Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1890)
- Date
- 1890-11-20
- Page
- Seite 581 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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581 oder wie die heutige Welt auf die neue Mode sagen thut: er liebt sie. Somit ersuch' ich nochmals um baldige Antwort ans diesen Brief. Ich verharre Ihr Freund und Mechuten Jtzeg, Randar." Nachschrift. Ich bitte, mir zu schreiben, ob Sie die Sache mit mir ohne Schadchen abniachen wollen, oder ob ich einen verläßlichen Menschen zu Ihnen schicken soll, mit dem Sie mündlich reden können. Noch eine Nachschrift. Mein Chajim hält' auch gern einen Gruß an diesen Brief geschrieben; ich Hab' es aber nicht leiden wollen, denn ich Hab' zu ihm gesagt, du bist noch nicht ihr Bräutigam — und so lang Du noch nicht ihr Bräutigam bist, hast Du ihr nichts zu schreiben. So hat er mich gebeten, ich soll schreiben, was er mir diktircn wird, und das thue ich: Chajim sendet an die Fräulein Röchele seinen Händkuß. In meinen Augen ist das eine Narreschkeit, aber was soll nian thun mit der jungen Welt, geb' ich ihm die Narreschkeit nach. Der Obige. „Nun weißt Du jetzt, wie viel es geschlagen hat?" fragte der Randar, nachdem Rachele diesen Brief und die beiden Nachschriften zu Ende gelesen hatte. »Ja, jetzt weiß ich's," sagte Rachele völlig unbefangen. „Also wie gefallt Dir der Brief?" „Der Brief? sehr gut Wirklich eine Unterhaltung." „Nun siehst Du jetzt, daß man nicht soll voreilig sein." „Voreilig sein?" „Weil Du ihn vorhin einen narrischen Jungen geheißen hast?" „Und ist er denn .etwa keiner? ist dieser Brief denn nicht die allergrößte Narrethei, die jemals auf der Welt existirt hat? Das geht ja über eine Kreuzer-Komödie, soll ich leben. So ein Narr, weil ich mit ihm getanzt Hab; red't er sich ein, ich Hab' ihn gern. Nein das ist mir auch noch nicht vorgekommen. Und das mit dem Händkuß! Ein abgerissener Narr ist er! „Rachele," sagte der Randar, der zu diesen Reden große Augen machte. Die Sach' ist noch zu überlegen. Zu verwerfen ist so eine Parthie nicht. Du lachst die „Khille-Leut" alleweil aus, hier hast Du einen Randarssohn und dazu ist er ein einzig Kind. Und Reb Jtzeg weißt Du, das muß ich Dir sagen, ist ein sehr reicher Mann. Und er übergiebt ihm die „Rande", Du kommst gleich in ein Hans hinein, wo Du Dich nicht fremd zu fühlen brauchst, Du bleibst bei dem Geschäft, bei dem Du von Jugend an ausgewachsen bist. Aus einer „Rande" gehst Du heraus, in die andere gehst Du hinein. Ich halt' es für sehr passend. Ein schöner Jung' ist es auch. Und was Du sagst von Narreschkeit; ich seh' nicht ein, wo die Narreschkeit steckt. Weil er Dich gern hat? ist es eine Narreschkeit, ein schön Madel gern zu haben? so gar narrisch find'ich das just nicht. Heh?" Rachele schwieg. (Fortsetzung folgt.) U Was nennt man Seele? kleidete mich an und führte mich zu einem Nachbar. Am andern Tag, als ich nach Hause kam, konnte ich unser Zimmer kaum erkennen. Der Fußboden war dick mit Stroh bedeckt, den Spiegel und die Hängelampe umhüllten dunkle Tücher, in jedem Winkel herrschte die größte Unordnung, und meine Mutter saß ohne Schuhe! auf einem kleinen Schemel und weinte.! Als sie mich erblickte, entrang sich ihrer Brust ein fürchterlicher j Schrei, und mit vor Thrünen erstickter Stimme sagte sie: „Da; kommt