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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-20 · Heft 45 (20.11.1890) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 45 (20.11.1890)
Date
1890-11-20
Page
Seite 580 (sequence 8)
Language
German
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580 „Er will ihn nicht annehmen." „Er will ihn nicht annehmen? Warum?" „Was weiß ich? Er will nicht, durchaus nicht. Er sagt, er braucht nichts." „Und wo steckt da die Weisheit?" „Schaut, Alter!" sagte Pawel, nachdem er einen guten Schluck gethan, ,,das gefallt mir vom Leb, daß er sich diesen Dienst nicht will mit Geld bezahlen lassen; denn was der Leb gethan hat, so was thut man nicht für Geld, so was thut nur Einer, der ein Herz im Leib' hat, und der sich für sein' Nebenmenschen hingiebt — wie unser Herr Pfarrer zu sagen pflegt. Ich sag' Euch, Alter, der Leb hat etwas Christliches in sich." „Red't keine Narretheien, Pawel!" sagte der Randar. Pawel aber ließ sich's nicht wehren und fuhr fort: „Ich kann mir nicht helfen, Alter! Stark ist er, wie ein Ries', und demüthig ist er, wie — —" „Wie haben Dir die Khille-Leut' gefallen?" wendete sich der Randar scheinbar gleichgiltig an Rachele, gleichwie als wollte er nur Pawels Ausführungen entgehen. Rachele erwiedertc: „Wie alleweil; die Khille-Leut' machen mich nur lachen." „Und Dein feiner Tänzer? wie hat Dir der gefallen? Ihr wißt gar nicht," — wendete sich der Randar hierauf wieder an die Söhne, ohne Racheles Antwort abzuwarten — „Rachele hat Euch noch gar nichts erzählt! Nun ja, wir haben diese Woche von andern Dingen zu reden gehabt, als von Tanzen und Springen." „Was ist da mehr? was sollen wir wissen?" fragte Koppel. „Was soll da sein?" sagte Rachele, „etwas ein närrischer Jung' war drüben, mit dem ich am besten getanzt Hab', der hat sich an mich angehüngt, wie ein „Recherl" nicht wegzubringen." Der Randar blieb stehen und machte große Augen, da er dies hörte. „Der Jung' ist doch kein Khille-Juug'!" sagte er nach einer kleinen Panse wie vorwurfsvoll, „er ist ja der Sohn von einem Randar!" „Er ist noch ärger wie ein Khille-Juug'," sagte Rachele völlig gleichgiltig. „Wie so? Ich versteh' Dich nicht!" „Ein Khille-Jung' thut sich was d'rauf zugnt, daß er kein Dorf-Motz ist, und spreizt sich, das ist lächerlich. Wenn aber ein Dorf-Motz dieses Gespreiz nicht verachtet, wenn ein Dorf-Motz die Spreizerei der Khille-Leut' nachmachcn will und sich schüint, ein Dorf-Motz zu sein, so ist das »och viel lächerlicher." „Darin hat Rachele Recht!" stimmten alle Brüder einstimmig bei. Dem Randar aber schien Rachele's Auseinandersetzung und der Beifall der Brüder wenig zu gefallen; nachdenklich ging er in der Stube auf und ab und sagte nichts. Nach „Hawdalah" ließ sich der Randar von Rachele seine Meerschaumpfeife stopfen. Nachdem er sie angezündet und einige erquickende Züge aus derselben gethan hatte, sagte er: „Deine Red' von vorhin, Rachele, war gar nicht recht." Rachele schaute den Bater fragend an, war sie sich doch keines Unrechts bewußt. Der Randar aber fuhr fort: „Ich Hab' Dir vorhin vor Deinen Brüdern nichts sagen wollen, und so Hab' ich geschwiegen; jetzt aber, da wir allein sind, sag' ich Dir's, Deine leichtsinnige Red' hat mir gar nicht gefallen." „Was für eine Red'?" fragte Rachele harmlos. „Wie kann man über einen Menschen so reden, mit dem man sich auf der Hochzeit in so ein Tachtel-Machtel eingelassen hat?" „Bater-Leben! ich versteh' nicht, was Du sagen willst." „Was brauchst Du Dich so zu stellen, als wie wenn Du nicht zwei