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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-11-13 · Heft 44 (13.11.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 44 (13.11.1890)
Date
1890-11-13
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 sing, der Dichter WilLiatn Morris und die russischen Flüchtlinge Stepniak, Felix Wolkowski und Fürst Krapotkin hielten Ansprachen. Stepniak jagte ,man habe behauptet, die Abhaltung einer solchen Versammlung werde die russische Regierung nur zu ärgerer Bedrückung der Juden veranlassen: dazu sei sie schon fähig, aber durch Nachgiebigkeit gegenüber der russischen Regierung werde nichts erreicht; in keinem Lande werde wiche Tyrannei ausgeübt wie in Rußland, und die schändlichen Gesetze gegen die Juden seien erlassen worden, weil Juden an der revolutionären Bewegung Theil genommen, hätten; das englische Volk solle fortfahren, seilte Stimme gegen russische Bedrückung Zu erheben und so die Hände derjenigen zu stärken, welche bessere Verbältuissie herbeizuführen versuchten. Nachdem die diesbezügliche Resnlotion gefaßt worden war, wurde die Versammlung geschlossen. NuAand. Petersburg, 1. November. Die heutige Nummer des „Temps" veröffentlicht ben nachfolgenden Bericht ihres Petersburger Spezialtvrrespondenten über die Juden frage: Seit meinem jüngsten Briefe über die Inden habe ich einige wenig bekannte Aktenstücke in Händen gehabt, welche interessante und lehrreiche Aufschlüsse über die angenblickliche Lage der Juden in Rußland geben. Es sind das Berichte, welche der Zur Behandlung der Jtldenfrage eingesetzten Kommission eingereicht worden sind. Viele derselben sind mit großer Unparteilichkeit abgefaßt und enthalten viele gerechte und menschliche Betrachtungen, so daß mau staunen muß, wie wenig die Konimission auf diese Rücksicht genommen hat. Noch interessanter sind die statistischen Recherchen, welche dieselben über die jüdische Bevölkerung Rußlands enthalten. Die allgeführten Zahlen sind von zweifelloser Authentizität, da sie theils aus der ministeriellen Statistik, theils an Ort und Stelle durch die zuständigen Behörden ausgenommen sind. Ein Blick auf sie genügt, um Zli der Ueberzeugung zu gelangen, daß ein Theil der Vorwürfe, welche man den Juden macht, jeder Begründung entbehrt. So hört man oft die Meinung aussprechen, daß die Inden der Halldarbeit abhold unb in Folge dessen nicht produktiv thätig feien. Demgegenüber besagt ein im Jahre 1888 veröffentlichter Bericht über die Zahl der Juden, welche sich ill ben 15 ihnen offenen Gouvernements, besonders in den 10 Weichselprovinzen, der Industrie gewidmet haben Folgendes: Die Gesammtbevölkerung dieser 15 Gouvernements beläuft sich auf 23,716,128, wovon 2,404,256, also ungefähr 10 Prozent, Juden sind. Von diesen widmen sich 293,507, also 12,2 Prozent, der Jndilstrie. In Frankreich bilden die industriellen Klaffen 10,6 Prozent, in Preußen 9,1 Prozent der Gesammtbevölkernng. Den Prozentsatz für Rußland festzustellen, ist schwer, aber die Angaben, die wir besitzen, berechtigen zu dem Schluß, daß derselbe geringer ist. als die zitirten Zahlen. So erreichte das Gouvern. 'Moskau 1866 nur 3 Proz., und es steht außer Zweifel, daß tu Rußland verhältnißmäßig mehr Inden als Christen Industrie treiben. Unter den 218,257 Einwohnern Odessas sind beispielsweise 69,000, d. h. 31 Proz. Juden. Nun stellen die Juden 50 Proz. aller Industriellen der Stadt <wobei ich mit „Industrieller" das russische Wort „Nemesslenik", d. h. wörtlich „Einer, der ein Handwerk betreibt", übersetze. Die „Remessleuiks" theilen sich in Meister, Gesellen und Lehrlinge). Ebenso häufig ist die Anklage, daß die Juden sich dem Militärdienst entziehen. In der Thal zeigt die offizielle Statistik, daß unter einer gleichen Anzahl Konskribirter welliger Juden thatsnchlich dienen, als Nichtjuden. Ich sage „Nichtjnden" und nicht „Christen", weil es in Rußland neben den Christen noch Mvhamedaner und Heiden giebt. Die Statistik zeigt aber dieses für die Juden ungünstige Bild um darum, weil ment sie verhältnißmäßig mehr allshebt. Zum Beweise dienen folgende Ziffern. In dem Zeitraum von 1875 bis 1886 silld jährlich durchschnittlich 740,104 Mann, darunter 37,233 Juden ausgehoben worden. Vergleicht man nun die Gesammtziffern der jüdischen Mid der nichtjüdischen Bevölkerung, so findet man, daß die Regierung jährlich 9568 Juden zu viel nusgehoben hat, oder im Verhültniß 134 Juden auf 100 Nichtjuden. Das Verhültniß der thatjächlich eingereihten Juden zu Nichtjuden stellt sich lvie 101 zu 100, ist also ein gleiches. Das ist um so höher anzuschlagen, als das Land, zu dessen Vertheidigung sie eingezogen werden, ihnen nur sehr beschränkte Rechte gewährt. Wie kommt es nun, daß die Juden in größerer Anzahl ausgehoben werden? Der Bericht giebt folgenden Aufschluß: Man läßt itt den Listen alljährlich eine beträchtliche Anzahl Judetl, die längst Hütten gestrichelt werden müssen, figuriren. Das rübrt daher, daß