mein unglückliches arines Waisenkind!" j Voll Angst und Schell sah ich mich um, mein Blick irrte unj aufhörlich zu den mir fremd gelvordenen Gegenständen und blieb j fest an dem Fenster haften. Dort brannte eine kleine Oellampe,! daneben stand ein Glas Wasser, und auf dem Fcnsterriegel hing ein! Stück weißer Leinwand.! „Warum brennt bei Tage die Lampe, lvozll das Wasser und l die Leinwand?" fragte ich neugierig.! „Dein Vater, mein Kind, ist tobt," antwortete mir eine ältere i Frau, „das Lämpchen brennt für seine Seele, die sich in dem Wasser j wäscht und mit dem Leinen trocknet. Wenn Du ernst und auf-! merksam das Kaddisch (Trauergebet) sagen wirst, wird die Seele! Deines Vaters gleich zum Himmel fliegen." Die Seele ist also ein Vogel, dachte ich mir. Eines Tages führte mich der Schuldiener alls der Schule nach i Hause. Die Luft war rein, und über uns flog eine Schaar Vögel vorüber. „Seelchen, Seelchen fliegen!" schrie ich erfreut. Mein Begleiter sah sich neugierig um und fing an zu lachen, j „O Du dummes, einfältiges Kind!" sagte er, „wo siehst Du Seelen, das sind ja Vögel, gailz gewöhnliche Vögel. Als ich nach Hause kani, fragte ich meine Mutter, wie man eigentlich eine Seele von einem Vogel unterscheiden könne. Darauf bekam ich aber von ihr keine Antwort. * ... * Vierzehn Jahre war ich alt, als mich meine Mutter zu Rabbi Joel Kneifs in die Schule gab, um dort meine hebräische Bildung fortzusetzen. Bis heute weiß ich nicht, ob mein Rabbi Joel Kneiff hieß, oder ob ihm diesen Zunamen seine Schüler gegeben haben, weil er sic! ohne Erbarmen kniff. Er wartete nie, bis inan es verdient hatte; er j gab es uns immer iin Voraus. „Nur weinet nicht umsonst," sagte er, als wir vor Schmerz die! bittersten Thränen vergossen, „ich kneife ja nur Eueren Körper, der i Starib und Asche ist; >vas schadet Euch das, wenn die Würmer i weniger im Grabe zu fressen haben werden?" „Was ist also die Seele?" fragte ich. „Die Seele ist etwas Geistiges," antwortete Rabbi Joel. * ... * Von Eleonore Birnbaum. Ich erinnere mich, wie im Trauin, in unserer Wohnung einen kleinen hageren Mann gesehen zu haben, der mich immer küßte und; liebkoste. Später sah ich denselben kleinen Mann furchtbar stöhnend ■ im Bett liegen, meine Mutter rang verzweifelnd die Hände und j weinte krampfhaft. Einmal, es war Nacht, wurde ich plötzlich durch ein sonderbares j Geräusch geweckt. Als ich die von Schlaf trunkenen Augen öffnete, , sah ich in unserm Zimmer viel Männer und hörte vom Flur jämmerliches Schluchzen und Schreien. Erschrocken sprang ich auf und fing an heftig z» weinen. Da kam einer von den Männern zu mir, Wie den Tod haßte Joel Kneiff seine Frau, dafür war die einzige Tochter Mirjam sein Augapfel. Wir Schüler konnten Mirjam nicht leiden, weil sie uns nachspionirte, um später Alles ihrem Vater zu erzähle». Die Frau des Rabbi achteten wir dagegen sehr, schon deshalb, weil sie uns auf Kredit Aepfel, Birnen und andere gute Sachen verkaufte. Der bedeutendste unter ihren Kunden und überhaupt unter den Schülern war ich; sie bevorzugte mich auch immer, indem sie mir die größten Aepfel und Birnen gab. Sehr oft war sie mein reitender Engel, der sich zwischen mich und Rabbi Ivel stellte, uin mich vor seiner harten Hand zu schützen; sie schrie ihn dann immer zu: „Du grausamer, böser Man», was willst Du von