zählen könntest?" sagte der Randar. „Soll ich Dir den Finger in den Mund stecken, ob Du beißen kannst? Auf der Hochzeit hast Du ganz offen gesagt, daß er der beste Tänzer ist, und daß Du mit ihm am liebsten tanzen thust. Und jetzt-" „Nun, und sag' ich denn das jetzt nicht auch noch?" „Nu also," fuhr der Randar fort, „möcht' ich mich über ihn nicht lustig machen." „Wie kommt Eins zum Andern? Kann denn nicht Einer ein guter Tänzer sein und dabei doch ein närrischer Jung'?" „Du sollst so etwas aber gar nicht sagen! Tu weißt ja, was die Leut' auf der Hochzeit schon von Euch gered't haben!" „Von uns? von wem?" „Bon Dir und ihm!" „Was haben sie gered't? Nichts weiß ich! wahrhaftig nicht ein Wort!" „Also konnn her, wenn Tu nichts weißt; thu' da diesen Brief lesen, den ich bekommen Hab', wirst Du es gleich wissen." Zitternd nahm Rachele den Brief und sah hinein. „Du kannst „hoch" (laut) lesen!" sagte der Randar, „es hört uns Keiner." Rachele las: „Lieber Mechuten! Wir haben es sehr bedauert, daß ein unglücklicher Zwischenfall Sic und Ihre beiden Kinder neulich auf der Hochzeit bei Reb Joichene mitten aus der größten Freud' von uns weggeführt hat. Wir haben es bedauert, ich, und mein Sohn Chajim noch mehr; denn Sie wissen, was für ein Vergnügen es ihm gemacht hat, daß Ihre schöne Tochter Rachele so rasch für ihn eine Neigung gefaßt hat, wie er für sie. Die ganze Welt sagt, es ist voin Hinimel, es ist Bestimmung Gottes, utt'o mitten aus dieser Freude heraus hat man sie auf einmal abgerufen. Wir freuen uns aufrichtig darüber, daß das Unglück, das Sie betroffen hat, ein unbedeutendes gewesen ist, und daß ein größeres Unglück, von dem Sie Hütten — Gott behüte! — betroffen werden können, durch den braven Branntweinbrenner, von dem man erzählt, daß er sehr gute Dienste bei der Sache geleistet, verhütet worben ist. Jetzt, nachdem die Sache wieder vorbei ist, können wir endlich vom „Tachlis" (Zweck) reden. Tie Hauptsach' ist schon geschehen, eine „Beschau" ist nicht mehr nothwendig, die beiden Kinder haben sich gesehen und haben mit Gottes Hilf' an einander Wohlgefallen gefunden. Mein Chajim sagt, es existirt auf der ganzen Welt kein schöner Madel, wie Rachele, und Ihre Tochter urtheilt wahrscheinlich ebenso über ihn. So ist es ja immer, wenn sich zwei Leut' gern haben. Das macht Gott so. Also lieber Mechuten! handelt es sich nur noch, um die andern Angelegenheiten, über die wir uns, wie ich hoff', mit Gott's Hilf' vereinigen werden. Wir werden dazu keinen Richter brauchen. Denn warum? Mein Chajim ist mein einziges Kind, und ich will nichts haben, als wie sein Glück. Ich geb' ihm nach der Hochzeit die „Rande" über und setz' mich auf meine alten Tag zur Ruh'. Unsereins hat genug gearbeitet. Soll sich jetzt die junge Welt auch ein biffel plagen. Was Sie Ihrer Tochter als „Nedan" (Mitgift) nachgeben, das will ich heut' noch gar nicht fragen. Denn warum? Sie wissen ja, was Sie ihr geben, das geben Sie Ihrem eigenen Kind, und Sie werden Ihrem eigenen Kind kein Unrecht nicht thun. Also, wie gesagt, ich ersuche Sie, auf diesen Brief mir baldigst Antwort zu schreiben, denn mein Chajim hat schon gar keine Geduld mehr. Ich sollt' das zwar nicht sagen, denn das Sprichwort ist: Wenn man kaufen will, schänd't man. Indessen, ich sag' es doch, weil ich ja weiß, mit wem ich es zu thun Hab', und daß Sie aus dieser Offenherzigkeit kein Kapital schlagen werde». Ich sag' es deswegen, weil ich Ihnen nicht verbergen will, wie sehr gern mein Chajim Ihre Tochter Rachele hat,

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