als mir eines Tages meine Mutter sagte, daß ich von jetzt ab meine Studien, anstatt bei Rabbi Joel, bei einem viel größeren Rabbi, bei dem sie mit vieler Mühe einen Platz für mich bekommen konnte, weil er so viele Schüler habe, fortsetzen würde. Mit großer Freude nahm ich diese Nachricht auf, denn je länger ich bei meinem Lehrer lernte, desto mehr kam ich zu dem Bewußtsein, daß Rabbi Joel Kneiff ein gewöhnlicher Nimm ohne Wissen war, der irur gut kneifen und das Geld von uns abzunehmen verstand. Ob der so berühmte Rabbi Elia mehr wußte, könnte ich wohl jetzt als älterer Mann beurtheilen, damals kam er >nir jedenfalls als ein hochwürdiger Mann vor. Er war stark und schön gebaut; sein volles rundes Gesicht umrahmte ein grauer Bart: er sprach sehr langsam