es den Juden fast unmöglich ist, über Todesfälle in ihren Familien offizielle Bescheinigungen zu erlangen. Ein dritter Bericht endlich, der das Imprimatur > der Zensur am 29. April 1887 erhalten hat, läßt darauf schließen,! ivelchen Vortheil Rußland aus einer gerechten nub billigen Lösung der; Juden frage unter Aufhebung der Ausnahmegesetze von 1882 ziehen könnte. Diese Gesetze sind ein Unglück für das russische Reich. Ihr Resultat ist; die Auslösung von zwei Fünfteln der städtischen Bevölkerung des enropäischetl Rußland. Thatsächlich wohnten von 2,759,811 Inden im Jahre 1870 volle 2,700,000 in den Städten, was, bei einer städtischen Bevölkerung von 7,114,331 Einwohneril ein Verhültniß von 37,95 Proz. gab. Die Ziffern haben sich seit damals geändert, doch das Verhültniß ist das gleiche geblieben. Nun sind es bekanntlich in erster Linie die Städte, welche den Fortschritt eines Landes begründen, und Rußland hat bereu nicht allzu viele. Die städtische Einwohnerschaft bildet in Frankreich 29,1 Prozent, in Deutschland 32,3 Prozent, in England 44,8 Prozent, in Rußland — 11,2 Prozent der Gesammtbevölkerung. Die russische Industrie würde bei Rücknahme der im Mai erlassenen Gesetze gewinnen. Professor Jaucht hat in eitlem Vortrag an der Universität Moskau am 12. Januar 1887 tonstatirl, daß von 1867 bis 1878 die Industrie in den lo Weichselprovinzen eine stellenweise 2, 3, ja stellenweise sogar 25mal größere Entwickelung \\i verzeichnen hat, als im Moskauer Gebiet. Tie Thatsache, daß die Juden in diesen Provinzen größere Freiheiten genießen, hat sicherlich großen Einfluß atif dieses Ergehn iß. Andererseits ist eine große Änznhl russischer Industrieller und Kauflente buid) die Gesetze, welche den Juden den größten Theil Rußlands verschließen, offenbar geschädigt. „Tie jüdischen Händler der Gouvernements Witebsk und Mohilew z. B.." sagt der! Bericht, „würden gern ihre Waaren nach 'Moskau lind nicht nach dem viel weiter entfernten Warschau unb Lodz zum Verkauf bringen. Sie sind indessen gezwungen, sich in diese letzteren Städte zu begeben, wo; sie nach Belieben Hattdel treiben können; denn in Moskau droht! ihnen eine schimpfliche Ausweisung." Man sollte daher doch wohl j versuchet!, die kommerziellen Fähigkeiten unb den Unternehmungsgeist i der Juden für Rußland nutzbar zu machet! und sie zu des Landes Wohl zu verwerthen, anstatt sie zur Unthätigteit zu verurtheilen. Man wirft den Juden so vfl ihre Exklusivität, ja eine gewisse Freimaurerei vor, die sie unter sich bilden. Logischer Weise sollte man sie; nicht als Fremde behandeln und die Kluft erweitern, die sie von den! Russen trennt, sondern daratt arbeiten, sie mit der übrigen Bevölkerung I zu verschmelzen. „Diese Berschmelzntlg" so schließt der Bericht „könnte nur auf dem Boden der gesetzlichen Gleichberechtigung vor sich! gehen." Diese Erwägungen, welche wir den offiziellen Berichten, wie; sie der Kommission eingereicht worden sind, ohne jeden Zusatz entnommen! haben, sprechen detttlich dafür, daß die Gesetze vom Mai d. I. nicht; den thatsnchlichen Bedürfnissen Rußlands entsprechen, und berechtigen; zu der Hoffnung, daß die Kottferenz, welche gewisse Punkte der Judenfrage regeln soll, sich in ihren Arbeiten von weniger engherzigen, da- E gegen den russischen Interessen mehr entsprechenden Prinzipien leiten! lassen wird. Schweden. A. B. Gothenburg, 18 November. Die Notiz in Nr. 40 dieser geschätzten Zeitung über die Juden in Schweden erfordert folgende Berichtigung. Die Gemeinden in Stockholm und Gothenburg (sowie; auch die kleineren in Norrköping und Karlskrona) sind keineswegs von eingewanderten P ol en , sondern von Deukschen, Dänen und zum Theil auch von Holländern gegründet worden. Polen sittd in den letzten Jahrzehnten, in geringer Anzahl, nachdem sie das nur sehr schwer zu erreichende schwedische Bürgerrecht erlangt, in die Gemeinden ansgenommetl worden. Es hallen sich hier zu Lande Polen, ohne Bürger zu sein, an verschiedenen Orten, so auch hier, entweder längere oder kürzere Zeit auf, diese aber stehen ganz außerhalb des gesetzlich organifirten i Gemeindelebens. In neuerer Zeit haben sich jedoch in Malmö und; Kalmar Gemeinden gebildet, die fast nur ans Polen bestehen. Bei i dieser Gelegenheit sei es mir gestattet, auch einen au einer anderen i Stelle vorkommenden großen Jrrthnm zu berichtigen. In der Jahrcsrevne des Volkskalenders für bas Jahr 5651 von Brandeis heißt es Seite 145 folgendermaßen: „'lieben Stockholm giebt es nur uod> eine | nennenswerthe jüdische Gemeinde, die in Gothenburg Norrköping,! vbfchon sie seit 40 Jahren eine Synagoge hat, welche jedoch nur ztt den! hohen Festtagen besucht wird." Ferner: „Die Stellung der Juden in; Schweden läßt noch Vieles zu wünschen übrig; wenngleich auch eine j geringe Zahl von Juden Staatsämter bekleiden, so läßt sich doch nicht | behaupten, daß die Israeliten in diesem Lande ihren nichtjüdischen

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